Vorsicht, Party!

Auf dem ehemaligen russischen Militärflugplatz im Süden der Mecklenburgischen Seenplatte wummert der Bass. Ein paar Hundert Menschen tanzen zwischen verwaisten Hangars zu Technomusik. "Während hier gefeiert wird, arbeiten sie drüben immer noch am Sicherheitskonzept", sagt Martin Eulenhaupt. Seine blonden Haare hat er zu einem lockeren Zopf zusammengebunden, bis eben hat er selbst noch Musik aufgelegt.

Eulenhaupt ist der Vorstand des Kulturkosmos Müritz e. V., der an diesem Wochenende zum "Sommerauftakt" ins Örtchen Lärz geladen hat, zu einer Art Mitarbeiterversammlung des alternativen Fusion Festivals. Es findet am letzten Juni-Wochenende statt und ist über die Grenzen Mecklenburg-Vorpommerns zum Politikum geworden.

Erstmals nach über 20 Jahren hat das Ordnungsamt verkündet, dass es dem ausverkauften Festival mit 70.000 Teilnehmenden in diesem Jahr eventuell seine Genehmigung verweigern wird. Diverse Fachämter hatten nach erster Prüfung des Sicherheitskonzepts Mängel gemeldet: zu enge und schlecht beleuchtete Fluchtwege, unzureichender Jugendschutz, kein effektives Warnsystem. Eulenhaupt sagt: "Das sind alles Dinge, die wir regeln werden. Doch anlasslose Polizeistreifen und eine Polizeiwache auf unserem Privatgelände, das wollen wir nicht."

Der Streit eskalierte, als das Polizeipräsidium Neubrandenburg an das Ordnungsamt Röbel-Müritz schriftlich mitteilte, dass auf dem Festival "eine Beteiligung politischer, in Teilen hoch gewaltbereiter Personen" zu erwarten sei und der Veranstalter "die geltende Rechtsordnung" infrage stelle. Aus Sicht der Polizei stünden die "polizeilichen Befugnisse nicht zur Disposition". Die Polizei fordert, das Festival "ungehindert betreten zu dürfen".

Was sich wie eine Selbstverständlichkeit anhören mag, wäre für das Festival ein Bruch mit seinem Selbstverständnis. Das Fusion Festival funktioniert nicht wie andere große Musikveranstaltungen. Die Namen der Bands bleiben bis zum Schluss geheim, linksalternative Polit-Gruppen halten Vorträge, auf dem 100 Hektar großen Gelände gibt es keine Werbung, kein Fleisch und eben auch keine Polizei. "Die Fusion", wie sie in der Szene genannt wird, ist deshalb für viele mehr als ein Festival, nämlich ein Lebensgefühl, ein privater Raum. Der Polizei wurde der Zutritt zum Gelände nie verwehrt, sie musste dafür aber jedes Mal einen Anlass nennen.

Eulenhaupt sagt, mit der Polizeistation sei es wie mit dem Geldautomaten. Der stehe mit Absicht nicht mitten auf dem Gelände. Weil er trotzdem gebraucht werde, ginge man dort zehn Minuten zu Fuß hin. Mit der Polizei sei es nicht anders. Wenn man sie brauche, müsse sie erreichbar sein. Aber niemand wolle sie die ganze Zeit sehen.

In der Vergangenheit gab es wegen dieses Prinzips keine Probleme. Sicherheitsfragen regelte man meist intern. Nachdem im Jahr 2013 Tausende über den Zaun geklettert waren, umzäunten die Veranstalter das Gelände im Jahr darauf mit Stacheldraht. Und die Polizei zog Jahr um Jahr ein positives Fazit. Zwar meldete sie etwa 300 Ermittlungen wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz, aber "in Anbetracht der vielen Menschen, die an dem Festival teilnehmen, ist es zu erstaunlich wenig Störungen gekommen", sagte eine Polizeisprecherin noch 2016. Der ehemalige Leiter der Polizeidienststelle Röbel kommentierte damals: "Bei jedem Dorffest haben wir mehr Stress als auf diesem Festival." Der Verein Kulturkosmos spricht von 2,5 Gewalttaten pro Festival. Im Jahr 2016 hatte er in Absprache mit der Polizei ein "Kriseninterventionsteam" zusammengestellt, eine schnelle Eingreiftruppe. "Die hatten ein sehr entspanntes Wochenende, wir haben sie nicht ein Mal gerufen", sagt Eulenhaupt.

