DIE ZEIT: In Europa wird gewählt, doch zum ersten Mal geht es nicht um eine Vertiefung der EU, sondern um ihre schiere Existenz. Wird es die Europäische Union in zehn Jahren noch geben?

Dieter Grimm: Ich sehe kein nahes Ende der EU voraus. Die Integration ist so weit fortgeschritten, dass eine Auflösung äußerst langwierig und kostspielig würde, nicht nur finanziell. Und auch diejenigen Staaten, die den Integrationsgrad mit Widerwillen betrachten, verzichten ungern auf die stattlichen Summen aus Brüssel. Aber die Zeiten, in denen europäische Integration gleichbedeutend mit "Immer mehr Europa" war, sind vorbei. Dafür reicht die Legitimation der EU nicht aus.

ZEIT: Die großen Parteien scheinen das zu spüren und definieren die Existenznotwendigkeit der EU über ihre Gegner, über die Meuthens, Salvinis, Orbáns, Le Pens. Fällt den großen Parteien zu Europa nichts mehr ein?

Grimm: Ich glaube nicht, dass sie Angst vor den nationalistischen Parteien schüren, um daraus Kapital für sich zu schlagen. Sie haben Angst, dass diese Parteien bei der kommenden Wahl mehr Stimmen gewinnen könnten als je zuvor und dass sie dann die Integration behindern. Bei allen sonstigen Unterschieden: In ihrer Bejahung der EU waren sich die etablierten Parteien ja stets einig.

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ZEIT: Was war schlecht an der proeuropäischen Harmonie?

Grimm: Der Harmonie der Parteien entsprach keine ebensolche Harmonie in der Bevölkerung und nicht einmal bei ihren eigenen Mitgliedern. Es gab eine wachsende Distanz zu Europa, und es gab bei vielen, die die Integration grundsätzlich befürworten, eine wachsende Besorgnis über die Art und Weise, wie sie vorangetrieben wurde. Die Parteien haben keine konstruktive Einstellung zu legitimer Kritik und legitimer Opposition gefunden, sondern sie haben Kritiker als EU-Gegner abgetan. Erst recht gilt das für die EU selbst. Dann suchen sich die Vorbehalte eben andere Ventile.

ZEIT: Wenn die proeuropäischen Parteien nun den rechten Teufel an die Wand malen: Bekämpfen sie einen Gegner, den sie selbst hervorgebracht haben?

Grimm: Die Ursachen für den Erfolg populistischer Parteien sind komplizierter. Sie sind auch kein rein europäisches Phänomen. Aber in Europa spielt es sicher eine Rolle, dass die Integration längst nicht mehr nur ein wirtschaftliches, sondern ein politisches Projekt ist. Allerdings ohne die Partizipationschancen für die Bürger, wie sie die staatliche Demokratie eröffnet.

ZEIT: Wenn die Bürger in der EU nichts ausrichten können: Warum wählen wir dann überhaupt?

Grimm: Das Europäische Parlament erfüllt eine wichtige Funktion. Es bildet ein Gegengewicht gegen die nationalen Egoismen im Rat und die technokratischen Neigungen der Kommission. Es hat in der Vergangenheit auch immer mehr Kompetenzen erhalten. Aber mit jedem Kompetenzgewinn sank die Wahlbeteiligung.

ZEIT: Und warum?

Grimm: Offenbar sehen die Unionsbürger in der Wahl keine hinreichende Einflusschance. Und sie haben damit ja nicht so unrecht. Obwohl es sich um eine Europawahl handelt, können wir nur nationale Parteien wählen, die mit nationalen Programmen in den Wahlkampf ziehen. Im Straßburger Parlament spielen die nationalen Parteien – mehr als zweihundert – aber gar keine Rolle. Die maßgebliche Rolle spielen die nach der Wahl gebildeten europäischen Fraktionen, die aber in keiner Gesellschaft verwurzelt sind und mit keiner in direkten Kontakt treten. Auf ihre europapolitische Richtung legen sie sich erst nach der Wahl fest. Der Wähler kann nicht zwischen wirklich europäischen Alternativen entscheiden.

ZEIT: Finanzkrise, Griechenlandkrise, die sogenannte Staatsschuldenkrise, die brutale Sparpolitik, die Flüchtlingskrise, der Brexit – welchen Anteil haben diese Krisen an der schlechten Verfassung Europas?

Grimm: Sie machen sie sichtbar. Die Finanzkrise ist bei der Einführung der Währungsunion von den Ökonomen vorausgesagt worden. Die Politik hat das beiseitegewischt. Die Krise ist vordergründig bewältigt, aber keineswegs überwunden, weil die Ursachen, die unterschiedliche Wirtschaftskraft der nördlichen und südlichen Mitgliedsstaaten, fortbestehen. Die Migrationskrise hat uns schlagend vor Augen geführt, wie es mit der europäischen Solidarität bestellt ist. Sie trägt keine harten Belastungen. Darin liegt eine wesentliche Integrationshürde. Mit dem Brexit hat überhaupt niemand gerechnet, ebenso wenig wie mit dem Verfall von Demokratie und Rechtsstaat in einigen Mitgliedsstaaten.

ZEIT: Sollten wir das Wort "Solidarität" aus dem europäischen Wortschatz streichen?

Grimm: Nein, als Ziel ist es nicht überholt, im Gegenteil. Aber wir müssen uns eingestehen, dass es an den Voraussetzungen, also einem hinreichenden europäischen Wir-Gefühl, fehlt.