Die Revolution begann im Kino. Am 13. November 1918 lud der Kriegsheimkehrer und Lehrer Ferdinand Riedmann zu einer politischen Veranstaltung in die Rheinlichtspiele, die er im vorarlbergischen Lustenau zusammen mit seinen Brüdern betrieb. Thema: der Anschluss Vorarlbergs an die Schweiz. Riedmann, ein talentierter Agitator und Propagandist, zerriss sich das Maul über das rote und "verjudete" Wien, von dem sich Vorarlberg trennen müsse. Ausweg aus der grassierenden Armut und der politischen Unsicherheit nach dem Ersten Weltkrieg biete allein ein Anschluss als eigener Kanton ans kleine Nachbarland. Denn dort, auf der anderen Seite des Rheins, sei alles gerechter, wahrhaft demokratisch und materiell abgesichert.

Der Sezessionsgedanke erfasste bald ganz Vorarlberg. Riedmann, geboren 1886, gründete einen "Werbeausschuss", machte sich selbst zum Vorsitzenden, zog wie ein Wanderprediger durchs Land und donnerte unablässig gegen Wien, gegen die Juden und gegen den Anschluss von Österreich an die deutsche Republik. Riedmanns antisemitische Propaganda fiel auf fruchtbaren Boden. Dass die sozialdemokratische Regierung unter Staatskanzler Karl Renner den Achtstundentag und Kollektivvertragregelungen einführte, davon hielt man im kleinbürgerlich-bäuerlichen Vorarlberg nichts.

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Bald sprang der revolutionäre Funke in die Schweiz über. Das alemannische Erbe verband, und antiliberale Vordenker wie der Aristokrat Frédéric Gonzague de Reynold, der spätere Vater der geistigen Landesverteidigung, sahen im Anschluss von Vorarlberg eine einmalige Chance: Die Schweiz würde damit zur europäischen Macht aufsteigen. So forderte die Hilfsaktion "Pro Vorarlberg": "Eidgenossen, helft euren Brüdern in der Not." Sie schickte Argumentations- und Finanzhilfen ins Ländle. Als am 12. März 1919 die Konstituierende Nationalversammlung in Wien den Anschluss an Deutschland beschloss, stimmte ein Vorarlberger Abgeordneter dagegen. "Wien kennt die Vorarlberger nicht, und wir wollen nichts von den Wiener Juden wissen", sagte er.

Die Landesregierung in Bregenz wollte sich indes alle Optionen offenhalten. Zwei Tage nach der Abstimmung in Wien wurde eine neue Landesverfassung beschlossen. Sie war Schweiz-kompatibel formuliert, sah eine direkte Demokratie in Vorarlberg vor, bezeichnete das Land als selbstständig, es müsse sich aber einem größeren Staatswesen angliedern. Gemeint war damit die Eidgenossenschaft, das Wort "Deutsch-Österreich" kam im Text nicht vor.

Riedmanns Werbeausschuss erhöhte unterdessen den Druck. Er legte dem christlichsozialen Landeshauptmann Otto Ender das Ergebnis einer "privaten Umfrage" vor, wonach mehr als 40.000 Vorarlberger für einen Anschluss an die Schweiz seien. Ender erkannte das Potenzial der Bewegung, wollte nun selbst das Zepter übernehmen und begann in Bern vorzufühlen, ob es dort Sympathien für einen neuen Kanton Vorarlberg gab.

Der für Außenpolitik zuständige Bundesrat Felix Calonder sprach nur informell mit Ender. Die offizielle Antwort verbreitete die Regierung über die Neue Zürcher Zeitung. Dort konnten die Vorarlberger nachlesen, wie sich die Schweiz eine Annäherung vorstellen könne: Die Bevölkerung Vorarlbergs müsse sich in einer Abstimmung dafür aussprechen.

Hastig wurde in Bregenz eine Volksbefragung beschlossen – und am 11. Mai 1919 stimmten mehr als 80 Prozent der Vorarlberger dafür, dass Verhandlungen mit dem Schweizer Bundesrat über einen Anschluss aufgenommen werden sollten.

Riedmann war im Zenit seiner politischen Macht. Er konnte sogar die großdeutsche Mehrheit in Lustenau brechen und wurde Vizebürgermeister für die Christlichsozialen. Der Vorarlberger Historiker Meinrad Pichler schreibt: Riedmann glaubte, "sich über Gesetz und Moral hinwegsetzen zu können".

Im Jahr der Abstimmung und danach vergewaltigte Riedmann mehrfach ein 12-jähriges Mädchen, eine Schülerin; in der Gemeindekanzlei, in der Knabenschule. So ist es in seinem Personalakt nachzulesen, der im Landesarchiv Vorarlberg liegt. Rasch verbreiteten sich Gerüchte unter den Schülern und Lehrern. Laut der Anzeige gegen Riedmann, die 1923 bei der Staatsanwaltschaft in Feldkirch einging, stellte ein Arzt fest, dass das Mädchen "geschlechtlichen Verkehr gehabt haben müsse", eine Schwangerschaft aber nicht vorliege. Der Mutter des Mädchens sei gesagt worden, sie solle über die Angelegenheit schweigen, es gebe keinen Zeugen.