Der ehemalige Polizeidirektor von Neubrandenburg, Siegfried Stang, wirft Nils Hoffmann-Ritterbusch, dem neuen Präsidenten des Polizeipräsidiums, Profilierungsdrang vor und sagt: "Es war nie ein Problem, das Gelände zu betreten, wenn es nötig war." Henry Tesch, der ehemalige CDU-Bürgermeister der Nachbargemeinde Mirow: "Polizistinnen und Polizisten sagen mir, dass es gar kein Problem ist, alles, was an Argumenten sicherheitstechnisch vorgeschoben wird, zu lösen."

"Angst, dass Polizeigewalt nicht geahndet wird, schwingt immer mit"

Über 125.000 Bürger unterschrieben eine Online-Petition gegen die geplante Polizeipräsenz. Darunter Verbände der FDP, SPD, Grünen, Linken. Doch Hoffmann-Ritterbusch, von seinen Kollegen "Hori" genannt, hält an seinem Standpunkt fest. Seit 31 Jahren arbeitet er bei der Polizei, 2006 bereitete er den Einsatz beim G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm vor. In Neubrandenburg ist er seit drei Jahren. Auf der Pressekonferenz am 7. Mai räumte er ein, dass die Formulierung mit den "gewaltbereiten Personen" übertrieben war, an seiner Forderung aber hält er fest: Einen Terroranschlag könne man mit bloßer Anwesenheit zwar nicht verhindern, "aber wir wissen auch: Präsenz hemmt!" Auf dem Festival war Hoffmann-Ritterbusch noch nie. Das Gelände kennt er aus dem Fenster seines Polizeihubschraubers und von YouTube-Videos. Mit der ZEIT sprechen wollte er nicht.

"Wenn die Polizei hier aufs Gelände darf, ist es mit der Freiheit vorbei", behauptet ein 28-Jähriger, der auf der Wiese nahe dem DJ-Pult sitzt, neben sich eine Flasche Sekt und Tabak zum Selberdrehen. Auf der Fusion organisiert er die Pyrotechnik mit. "Wenn man sich hier ständig beobachtet fühlen muss, ist die Fusion keine Fusion mehr", sagt er. Neben ihm sitzt ein junger Mann, der in diesem Jahr Kompostklos aufbauen wird. Er sagt: "Für einige hier ist die Polizei kein Freund und Helfer, sondern eine reale Gefahr." Er spricht über Polizeigewalt auf Demonstrationen und Verdachtskontrollen aufgrund einer nicht weißen Hautfarbe.

Das Misstrauen gegen die Polizei ist unter den Festivalgästen groß. "Die Angst, dass Polizeigewalt nicht geahndet wird, schwingt immer mit. Wie soll ich mich da sicher fühlen?", sagt der junge Mann. Und klar, auch der auf dem Festival tolerierte Rausch sei in Gefahr. Kiffen, wenn die Polizei danebensteht, das will hier keiner.

"Ich habe Angst", sagt eine junge Frau. "Natürlich würde man friedlich gegen die Polizei protestieren", sagt sie. "Aber was ist, wenn sich nur einer danebenbenimmt? Es reicht doch ein Funke, und es entstehen vielleicht Situationen, die als Argumente für noch mehr Einschränkungen alternativer Räume dienen." Derzeit diskutiert der Landtag Mecklenburg-Vorpommern die Novellierung des Sicherheits- und Ordnungsgesetzes. Es sieht deutlich mehr Eingriffsrechte für die Polizei vor.

Auf der Wiese fachsimpeln die Leute darüber, was Eulenhaupt als "fantasievollen Protest" bezeichnet hatte. "Wir könnten auf der Turmbühne ein rot-blaues Strobo-Licht installieren, das gefällt der Polizei vielleicht", sagt einer.

Am Montagmorgen dieser Woche fährt Eulenhaupt in einem schwarzen Volvo in die benachbarte Kleinstadt Röbel, er will noch einmal mit dem Ordnungsamt sprechen. Auf einem seiner Aktenordner steht "Mit Sicherheit!" geschrieben. Das Gespräch dauert zwei Stunden, worum es konkret geht, wollen weder er noch das Ordnungsamt sagen. Als Eulenhaupt durch die Tür spaziert, wirkt er aber zuversichtlich.

Am 16. Mai wird er ein überarbeitetes Sicherheitskonzept abgeben. Stimmen dem alle Fachbehörden, auch die Polizei, zu, ist der Konflikt gelöst, und das Festival findet wie geplant statt. Sollte die Polizei nicht einlenken, muss das Ordnungsamt das Festival erst mal untersagen, und der Kulturkosmos wird vor Gericht ziehen. Kommt dieses zur gleichen Einschätzung wie die Polizei, hat der Verein verloren. Das Festival wird dann mit einer Polizeiwache auf dem Gelände stattfinden, dann allerdings zum letzten Mal, sagen die Veranstalter.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes wurde der Name des ehemaligen Polizeidirektors falsch geschrieben. Wir haben das geändert.