Dieses Gespräch liegt in einer Langfassung vor.

DIE ZEIT: Herr Seehofer, wir wollen mit Ihnen über Heimat sprechen. Womit ist der Begriff für Sie verbunden: mit einem Geruch, einem Geschmack, einem Bild?

Horst Seehofer: Mit dem Gefühl. Für mich ist Heimat schlicht und einfach, wo ich mich zu Hause und geborgen fühle, wo ich merke: Da gehöre ich dazu. Ich habe das Glück gehabt, dass ich immer in meiner Heimat bleiben konnte. Dadurch habe ich auch woanders keine Wurzeln geschlagen. Obwohl ich sowohl in Bonn wie in Berlin meistens während der Woche nicht in dieser Heimat gelebt habe.

ZEIT: Sie verbinden Heimat mit einem Ort?

Seehofer: Ja, ganz stark. Ingolstadt. Da fühle ich mich zu Hause, geborgen. Diesen persönlichen Heimatbegriff übertrage ich auch auf meine Politik. Mir ist wichtig, dass die Menschen dort leben können, wo sie leben wollen. Und das können sie nur, wenn die wichtigsten Einrichtungen in dieser Heimat vorhanden sind: Schulen, Ärzte, Verkehrsinfrastruktur, Geschäfte zum Einkaufen, Arbeitsplätze. Strukturpolitik muss dazu beitragen, dass Menschen nicht gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen.

ZEIT: Hat Heimat mit Jugend, Kindheit zu tun?

Seehofer: Eindeutig! Wo Sie als Kind gelebt haben, gespielt haben, Freundinnen und Freunde hatten, das prägt den Menschen emotional viel stärker als das, was später im Erwachsenendasein stattfindet. Ich habe gerade an Ostern, zusammen mit meinem Bruder, die wichtigsten Kameraden aus unserer Jugend getroffen, von denen ich einige über 50 Jahre nicht mehr gesehen hatte. Es war ein wunderschöner Nachmittag! Wir haben über die vielen schönen Dinge gesprochen, die wir erlebt haben – und über ein paar Dummheiten, die unsere Eltern nie erfahren haben. Wir sind unmittelbar an der Donau aufgewachsen, also total in der Natur. Im Luitpoldpark, so hieß der angrenzende Stadtpark, sagt mir jeder Baum eine kleine Geschichte. In diese Bäume sind wir bis in die Wipfel geklettert, manchmal mit der Freundin – und manchmal war’s auch nur eine erträumte Freundin.

ZEIT: Wenn Sie jetzt mal die Augen zumachen: Wie riecht es da, in der Heimat?

Seehofer: Während der Woche gab es bei uns eine spartanische Verpflegung. Aber am Sonntag gab es Schweinebraten und Knödel. Dieser Geruch, den vergisst man nicht.

ZEIT: Mit Kruste?

Seehofer: Ja, natürlich! Aber die hat meistens der Vater für sich abgeschnitten. (lacht) Trotzdem haben wir Kinder uns richtig gefreut auf so ein sonntägliches Festessen. Der Kirchenbesuch musste natürlich vorweg sein, mit denselben Freunden, mit denen ich mich jetzt getroffen habe. Als wir älter wurden, ging’s dann mehr zum Frühschoppen als in die Kirche. Zu Hause mussten wir aber so tun, als ob wir in der Kirche waren. Deshalb bekam abwechselnd jeder den Auftrag, am Sonntag zu schauen, welcher Pfarrer die Messe gehalten hat. Und die Mutter war immer ganz zufrieden, wenn wir wussten, wer das war. (lacht)

ZEIT: Ist in Ihrer Kindheitsheimat eher Sommer oder Winter?

Seehofer: Jede Jahreszeit, ganz intensiv! Der Sommer an der Donau. Und im Winter sind wir Schlitten gefahren, auf einem Müllberg, den es am Ende unserer Straße gab. Für uns Kinder war das ein furchterregender Hang. Da hat man den Schlitten hochgezogen und hat ein bisschen gewartet, bis man sich das Runterfahren wieder traute. Weil alle Kinder aus der ganzen Stadt kamen, wurde das mit der Zeit zur gefährlichen Eisplatte. Heute, wenn ich dort spazieren gehe, kommt es mir vor wie ein Maulwurfshügel.

ZEIT: Gehört zur Heimat auch Heimweh?

Seehofer: Ja! In meinen ersten Berufsjahren musste ich einige Lehrgänge besuchen. Dann haben wir in Landwirtschaftsschulen übernachtet, und da hatte ich regelrecht Heimweh. So ein Lehrgang dauerte vier Wochen, das war unerträglich lange.

ZEIT: Was haben Sie gemacht? Briefe geschrieben?

Seehofer: Und wie viele! Da gab es zwar ein Telefon. Aber dafür musste man zahlen, und alle haben mitgehört. Das war nicht so angenehm. Es blieb nur der Briefaustausch. Das war am frühen Abend meine erste Freizeitbeschäftigung, einen Brief zu schreiben.

ZEIT: An die Eltern?

Seehofer: An die eigentlich selten. Da ging es eher darum, was man wieder braucht ... Aber zum Beispiel an Spielkameraden oder leichte, zarte Jugendfreundinnen. Ich weiß jetzt gar nicht recht: War es Liebesentzug, oder war es Heimweh?

ZEIT: Wir wollen Ihnen an dieser Stelle einige der Fragen stellen, die wir den Deutschen in der Vermächtnis-Studie gestellt haben. Sie müssen immer sagen, ob das auf einer Skala von 1 bis 7 voll und ganz zutrifft (1) oder überhaupt nicht (7). Los geht’s: "Heimat ist, wo andere Menschen genauso denken wie ich."

Seehofer: 1, wenn Sie die Mentalität meinen.

ZEIT: "Wo meine Sprache gesprochen wird."

Seehofer: 1.

ZEIT: "Deutschland, mein Land."

Seehofer: 1.

ZEIT: "Europa."

Seehofer: 3.

ZEIT: "Im Internet, zum Beispiel auf Facebook."

Seehofer: Nur dienstlich, also 4.

ZEIT: "Eine Religion, die ich mit anderen teile."

Seehofer: 1, römisch-katholisch.

ZEIT: Sie haben zu Anfang gesagt, dass Heimat für Sie in erster Linie ein Gefühl ist. Da stimmen auch 57 Prozent der Deutschen voll und ganz zu.

Seehofer: Dann bin ich halt ein normaler Mensch.

ZEIT: Jetzt haben Sie es amtlich. Herr Seehofer, Sie haben ein starkes Gefühl für Ihre Heimat, aber offensichtlich auch einen Sinn für andere Menschen und deren Heimat. Trotzdem sagen Sie: Wir dürfen nicht jedem eine Heimat geben.

Seehofer: Uijuijui! Das ist ein total falsches Bild, das Sie da von mir zeichnen. Seit 2015, seit wir also wieder in stärkerem Maße Zuwanderung haben, habe ich das Begriffspaar Humanität und Ordnung geprägt. Ich habe immer gesagt, wir sind ein weltoffenes Land, niemand will sich abschotten. Aber Humanität und Integration werden nur funktionieren, wenn das Ausmaß der Zuwanderung kontrolliert und begrenzt ist.