Ein kleines, pummeliges Männchen mit freundlichem Gesicht sitzt auf einer Bank, umklammert einen Geldsack auf seinem Schoß und wartet scheinbar auf den Zug. Wer in die New Yorker Metro-Station 14th Street/Eighth Avenue hinabsteigt, betritt eine Zauberwelt des amerikanischen Künstlers Tom Otterness: Life Underground.

Mehr als hundert Bronzefiguren, jeweils um die 30 Zentimeter groß, sind über die Zugänge und Bahnsteige verteilt. Im lockeren Stil an Cartoons angelehnt, hat Otterness Handwerker, scheinbar eilig vorbeilaufende Pärchen, Obdachlose, Polizisten und Reinigungspersonal sowie einige Fabelwesen in Ecken und Winkeln der Haltestelle platziert. Die Figuren sollen fünf verschiedene Klassen repräsentieren: Arbeiter (tragen Bau-Helme und Werkzeug), Angestellte (mit Krawatten), Radikale (meist nackt und mit spitzen Hüten), Reiche (oft dick und mit Zylinder) und Polizisten (in Uniform).

Otterness ist in den USA und Europa bekannt für seine Arbeiten unter freiem Himmel, in Parks und auf Plätzen. Diese stehen vor derselben Herausforderung wie alle anderen Kunstwerke im öffentlichen Raum: Es geht darum, die Blicke eines vorbeilaufenden und abgelenkten Publikums auf sich zu ziehen. Durch Irritation oder – wie bei Life Underground – durch Überraschung kann es gelingen, den Alltag der Menschen zu durchbrechen und für einen Augenblick ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Im besten Fall kommen Fremde im Angesicht eines Kunstwerks miteinander ins Gespräch.

Life Underground schuf Otterness für 200.000 Dollar im Auftrag des "Arts for Transit"-Programms der staatlichen Metropolitan Transportation Authority. Akribisch las er sich in die Geschichte der Haltestelle ein und verbrachte viele Stunden auf dem Bahnsteig. Er wählte Nischen und Plätze aus und ließ sogar die Treppe und die Deckenkonstruktion in seinem Atelier nachbauen, um die Figuren anzupassen. Um die Jahrtausendwende herum begann er mit der Arbeit und fügte dem Gesamtkunstwerk zehn Jahre lang Skulpturen hinzu. An einem Ort, an dem in New York alle Gesellschaftsschichten aufeinandertreffen, konfrontieren sie bis heute Passanten mit ihren Unterschieden.

Nicht jede Figur wird dabei so interpretiert, wie der Künstler es vielleicht beabsichtigt hat. Die Figur des dicken Unternehmers mit einem Geldsack anstelle eines Kopfes etwa steht am Wendepunkt einer Treppe und lehnt sich an Zeichnungen des politischen Karikaturisten Thomas Nast über einen New Yorker Korruptionsskandal aus dem 19. Jahrhundert an. Doch unabhängig von der eindeutigen Kritik am Kapitalismus, die diese Figur verkörpert, lassen sich an ihr doch auch die Folgen besonderer Liebesbekundungen erkennen: Aufgrund Abertausender Berührungen ist der bronzene Geldsack-Kopf längst blank poliert. Täglich fassen viele Passanten den Geldsack im Vorbeigehen an. Eine Art Glücksritual? Verbunden mit dem stillen Wunsch, ebenfalls einen Geldsegen zu erhalten?

Auch andere Figuren thematisieren das Verhältnis zu Geld. So steht auf einem kleinen Mauervorsprung ein dicker Miniatur-Kapitalist mit freundlichem Cartoon-Gesicht sowie Zylinder à la Dagobert Duck und sammelt Münzen vom Boden auf. Eine kleiner geratene Frauenfigur, die mit ihrer spitzen Mütze in die Gruppe der Radikalen gehören müsste, hilft ihm dabei. Beutet er sie aus? Oder lässt diese kleine Figurengruppe vielleicht auch einen anderen Schluss zu, dass nämlich der reiche Mann der kleinen Frau Geld abgibt?

Der geradezu niedliche Stil der Figuren mildert die inhaltlich harte soziale Kritik stark ab – so trifft Otterness wohl eher auf offene Augen. Wer schließlich Geber und wer Nehmer ist, wer Bewacher oder Bedroher, wer Einbrecher oder aber Aufbauer, das können die New Yorker, die sich einen Augenblick Zeit nehmen, ganz allein entscheiden.