Am Ende können Werner Kogler und Sarah Wiener nicht alle überzeugen, nicht einmal in ihrem natürlichen Habitat. Die beiden grünen Kandidaten für die Europawahl stehen am Bauernmarkt in Graz und beugen sich über Muttertagsherzen mit Nussfüllung. Er trägt ein blaues Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln, sie ein curryfarbenes Dirndl. "Ist das selbst gemacht?", fragt Wiener, lächelt und kauft zwei Stück. Kogler zahlt und gibt viel zu viel Trinkgeld. Die Bäuerin ist entzückt, erzählt von ihrem Hof und fachsimpelt ein wenig mit der TV-Köchin, die Mitte März als prominentes neues Gesicht der Grünen präsentiert wurde.

Ob die Bäuerin nun grün wählen wird? "Nein, ich habe mein Lebtag ÖVP gewählt und werde das jetzt mit 80 Jahren nicht mehr ändern." Werner Kogler verzieht kurz die Miene und sagt im Weggehen: "Darüber reden wir noch, denn die neuen Grünen tun mehr für die Bauern als die neue ÖVP."

Es ist Wahlkampf. Für die Grünen ist es auch ein Kampf um ihr Überleben. Zwar konnten sie sich seit Herbst 2017, als sie aus dem Nationalrat geflogen sind, in einigen Landtagswahlen wacker schlagen und in Innsbruck den Bürgermeistersessel erobern. Aber die Wahlen zum Europäischen Parlament sind der erste bundesweite Test. In Umfragen liegt die Partei derzeit zwischen sieben und zehn Prozent, das wäre genug für einen oder zwei Sitze im europäischen Parlament – und damit für den Fortbestand als Partei, die nicht nur lokal präsent ist.

Parteichef Werner Kogler, 57, hat die Bundespartei in den letzten eineinhalb Jahren bis auf ein kleines Rumpfteam abgewrackt und vor dem Konkurs gerettet. In den ersten zwölf Monaten erhielt er dafür nicht einmal ein Gehalt. Demütig entschuldigte er sich bei den Wählern für alles, was falsch gemacht wurde. Fast reumütig wurde eingestanden, dass man oft zu überheblich, zu rechthaberisch gewirkt habe.

Dieser Wahlkampf ist das Ergebnis der Fehleranalyse. Und er wird mit bescheidenen Mitteln geführt.

Vorbei sind die Zeiten der großen Budgets, der internationalen Agenturen, die Plakate und Slogans aus dem Boden stampften, und des Heeres an bezahlten Funktionären, die für die Partei arbeiteten. Vorbei sind auch die Zeiten der sogenannten Erweiterungswahlkämpfe, die über das grüne Kernklientel hinaus Menschen ansprechen sollten. Man gab sich lustig, poppig, die Ernsthaftigkeit wich Slogans wie "Bio macht schön". Marketingexperten hatten damals das Sagen, nicht mehr ideologische Überzeugungstäter.

Heute sind nicht nur die großen Werbeagenturen weg, sondern auch der enge Kreis, der die Partei von der Zentrale aus straff führte. Wer jetzt noch bei den Grünen ist, der muss von der Sache überzeugt sein.

"Wir haben uns die Frage gestellt, was unsere Aufgabe als politische Partei ist", sagt Stefan Kaineder, Parteichef in Oberösterreich. "Es ist sicher nicht unsere Aufgabe, herumzulaufen und den Menschen zu erklären, wie sie zu leben haben. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, innerhalb derer sich die Menschen frei bewegen können." Das Selbstverständnis habe sich geändert: "Wir dürfen nicht mit der moralischen Keule kommen und Menschen etwa vorwerfen, dass sie ein paar Kilometer mit dem Auto gefahren sind. Die Politik muss ihnen eben Alternativen anbieten." Der grüne Wahlkampf soll kein Erziehungsprojekt sein, noch weniger möchte man überheblich wirken.

Auch die Plakate sind sehr simpel gehalten – und nicht besonders ästhetisch. "Wir haben uns extra etwas schiach gemacht", sagt Werner Kogler und lacht. "Wir wollen viel direkter und ernster sein als früher." Die Slogans bestehen aus Allerweltsfragen wie "Wer braucht schon Klimaschutz?" oder "Wer braucht schon Frieden?".

Es sind rhetorische Fragen, die fast jeder gleich beantwortet, die aber auch niemanden sonderlich entrüsten. Wenn die Neos die Vereinigten Staaten von Europa, eine Europaarmee und die Abschaffung der Neutralität fordern, sind ihnen Empörung und Aufmerksamkeit gewiss. Die Grünen regen keinen auf. Sie wollen nicht provozieren.

Der Partei steckt noch immer der Präsidentschaftswahlkampf von Alexander Van der Bellen in den Knochen. Unaufgeregt war er – und erfolgreich. Auch Georg Willi wurde mit einer etwas faden Kampagne Bürgermeister von Innsbruck. Der Lerneffekt: Brav sein, nicht anecken, so lässt sich gewinnen. Eine neue Sachlichkeit soll zum Erfolg führen.

Wenn Werner Kogler und Sarah Wiener vor Journalisten auftreten, wirkt das wie ein Proseminar in Landwirtschaft, Ernährungs- und Klimakunde. Kogler spricht über EU-Flächenförderungen und Agrarsubventionen, die er umstellen möchte, Bio-, Öko- und Sozialkriterien sollen im Zentrum stehen. Er redet über öffentliche Beschaffungen, sehr detailreich, und meint irgendwann: "Das wollts ihr alle ja gar nicht so genau wissen." Dann erzählt Sarah Wiener, dass weltweit 27.000 Pestizide zugelassen seien, dass 80 Prozent des Knoblauchs in China angebaut werde und das Land Weltmarktführer bei Apfelsaftkonzentrat sei. Sie spricht über Chemiekonzerne und Lebensmittelkennzeichnungen und verlangt einen Importstopp für Lebensmittel ohne EU-Standards.