© Kilian Blees

DIE ZEIT: Herr Aiwanger, Sie sind stellvertretender Ministerpräsident in Bayern. Bei der Landtagswahl 2018 haben Sie mit den Freien Wählern 11,6 Prozent der Stimmen gewonnen. Können Sie im Osten genauso erfolgreich werden?

Hubert Aiwanger: Freilich! Ich war kürzlich in Sachsen und habe die Kollegen dort besucht. Die haben es absolut im Kreuz, in den Landtag zu kommen. Es wäre sogar dringend nötig, dass sich da eine pragmatische Kraft einbringt, die innovativ ist und koalitionsfähig. Die Leute sollen, gerade in Sachsen, wieder Kräfte wählen, die gesunden Menschenverstand haben. Die Radikalen bringen doch keinem etwas.

ZEIT: Die Radikalen – meinen Sie damit die AfD?

Aiwanger: Genau. Die bringen nur Ärger. Regieren kann man mit denen nicht.

ZEIT: Sollen die Freien Wähler im Osten so etwas wie eine Alternative zur AfD werden?

Aiwanger: Wir sind keine Partei aus der Retorte wie die AfD. Aber wir sind anders als alle anderen. Die Freien Wähler haben einen großen Vorteil: Sie sind schon lange da. Der Wähler weiß aus der Kommunalpolitik, was er von uns bekommt: kein Querulantentum, sondern Vernunft und Berechenbarkeit. Mit uns kann man Staat machen. Wir sind im Prinzip der schlafende Riese, den noch keiner entdeckt hat. Ich glaube, die Lage in Sachsen ist durchaus mit der in Bayern vergleichbar.

ZEIT: Inwiefern?

Aiwanger: In Sachsen gibt es auch schon lange eine CDU-Regierung, analog zur CSU-Regierung in Bayern. Und ich glaube auch, es gibt wie in Bayern eine grundsätzlich konservative Gesellschaft. Da können wir zeigen, dass mit uns etwas möglich ist, was es sonst in Deutschland nirgendwo mehr gibt: eine bürgerliche Koalition. Man muss nicht immer linke Parteien in der Regierung haben! Die Themen sind ohnehin ganz ähnlich.

ZEIT: Ach ja?

Aiwanger: Natürlich. Überall im ländlichen Raum geht es um ärztliche Infrastruktur, um schnelles Internet, um den Zustand von Schulen, Kindergärten und Straßen. Da sind wir ganz nah beieinander bei unseren Problemen – ganz egal ob wir nun in Bayern oder in Sachsen leben.

ZEIT: Manche im Westen finden, der Osten habe ein Demokratieproblem.

Aiwanger: Das ist eine Beleidigung, die möchte ich zurückweisen! Ich finde es unerträglich, wenn so getan wird, als müsste man irgendwem Demokratie beibringen. Ich war in Sachsen, ich war in Brandenburg. Das sind einfach Leute, die die Dinge beim Namen nennen. Die soll man machen lassen, was sie für richtig halten – und ihnen keine Probleme von oben einbrocken. Ich glaube, dass die Menschen im Osten in den vergangenen Jahren viel durchprobiert haben, von links bis rechts. Und dass teilweise derselbe Wähler, der früher die SPD gewählt hat, später die Linke und dann die AfD wählte. Sich auf etwas Neues einzulassen ist hier also etwas Normales.

ZEIT: Was raten Sie denn Ihren Kollegen im Osten im kommenden Wahlkampf?

Aiwanger: Ich muss denen gar nicht viel raten, die wissen das selbst am besten. Die kommunale Basis ist gerade in Sachsen gut. Auf dieser Basis muss man jetzt auf sich aufmerksam machen, damit die Menschen merken: Hoppla, die übernehmen doch vor Ort Verantwortung, die kennen sich aus bei den Themen von Schule bis Straßenbau. Und die können wir auch in den Landtag wählen! Das muss überregional bekannt werden. Leider sitzen unsere Vertreter viel zu selten in Talkshows.

ZEIT: Werden Sie im Ost-Wahlkampf auftreten?

Aiwanger: Ich bin mit Rat und Tat dabei, wenn das gewünscht ist. Ich will aber nicht der Wessi sein, der dem Osten sagt, was da zu geschehen hat, im Gegenteil. Ich habe mir sehr genau angehört, was die Leute zu sagen hatten. Und ich lerne vom Osten. Ich sehe bei vielem, dass die uns auch voraus sind.

ZEIT: Was haben Sie denn erfahren, als Sie den Ostdeutschen zuhörten?

Aiwanger: Ich denke, vielen Menschen im Osten wurde in den letzten Jahren so ein bisschen der Teppich weggezogen, sie wurden entwurzelt. Auch mit riesigen Gebietsreformen, Verwaltungsreformen. Man hat bewährte Strukturen zerstört. Auf die muss man sich jetzt zurückbesinnen. Auf das Ehrenamt, auf die Gemeinschaften. Das gibt es ja alles – und das ist für mich auch die Antwort auf die Globalisierung. Wer den Leuten all das wegnimmt, macht sie aggressiv. Die Menschen im Osten wollen nicht, dass man ihnen reinredet, sie wollen selber entscheiden. Darum geht es uns am Schluss.

ZEIT: Im Osten gibt es auch eine verbreitete Parteienskepsis. Das könnte Ihr Vorteil sein.

Aiwanger: Im Westen haben Parteien an sich auch nicht so einen positiven Ruf. Die Dominanz der CSU etwa wurde in Bayern ebenfalls als sehr erdrückend wahrgenommen. Unser Vorteil ist: Bei uns ist die Einstiegshürde niedriger als bei den etablierten Parteien. Wir sind dezentral, man muss sich bei uns nicht gleich mit Haut und Haar verpflichten.

ZEIT: Stimmt: Wenn man sich Ihre Listen für die Kommunalwahlen anschaut, bekommt man das Gefühl, es mit einem ziemlich bunten Haufen zu tun zu haben. Gibt es überhaupt einen gemeinsamen Nenner in Ihrer Partei?

Aiwanger: Freie Wähler sind Leute, die wertkonservativ denken. Nicht im altmodischen Sinne. Wir sagen: Man kann die Natur erhalten, ohne Grüner sein zu müssen. Man kann die Familie verteidigen, ohne AfD sein zu müssen. Und so weiter. Einfach vernünftig die Dinge ansprechen. Wenn wir das tun, können wir im Osten auch was ausrichten.