Die zwiespältige Rolle von Emil Nolde während der NS-Zeit wurde nach 1945 immer wieder diskutiert. Dass er nicht allein deshalb in die NSDAP eintrat, um weiter von seiner Kunst leben zu können, ist bekannt. Doch nun macht die Berliner Ausstellung Emil Nolde – Eine deutsche Legende im Hamburger Bahnhof immer mehr Details über den Maler bekannt. Etwa dass er an einem eigenen Plan zur "Entjudung" Deutschlands schrieb, den er Hitler übergeben wollte.

Der Kunstmarkt ließ sich bislang nicht davon erschüttern, dass Nolde ein bekennender Nazi war. 2016 wurde sein Gemälde Weiße Wolken im Berliner Auktionshaus Grisebach für 1,5 Millionen Euro verkauft. 2018 erwarb eine Bieterin aus Russland das Motiv Herbstwolken, Friesland bei Ketterer Kunst in München für 1,7 Millionen Euro. Für die kommenden Versteigerungen bei Ketterer, Grisebach und Lempertz ist nun nichts ähnlich Teures im Angebot. Bei Grisebach etwa ein Dahlien-Aquarell von 1930 (Schätzung: 80.000 bis 120.000 Euro) und zwei Lithografien (5.000 bis 15.000 Euro). Bei Ketterer wird ein Mädchenporträt von 1921 auf 125.000 Euro geschätzt. Bei Lempertz finden sich vier Blätter zu Preisen zwischen 5.000 und 60.000 Euro.

Zögern Sammler angesichts der jüngsten Erkenntnisse, Bilder von Nolde zu verkaufen? Dass Grisebach diesmal nur wenige Werke anbiete, sei Zufall, erklärt die Geschäftsführerin Micaela Kapitzky. Papierarbeiten gebe es viele, hochpreisige Gemälde kämen indes ohnehin nur selten auf den Markt. "Zum anderen scheint es aber auch so, dass Nolde-Sammler, die sich von einem Werk trennen möchten, erst einmal abwarten und den Markt beobachten", sagt sie. Die Auktionen Ende Mai dürften zeigen, welchen Einfluss moralische Diskussionen auf die Preise haben.

Aus Noldes Gemälden und Aquarellen ließen sich keine antisemitischen Ansätze herauslesen, sagt Robert Ketterer vom gleichnamigen Auktionshaus. Weder er noch seine Kollegen seien die Richtigen, um jetzt "den Zeigefinger zu heben" und den Künstler von kommenden Versteigerungen auszuschließen. "Allein die Sammler entscheiden. Für mich stehen Qualität und Nachfrage im Zentrum", sagt er. Sollte man mit Nolde nicht mehr handeln dürfen, sagt er, dann stelle sich die Frage nach den Konsequenzen: "Was bedeutet es für die Museen – werden sie seine Arbeiten dann auch nicht mehr zeigen?"

"Es ist das autonome Kunstwerk, für das ein Preis bewilligt wird, und nicht der Charakter seines Urhebers", sagt auch Micaela Kapitzky. Sie ist überzeugt, dass der Markt für Nolde-Werke "langfristig auf einem hohen Niveau bleibt". Vielleicht brauche es etwas Zeit, sagt sie, "bis die aktuelle Diskussion um den Maler, dessen verstörende antisemitische und politische Überzeugungen ja keineswegs eine Neuentdeckung sind, abklingt und seine Kunstwerke wieder in den Vordergrund treten".

Auch Kilian Jay von Seldeneck vom Auktionshaus Lempertz kann in Nolde keinen "Systemkünstler der NS-Zeit" erkennen, dessen Werke nicht mehr versteigert werden dürfen. Prognosen, dass nach Eröffnung der Ausstellung im Hamburger Bahnhof viele Sammler ihre Bilder loswerden wollten, hatte von Seldeneck früh widersprochen: "Der Markt agiert für gewöhnlich unabhängig von der Person des Künstlers. Und wir von Lempertz werden uns nicht moralisch dazu aufschwingen, über Nolde zu richten."