Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land, den Beutel auf dem Rücken, die Klampfe in der Hand. Ich bin ein lust’ger Wandersmann, so völlig unbeschwert. Mein Lied erklingt durch Busch und Tann, das jeder gerne hört.
Die erste Strophe des Rennsteigliedes

Was denn, wie denn: Wollen die Ossis dem Westen jetzt auch noch an die Lieder? Man kann Bodo Ramelow, Thüringens linkem Ministerpräsidenten, zumindest nicht vorwerfen, dass er nicht geahnt hätte: Das wird Ärger geben. Vielleicht hat er den Ärger sogar gewollt, als er vorschlug, die Nationalhymne im Sinne der Ostdeutschen umzudichten. Er kündigte den Aufruhr jedenfalls gleich mit an: "Viele Ostdeutsche singen die Hymne nicht mit, und ich würde mir wünschen, dass wir eine wirklich gemeinsame Nationalhymne hätten", sagte Ramelow der Rheinischen Post. "Bisher hat dieser Wunsch leider immer nur für empörte Aufregung gesorgt." Die Empörung hat er dann auch bekommen, morgens auf Seite eins von Bild.

Mal abgesehen von der Frage, was Ramelow statt des Liedes der Deutschen künftig gern gesungen hätte (das Rennsteiglied, die inoffizielle Thüringer Landeshymne, für ganz Deutschland?) – große Aufregung ist immer ein Zeichen dafür, dass jemand einen wunden Punkt getroffen hat. Allerdings noch kein Beweis dafür, dass es auch der richtige ist.

Wie aufgeregt über Ramelows Hymnen-Idee gestritten wird, zeigt nämlich vor allem: dass die Diskussion über Ost-West an einem Kipp-Punkt angekommen ist. Da wächst, man kann es nicht anders sagen, allmählich eine Genervtheit im Westen – die Ossis kriegen ja nie genug! Ist die Abschaffung der Hymne vielleicht der eine Schritt, die eine Forderung zu viel?

Es stimmt natürlich, was Ramelow im Subtext sagt: Die Ostdeutschen sind 1990 Bürger der Bundesrepublik geworden, und sie haben fast alles vom Westen übernommen, was es zu übernehmen gab – Gesetze, Wirtschaftssystem, Liedgut. Was soll dann so schlimm daran sein, im Jahr 30 der Einheit mal was Gemeinsames zu dichten!

Eine gute Idee, warum nicht, einerseits.

Andererseits: Die Ostdeutschen haben immens viel bekommen in den vergangenen Monaten. Ganz praktische und ganz ideelle Dinge. Leipzig erhält ein neues Fernstraßenbundesamt und einen zusätzlichen Senat des Bundesgerichtshofs, die Lausitz wird für den Braunkohleausstieg erst mit Geld überflutet und später mit Wasser (die vielen neuen Seen!), der Wolf hat es immer schwerer, die Ostquote für Führungskräfte wird zumindest diskutiert, die Polizei aufgestockt. Osten, Osten, Osten!

Der Osten diktiert die politische Agenda im Jahr 2019, er steht im Mittelpunkt wie nie. Das alles macht das Land noch nicht zur Bundesrepublik Ostdeutschland, es gibt weiterhin Tausende deutsch-deutsche Ungerechtigkeiten, dem Osten fehlen Geld und Wirtschaftskraft, mindestens ein Dax-Konzern, Vermögen und publizistische Durchschlagskraft.

Aber der Westen hat doch auch redlich gelernt. Die Westdeutschen stellen jetzt all die Fragen, die sie dem Osten immer schon hätten stellen sollen. Die Aufarbeitung der Neunziger hat angefangen, das Gespräch über die Härten der Nachwendezeit. Die Treuhand rückt in den Blick, na zum Glück! Man kann viele Westdeutsche inzwischen nachts wecken und sie fragen, was die Ostdeutschen am allermeisten brauchen – sie werden antworten: "Die Anerkennung ihrer Lebensleistungen!"

Der Westen will doch, er müht sich!

Und vielleicht sollte man ihn deshalb, zuweilen, auch mal schonen.

Denn es wächst da so ein Gefühl im Westen, noch diffus, aber zunehmend greifbar – man spürt es an vielen Ecken. Im Gespräch mit Bundestagsabgeordneten, mit Journalisten, mit Bürgerinnen und Bürgern: Übertreibt es nicht, sagen sie – und meinen die Ostdeutschen. Übertreibt es nicht mit Wünschen, mit Forderungen, mit dem ständigen Habenwollen. Ob es nicht irgendwann mal genug sei?