Weg vom Klischee

Wer Germanistik oder eine andere Geisteswissenschaft studiert, steht unter ständigem Rechtfertigungsdruck. Das muss aufhören.

Die gute Nachricht vorweg: Die Germanistik ist groß und stark, beliebt und lebendig. Ihre Absolventen finden fast alle einen Job. Und das, obwohl ihre Zahl hoch ist. Rund 80.000 Studierende sind deutschlandweit eingeschrieben, das Fach ist ein Schwergewicht innerhalb der Geisteswissenschaften, die laut Statistischem Bundesamt 340.000 Studierende verzeichnen.

Der Text könnte hier zu Ende sein – denn: Können all diese jungen Menschen irren?

Tja.

So klingt sie, die grummelnde öffentliche Meinung zu den Hunderttausenden Nachwuchsschöngeistern. Ausformuliert heißt das: Wer braucht die alle? Was machen die überhaupt? Warum hört man nie was Interessantes von denen? Der Krisendiskurs und das Nutzlos-Narrativ kleben an den Geisteswissenschaften, insbesondere an den Philologien. Die drei zählebigsten Schlagwörter passen in einen Satz: brotloser Taxifahrer aus dem Elfenbeinturm.

Zugegeben, auch andere Fächer haben ein unzutreffendes Image. Medizin: nur für Überflieger-Abiturienten. Jura: trocken. BWL: alles Karrieristen. Informatik: macht maximal Nerds Spaß. Doch unter pauschalem Rechtfertigungszwang stehen angehende Wirtschafts- oder Humanwissenschaftler nicht. Ein Studium der mathematischen, technischen und naturwissenschaftlichen Fächer ist sowieso großartig, weil deren Absolventen das Land wirtschaftlich voranbringen. Die Studierenden der Geisteswissenschaften werden hingegen immer noch von allen Seiten verunsichert.

Das bleibt nicht folgenlos. Es schmälert die Anerkennung für geisteswissenschaftliche Berufe, bereitet den Boden für Sparzwänge an den Universitäten, führt zu weniger Drittmitteln – und macht Angriffe auf einzelne Forschungsfelder salonfähig. Der Genderforschung etwa, Lieblingshassobjekt aller rechtspopulistischen Bewegungen, wird von der AfD jede Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Bund und Länder sollen, so fordert es die Partei in ihrem letzten Bundestagswahlprogramm, keine Mittel mehr für das Fach bereitstellen. Noch ist das hierzulande nicht mehrheitsfähig, noch werden geisteswissenschaftliche Institute nicht abgeschafft. Anders als in den letzten Jahren in der Türkei oder Ungarn oder in Brasilien, wo der neu gewählte Präsident Jair Bolsonaro eben massive Einschnitte in jenen Fachbereichen ankündigte. Wie reagieren die Forscherinnen und Forscher auf den international zunehmenden Gegenwind? Vor allem drei Probleme sind es, die den Wissenschaftlern zu schaffen machen – und gegen die sie sich wehren.

Da wäre, als erstes Problem, der Vorwurf der Irrelevanz. Oder, wie es Silke Horstkotte ausdrückt: die Überzeugung, dass in der Germanistik "gelabert" werde. Horstkotte lehrt als Privatdozentin am Institut für Germanistik an der Universität Leipzig. Dass die Studierenden heute mit denselben Vorurteilen konfrontiert seien, mit denen schon sie selbst in den 1990ern zu tun hatte, das fänden die meisten "ziemlich nervig".

Horstkotte hat deshalb gemeinsam mit Kolleginnen das Seminar "Relevante Literaturwissenschaft" konzipiert, das derzeit parallel an den Universitäten Leipzig, Greifswald, Bonn, Trier, Paderborn und Wien stattfindet. Es soll den Nachwuchs argumentativ wappnen, das kollektive Selbstbewusstsein stärken. Untersucht werden unter anderem hämische Feuilletontexte zur Germanistik im 20. und 21. Jahrhundert. Parallel ist auch die sarkastische Selbstverteidigung in vollem Gange, auf Twitter etwa unter #darumGW, #RelevanteLiteraturwissenschaft oder #TwitterPhilologie. Komplett entmutigen, "so wie wir uns damals", ließen sich ihre Studierenden zum Glück nicht mehr, sagt Horstkotte. "Uns wurde die Existenzangst noch viel erfolgreicher eingeredet."

Verkauft sich die Germanistik zu schlecht?

Das zweite Problem sind die mangelnde Sichtbarkeit des Faches und der damit einhergehende Mangel an öffentlicher Anerkennung. Es fehle "eine in Gesellschaft und Wissenschaftspolitik hörbare Stimme", schrieb die ZEIT 2016. Verkauft sich das Fach zu schlecht, machen sich Germanisten in politischen Debatten rar?

