Was hat sie nicht alles abbekommen. Man nannte sie die ewige Jungfrau, Vestalin der Vorstädte, beschrieb sie als so sexy wie eine Schüssel Cornflakes. Doris Day, Hollywoods Superstar der Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre, musste für all die Vorurteile von Leuten herhalten, die nicht sehen wollten oder konnten, was lange vor 1968 auf der Leinwand so alles los war: kaum codierte Anzüglichkeiten, Sex als geradezu brutal dargestellte Währung im Geschlechterverhältnis, wahrhaft erotische Küsse, die Sehnsucht nach Grenzüberschreitung, verpackt in anthrazitfarbene Negligés. Bettgeflüster, Ein Pyjama für zwei, Ein Hauch von Nerz – es waren gerade mal drei romantische Komödien, die Doris Days Image der prüden Blonden prägen sollten. Dabei wusste sie dieses Klischee bis zur buffonesken Implosion zu überdehnen. Den Avancen von Rock Hudson und Cary Grant widersteht sie vor allem, weil sie ihre Unabhängigkeit bewahren möchte – mit sommersprossigem Pragmatismus und sich selbst beobachtender Resilienz. Welche andere Schauspielerin konnte nach einer sexistischen Bemerkung (jaja, damals nannte man das noch nicht so) ihrer Filmpartner mit so weltverachtender Empörung in die Kamera blicken und trotzdem würdevoll Leinwandnamen wie Beverly Boyer tragen?

Doris Day war eine der wenigen Darstellerinnen ihrer Zeit, die berufstätige Frauen spielte, meist mehr am Job interessiert als am Flirt. Sie war Revuetänzerin, Gewerkschafterin und Arbeiterin, Journalismusdozentin, Innenarchitektin, Stewardess, Werbefachfrau, alleinerziehende Hummerzüchterin. Bevor sie zum Kino kam, begann sie eine Karriere als Swing-Sängerin. Trotz ihrer Jugend verströmte ihre strahlende Stimme etwas Abgeklärtes. Man spürte, dass sie es schon aufgenommen hatte mit dem Leben, von dem sie sang. Eine ihrer ergreifendsten Rollen ist denn auch die einer Sängerin: in Tyrannische Liebe über die tumultuöse Ehe einer Entertainerin mit einem Gangster. Am Ende singt sie für ihren von James Cagney gespielten Mann noch einmal den Song Love Me or Leave Me – hellsichtig, unsentimental, mit einem letzten Blick auf entschwundene Gefühle. Hier singt eine Frau, die im wirklichen Leben mit 20 Jahren geschieden und alleinerziehend war und zeitlebens ein todsicheres Gespür für die falschen Männer hatte.

Am vergangenen Montag starb Doris Day – geboren wurde sie als Kind deutscher Einwanderer mit dem Namen Doris von Kappelhoff – im Alter von 97 Jahren im kalifornischen Monterey.