Nichts in diesem Raum deutet auf eine Revolution hin. An Wänden und Decken: Malereien aus dem 18. Jahrhundert. Der Schreibtisch: gediegen, er könnte in vielen ostdeutschen Rathäusern stehen.

Doch der Mann, der dahinter sitzt, würde am liebsten das ganze Land verändern.

Seit 18 Jahren ist Matthias Berger Oberbürgermeister von Grimma in Sachsen, 2015 stimmten 90 Prozent der Wähler in seiner Stadt für ihn, ein paar Jahre zuvor sogar fast 100 Prozent. Das liegt, so sieht er das, auch daran, dass er keiner Partei angehört. So wie überhaupt kaum jemand im Stadtrat von Grimma Mitglied einer großen Partei ist. Die Bündnisse, die Bergers Stadtparlament dominieren, heißen Bürger für Grimma, Freie Wählervereinigung oder Allianz Stadt + Land.

"Die Menschen glauben nicht mehr an Parteien", sagt Berger. "Es ist Zeit für einen Reset, einen kompletten Neuanfang."

Matthias Berger sagt das ohne Zorn und Wut. Er sagt es aber auch nicht ohne Hintergedanken. Berger ist seit einigen Monaten Sprecher der Freien Wähler in Sachsen. Er will, dass diese Partei, die in Wahrheit gar keine Partei sein soll, im September bei der Landtagswahl zum entscheidenden Faktor wird. Zur konservativen Alternative. "Aber anders als die AfD", sagt Berger, "wollen wir konstruktiv Politik machen." Wollen die Freien Wähler eine Art "AfD light" werden?

Was sich in Grimma, einer mittelgroßen Stadt im Speckgürtel von Leipzig, beobachten lässt, soll, wenn es nach Matthias Berger geht, bald im ganzen Bundesland Wirkung entfalten – und darüber hinaus: In aufgerauten Zeiten, in denen der Parteienverdruss im Osten größer ist denn je, hoffen die Freien Wähler darauf, in Fraktionsstärke in die Landtage einzuziehen. Vor allem in Brandenburg, wo sie schon heute mit drei Abgeordneten vertreten sind, und in Sachsen rechnen sie sich im Herbst Chancen aus. Derzeit sehen die Umfragen sie bei etwa drei Prozent, Tendenz steigend. Fakt ist: Schon mit fünf, sechs Prozent würden sie das Machtgefüge in den Landtagen verschieben.

Matthias Berger, Oberbürgermeister von Grimma, sieht seine Stadt als Vorbild. © Stephan Floss für DIE ZEIT

Die Partei will in eine Lücke stoßen, die sie irgendwo zwischen AfD und CDU vermutet. "Wir sind konservativ, aber nicht ideologisch", sagt Berger. "Uns geht es darum, Lösungen zu finden." Die Freien Wähler haben das Gefühl, damit zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Auch Hubert Aiwanger, Bundesvorsitzender der Freien Wähler und bayerischer Vize-Ministerpräsident, glaubt, dass seine Partei jetzt im Osten ihren großen Moment erleben könnte: Nach dem Erfolg in Bayern, wo die Freien Wähler im Herbst 11,6 Prozent der Stimmen holten und nun zusammen mit der CSU das Land regieren, setzt er jetzt auf den Osten. Wie in Bayern gebe es etwa in Sachsen "eine grundsätzlich konservative Gesellschaft", sagt Aiwanger. "Da können wir zeigen, dass mit uns etwas möglich ist, was es sonst in Deutschland nirgendwo mehr gibt: eine bürgerliche Koalition."

Tatsächlich ist es den Freien Wählern vor allem in Sachsen in den vergangenen Monaten gelungen, prominentes Personal an sich zu binden – und medial großes Echo auszulösen. Das liegt vor allem an zwei Frauen: Antje Hermenau, früher Fraktionschefin der Grünen im sächsischen Landtag; eine Art konservative Dauertrommlerin der Politik. Und, seit Kurzem, Cathleen Martin, Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft Sachsen. Mit Hermenau als Managerin im Hintergrund und Martin als designierter Spitzenkandidatin, die für Law and Order und sozialen Ausgleich stehen könnte, wollen die Freien Wähler sich endlich etablieren: als konservative, ländliche und ein bisschen spießige Kraft.

So beschreibt es jedenfalls Antje Hermenau. Wer sie treffen möchte, muss sich auf ziemlichen Stress einstellen in diesen Wochen kurz vor der Kommunalwahl Ende Mai. Die ist, das wissen die Freien Wähler, der erste Testfall in diesem Wahljahr und damit auch der erste Testfall für Antje Hermenau: Rund ein Drittel der Mandate in Sachsens Kommunalparlamenten wird schon heute von unabhängigen Wählerbündnissen besetzt, viele davon stehen den Freien Wählern nahe. Das soll idealerweise ausgebaut werden.

Antje Hermenau hat an diesem Frühlingsmorgen gerade einmal Zeit für einen schnellen Kaffee am Leipziger Hauptbahnhof. Oder doch nicht? Auf dem Weg zum Treffen ruft sie vom Auto aus an, sie verspäte sich. Als sie, eine kräftige Frau mit buntem Schal und großer Handtasche, schließlich durch die Bahnhofshalle eilt, läutet ihr Telefon. Die kommende Spitzenkandidatin ist dran. Hermenau entschuldigt sich noch einmal kurz. Dann kommt sie zurück und setzt sich. "Endlich: Kaffee!"

Sie ist direkt voll da, voll im Angriffsmodus.