US-Präsident Donald Trump liebt starke Worte, führt aber ein kriegsmüdes Land. © Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

Seit die USA im vergangenen Jahr aus dieser Vereinbarung ausgestiegen sind, ist das Abkommen in Gefahr. Für die EU indes gilt es immer noch als der beste Weg, die nukleare Proliferation in der Region zu verhindern. Darum haben die Europäer den Iranern versprochen, wirtschaftliche Schäden abzuwenden, die dem Land durch den Ausstieg der USA entstehen könnten.

Nach Auffassung der Regierung Trump ignoriert das Atomabkommen die eigentliche Gefahr, die vom Iran ausgeht: seine wachsende regionale Macht, die Unterstützung von Terrororganisationen wie Hisbollah im Libanon oder Hamas in den Palästinensergebieten, gepaart mit dem erklärten Ziel, Israel zu zerstören. Das Abkommen und die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen hätten all das nur noch leichter gemacht.

Das Gespräch mit dem Mann aus dem State Department ist sehr freundlich, stellenweise fast akademisch; der Diplomat ist nicht nur sehr belesen, er kennt auch die europäische Geschichte ausgesprochen gut. Donald Trumps Außenpolitik vergleicht er einmal mit der Epoche des Sturm und Drang im Deutschland des späten 18. Jahrhunderts. An die Stelle der Rationalität der Aufklärung setzten junge Literaten damals die großen Gefühle. Innenpolitisch sei dieser Sturm-und-Drang-Trump ein Problem, resümiert der Diplomat trocken. Außenpolitisch sei es eine durchaus erfrischende Wendung nach den unterkühlten Obama-Jahren.

Wütend reagiert der US-Diplomat allerdings auf die Frage, ob nicht auch der langjährige amerikanische Verbündete Saudi-Arabien ein Problemstaat sei. Das könne man nicht vergleichen. "Die Mullahs sehen sich im Gegensatz zu den Saudis als verdammte Arier." Die Iraner "wollen die ganze verdammte Welt beherrschen und ziehen das Gestapo-mäßig durch. Obama hat tatsächlich geglaubt, er könne die mit einem Platz in der beschissenen Davos-Welt befrieden."

Iranischer Machtzuwachs im Mittleren Osten

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Solche Aggressivität könnte in Teheran eher den Widerstand stärken. Dort besteht eine komplizierte Machtteilung: Hier die gewählte Regierung mit Präsident Hassan Ruhani an der Spitze – dort der Revolutionsführer Ajatollah Chamenei und der autoritäre islamische Staat mit den Revolutionsgarden, der militärischen Einheit zum Schutze des Regimes. Hier jene Politiker, die das Atomabkommen ausgehandelt und unterschrieben haben – dort die Skeptiker, die den Vertrag eigentlich nie wollten, weil sie ihn als unzulässige Einmischung in die nukleare Zukunft des Irans sehen. Alle zusammen bilden die Macht, die in der Region massiv expandiert: Feldzüge in Syrien, ein Stellvertreterkrieg im Jemen, in Gaza.

Präsident Ruhani hat sich mit dem Atomabkommen identifiziert, als Chef des Nationalen Sicherheitsrats hat er es ausgehandelt, als Präsident abgesegnet. Der amerikanische Bruch des Vertrags hat ihm und seinem Außenminister Dschawad Sarif die Grundlage ihrer Politik entzogen. Sie stehen seither im eigenen Land da wie die Naiven, die den Iran leichtfertig in ein trügerisches Abkommen geführt haben. "Man muss seine Feinde kennen", belehrte ein hoher Kleriker unlängst den Präsidenten und seinen Minister. Da die USA nicht mehr zum Abkommen stünden, müsse die Regierung nun "revolutionär handeln". Revolutionär handeln soll heißen: das Atomabkommen selbst aufkündigen.

Aus Sicht der Berater von Ajatollah Chamenei, dem politischen und religiösen Oberhaupt des Irans, hat der Vertrag wenig gebracht. Die kurzfristige Öffnung der Wirtschaft hat vor allem Geschäftsleute und Städter mit Fremdsprachenkenntnissen erfreut, die ohnehin nicht zu ihren Gefolgsleuten gehören. Die Revolutionsgarden mit ihrem eigenen Wirtschaftsimperium hingegen brauchen keine Öffnung nach Westen, sondern genau das Gegenteil. Sie profitieren von Sanktionen, Isolation und äußerem Druck. Dann können sie in der Mangelwirtschaft Pfründen verteilen, den Außenhandel kontrollieren, Monopole ausbauen. Wenn die Amerikaner nun den Druck auf den Iran erhöhen, helfen sie den konservativen Garden und schaden dem Präsidenten.