Dirk Werle, Germanistik-Professor an der Universität Heidelberg und Mitglied des Marbacher Arbeitskreises für Geschichte der Germanistik, hält den Vorwurf für Quatsch. Eine von außen herangetragene Scheindiskussion sei das. "Ich nehme innerhalb des Fachs weder Selbstbespiegelung noch Krise wahr." Das journalistische Unbehagen an der Germanistik führt er auf die irrige Vorstellung zurück, "dass geisteswissenschaftliche Forschung irgendwie an aktuelle Debatten anschlussfähig sein müsste". Nach dem Motto: Ihr lest doch dauernd Faust, da könnt ihr doch auch mal Erdoğan interpretieren, schließlich wisst ihr, was die Welt im Innersten zusammenhält. Kein Physiker werde mit solchen Erwartungen konfrontiert.

Wie jede andere Disziplin hat sich die Germanistik, haben sich die Geisteswissenschaften in den letzten Jahrzehnten verästelt. Themen, Texte, Theorien sind differenzierter und diverser geworden, sie reichen von "Fiktionalitätsentwürfen" bis zu "Bewältigungsstrategien ästhetischer Überschüsse", von "Aspekten der historischen Phraseologie" bis zur "Zukunft der Praxeologie". Die dazugehörige Wissenschaftssprache wirkt so abweisend wie undurchdringlich. Man müsse Geisteswissenschaftlern diese Spezialisierung zugestehen, meint Dirk Werle, auf ihrem To-do-Zettel stehe immerhin die "professionelle Pflege" des kulturellen Gedächtnisses. Wobei Pflege nicht lobend und ehrend gemeint ist. "Wir schauen eher, wie Kultur 'gemacht' ist und welche Deutungsspielräume sie uns eröffnet."

Daran ist nichts auszusetzen, findet Sigrid Weigel, langjährige Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin und international bekannte Kulturwissenschaftlerin. Sie sieht die Literaturwissenschaft dennoch nicht als schnödes "Texthandwerk". Die Sensibilität für Rhetorik und Metaphorik, für intertextuelle Bezüge und Mehrdeutigkeiten sei nicht leicht zu erlernen. "Das entsteht in der Lehre, im Dialog und in der gemeinsamen Lektüre." Für Weigel steht außer Frage, dass die Vermittlung dieser Kompetenzen weiterhin den Kern des Studiums ausmachen sollte. Trotzdem muss es anschließend nicht bei der Analyse literarischer Texte bleiben. "Philologie kann sehr viel mehr."

Weigel, die seit vielen Jahren für die interdisziplinäre Öffnung der Literaturwissenschaft trommelt, sieht die eigene Zunft sogar als einen Ort, an dem Innovationen hervorgebracht und vorangetrieben werden, auch für andere Disziplinen. Den Verdacht mangelnder Nützlichkeit – Problem Nummer drei – weist sie vehement zurück. Denn wenn Geisteswissenschaftler eines richtig gut beherrschten, dann sei das: Texte analysieren, die verdeckten Bedeutungen von Begriffen herausarbeiten und Fragestellungen präzisieren. Sigrid Weigel nennt als Beispiel die Empathie, die derzeit eines der großen neurowissenschaftlichen Forschungsfelder ist. "Es gibt seit 2000 Jahren einen Diskurs über Mitgefühl in der Philosophie und Literatur." Den zu durchdringen könne dazu beitragen, die Qualität neurowissenschaftlicher Forschung zu steigern. "Wichtig ist, dass wir uns auf die Probleme der Gegenwart einlassen, uns nicht vor der Nutzenfrage verschanzen." Auch in die Deutung neoliberalen Modevokabulars wie Effizienz und Optimierung sollten sich Geisteswissenschaftler einmischen. Denn: "Was ist ›nützlich‹ für eine humane Gesellschaft?"

Zehntausende Germanistinnen und Germanisten sind es ganz sicher. Die Hälfte von ihnen wird irgendwann als Deutschlehrer vor Schulklassen stehen, in denen Kinder unterschiedlicher Herkunft schreiben lernen sollen, sie werden in Mittel- und Oberstufe augenöffnende Bücher lesen lassen, Erich Kästner, Christa Wolf oder Wolfgang Herrndorf vielleicht. Und jene, die nicht auf Lehramt studieren, werden vom boomenden Arbeitsmarkt ebenfalls absorbiert, wenn auch manchmal über Umwege und mit Verzögerung. Sie landen oft dort, wo es etwas zu erklären und vermitteln gibt. Die einen in der Kulturbranche, andere in Start-ups, wieder andere in großen Unternehmen. "Wir sind überall", sagt Silke Horstkotte. "Man muss nur hinschauen."