Konfrontation zwischen Jesus und den Pharisäern, dargestellt von Lucas Cranach d. Ä., 1472–1553. © André Held/AKG Images

Frage: Herr Rutishauser, Sie setzen sich für die Ehrenrettung der Pharisäer ein. Warum?

Christian Rutishauser: Die ungerechte Beurteilung der Pharisäer ist tief im Allgemeinbewusstsein verankert. Sie werden im Matthäusevangelium als Heuchler und Scheinheilige gebrandmarkt, mit denen Jesus im Dauerkonflikt stand. In den Passionsspielen waren sie jahrelang die Bösen, die die Kreuzigung Christi vorantrieben. Das hatte für das jüdisch-christliche Verhältnis fatale Auswirkungen. Deshalb hat das Päpstliche Bibelinstitut in Rom zu seinem 110-jährigen Bestehen eine internationale Tagung vergangene Woche den Pharisäern gewidmet.

Frage: Im Vorfeld dieser Tagung warf ein jüdischer Wissenschaftler Papst Franziskus vor, er selbst würde in seinen Reden und Predigten immer wieder das diffamierende Pharisäerbild benutzen.

Rutishauser: Franziskus empfing den Kongress zu einer Audienz und hielt immerhin eine Ansprache, in der er eine Revidierung des Negativbildes ausdrücklich begrüßte. Das ist ein klares politisches Zeichen. Und jeder Theologe ist auch gefangen in seinem Zeitalter: Franziskus hat in den Sechziger- und Siebzigerjahren studiert und verharrte auf dem damaligen Erkenntnisstand. Das ist menschlich. Die Pharisäerinterpretation der linken Theologen um 1968 hat sehr viel zum Negativbild der Pharisäer beigetragen, weil sie einen antilegalistischen lockeren Jesus favorisierten, der gegen das Establishment rebelliert. Und die Pharisäer verkörpern den verhärteten regelfixierten Status quo.

Frage: Seither hat sich offensichtlich nicht viel getan.

Rutishauser: Das stimmt nicht. Mittlerweile werden in der katholischen Theologie die jüdischen Gruppen zur Zeit Christi ganz neu gewertet. Es wird heute nicht mehr gepredigt oder gelehrt wie 1930, 1940 oder 1968. Die Zeiten, als man den Juden den Tod Christi zur Last legte, sind zumindest in der Theologie vorbei. An den Pharisäern lässt sich lernen, wie vielfältig und ausdifferenziert die jüdische Welt zur Zeit Jesu war.

Frage: In vielen Kinderbibeln ist das nettere Bild der Pharisäer noch nicht angekommen. Werden da nicht Kinder früh in Antisemitismus geschult?

Rutishauser: Das Bild hat sich im Volksglauben fatalerweise eingelagert. Von einem geschulten Religionspädagogen dürfte man erwarten, diese Bilder richtigzustellen. Wer aber nur Überlieferungen nachbetet, reproduziert die alten Muster.

Frage: Wird deshalb der Antijudaismus vielerorts wieder salonfähig? Die Pharisäer sind Stereotype, die zum Synonym für das jüdische Rabbinertum an sich wurden. War auch das ein Grund, die Tagung in Rom nun durchzuführen?

© Manuela Burkart

Rutishauser: Das Ziel der Tagung war es erst einmal, die Evangelien und somit Jesus besser zu verstehen. Und dann diente die Tagung sicher auch der jüdisch-christlichen Annäherung, wie sie schon Papst Johannes Paul II. entschieden vorantrieb.

Frage: Lassen sich mit einem Kongress 2000 Jahre Kirchengeschichte richtigstellen?

Rutishauser: Das ist ein langsamer Prozess. Das Neue Testament kann nicht umgeschrieben werden. Die Schrift ist als heilig gesetzt. Was wir verändern können, ist unsere Deutung. Mit welchem Wissen und Bewusstsein machen wir uns daran? In der Zeit der Erneuerung der katholischen Theologie mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde das in dem Papstschreiben "Nostra aetate" vorgegeben: Beim Auslegen biblischer Texte soll das Selbstverständnis der Juden und der jüdischen Tradition gewahrt bleiben.

Frage: Den Pharisäern ist zu verdanken, dass sich das Judentum in der Diaspora erhalten hat. Ohne die strengen Riten in den Synagogen, die Studien in Talmud und Thora hätte es sich in der Welt verloren ...

Rutishauser: Die Pharisäer haben tatsächlich die Formen für eine Volksfrömmigkeit entwickelt, um in die Diaspora hineinzuwirken. Sie tauchten um 140 v. Chr. auf, sind da schon eine einflussreiche Gruppe. Ihr Name bedeutet übrigens: "die Abgesonderten".

Frage: Auch die jüdischen Reinigungsrituale könnten pharisäischen Ursprungs sein.

Rutishauser: Dazu gibt es archäologische Untersuchungen, sie haben aber keine wirklichen Zusammenhänge aufzeigen können, inwieweit pharisäische Rituale im Judentum aufgegangen sind. Erstaunlich ist, dass in den rabbinischen Schriften späterer Zeit die Pharisäer kaum vorkommen. Sie existieren allenfalls als hermeneutische Methode zur Gesetzesauslegung.

Frage: Die Pharisäer haben ihr Leben nach strikten Dogmen ausgerichtet – mit strengen Gebetszeiten und liturgischen Vorgaben. Das gibt es auch in der christlichen Kirche.

Rutishauser: Im Vergleich zum Mönchstum ist doch interessant: Warum hat sich eine Aversion gegen das Judentum entwickelt, aber zum Beispiel gegen die Zisterzienser oder Benediktiner nicht? Hinzu kommt, dass die Pharisäer das Gesetz gar nicht strenger eingehalten haben als die Jesusbewegung. Sie unterschieden sich nur in der Art der Methode, diese Frömmigkeit in ihrem Leben umzusetzen. Und da waren die Pharisäer durchaus näher am praktischen Leben.