DIE ZEIT: In der Antarktis am Südpol beginnt gerade der Winter. Warum kommen da jetzt Zehntausende Kaiserpinguine aufs Eis?

Daniel Zitterbart: Pinguine leben in Kolonien, das sind die Orte auf dem Eis, an denen sie zur Welt kommen und zu denen sie immer wieder zurückkehren. Dort paaren sie sich, brüten die Eier aus und päppeln die Küken hoch.

ZEIT: Mit ferngesteuerten Kameras beobachten Sie die Kolonie in der Atka-Bucht. Wie viele Tiere sind schon da? Wie viele kommen noch?

Zitterbart: Wir zählen sie regelmäßig. Anfang Mai waren es 7000 Tiere, bis Ende des Monats werden es 25.000 sein. Dann sind alle da.

ZEIT: Warum kommen sie zeitversetzt an?

Zitterbart: Das wissen wir nicht genau. Es hängt vermutlich davon ab, wie das Meereis gefroren ist und wie weit die Wege sind. Die Kolonie liegt auf gefrorenem Ozean. Das ist eine riesige Scholle, 20 mal 20 Kilometer groß, die am Land festgefroren ist.

ZEIT: Und wo sind die Tiere sonst?

Zitterbart: Im Ozean. Sie müssen viel fressen, weil sie große Fettpolster brauchen, um den Winter und die Brutzeit zu überstehen. Sie tauchen nach Futter, schlafen auf dem Wasser. Bis zu 5000 Kilometer können sie leicht schwimmen.

ZEIT: Sind die Tiere im Ozean allein unterwegs?

Zitterbart: Pinguine haben keine Familienverbände, jedenfalls wissen wir davon nichts. Im Ozean können wir sie nicht so gut beobachten wie in der Kolonie. Aber wenn ich auf einem Forschungsschiff unterwegs war, habe ich sie meist in kleinen Gruppen gesehen, drei bis fünf Tiere. Man sieht sehr selten einen Pinguin ganz allein. Deshalb nehme ich an, dass sie im Ozean in kleinen Gruppen leben. Sie haben übrigens auch nicht ein Leben lang denselben Partner. Sie kommen in die Kolonie, um jedes Jahr einen neuen zu finden.

ZEIT: Wie sieht das aus, wenn sie ankommen? Stimmt es, dass sie ordentlich in langen Reihen anmarschieren?

Zitterbart: Jein. Wenn die Pinguine eintreffen, kommen sie in Gruppen aus den unterschiedlichsten Richtungen. Da sind sie nicht ordentlich aufgereiht. Wenn aber später die Weibchen das erste Mal wieder zum Wasser gehen, um Futter für die Küken zu holen, dann bilden sich wirklich kilometerlange Schlangen.

ZEIT: Die Weibchen sind ordentlicher?

Zitterbart: (lacht) Nein, so ist es nicht. Bei der Ankunft laufen sie durcheinander, weil sie von überallher kommen. Wenn die Weibchen gemeinsam aus der Kolonie aufbrechen, folgt ein Tier dem anderen, weil alle den direkten Weg zum Wasser und zum Futter nehmen.

© Daniel Zitterbart

ZEIT: Aber vorher paaren sie sich ...

Zitterbart: Genau, da ist in der Kolonie tierisch viel los. Sie suchen einen Partner und führen Bruttänze auf. Danach bleiben die Paare noch etwa sechs Wochen zusammen, bis das Weibchen das Ei gelegt hat. Das ist so Ende Juni. Dann haut das Weibchen sofort ab und geht fressen. Ein Ei zu legen kostet nämlich viel Energie.

ZEIT: Und das Ei?

Zitterbart: Bleibt beim Männchen, das es auf seinen Füßen balanciert und ausbrütet. Für die Männchen beginnt nun die richtig harte Zeit. Sie müssen noch bis August weiterfasten. Dann erst schlüpfen die Küken.

ZEIT: Die Pinguinpapas bekommen fast vier Monate lang nichts zu fressen?

Zitterbart: Genau. Sie würgen sich sogar noch letzte Reste hoch, um die Küken anzufüttern. Man kann Männchen und Weibchen normalerweise nicht leicht auseinanderhalten. Nach der Brutzeit aber schon, weil die Männchen da nur noch halb so breit sind.

ZEIT: Wie groß ist ein Küken?

Zitterbart: Es wird mit etwa 300 Gramm geboren, die Eltern päppeln es innerhalb von fünf Monaten auf 15 bis 25 Kilo hoch. Das machen sie immer abwechselnd: Mal geht die Mutter fressen und Futter holen, dann der Vater. Wenn die Küken größer sind, bleiben sie allein in der Kolonie.

ZEIT: Bis die Eltern sie zum Meer bringen?

Zitterbart: Nein, dahin gehen sie allein. Die Eltern hören irgendwann auf zu füttern und kommen nicht mehr. Entweder sehen sie, dass ihr Kind nicht schnell genug gewachsen ist, also nicht überleben wird. Oder es ist kräftig genug. Die Küken sind dann so groß wie ihre Eltern. Sie müssen nur noch warten, bis sie ihr Daunenkleid verlieren und die wasserfesten Federn da sind. Das ist im Januar. Dann ziehen sie los Richtung Ozean, und wir sehen sie für fünf Jahre nicht wieder. Erst dann kehren sie zurück in die Kolonie, um selbst Kinder zu bekommen.

ZEIT: Sie erforschen die Pinguine seit elf Jahren. Was haben Sie über sie herausgefunden?

Zitterbart: Viel über die Huddles.

ZEIT: Die was?

Zitterbart: Auf Deutsch könnte man Kuschelhaufen sagen. Wenn den Tieren kalt ist, stellen sie sich ganz eng zusammen. Manchmal in kleinen Gruppen. Wenn es richtig eisig wird, bilden sie aber auch Huddles mit 15.000 Tieren. Wir haben herausgefunden, dass sie dabei die ganze Zeit in Bewegung sind. Mit bloßem Auge sieht man das nicht auf, aber die Kameras liefern uns ganz viele Bilder. Spielt man sie im Zeitraffer ab, erkennt man, dass regelmäßig eine Art La-Ola-Welle durch einen Kuschelhaufen geht.

ZEIT: Warum tun die Pinguine das?

Zitterbart: Zum einen, damit keine Lücke entsteht, durch die Kälte reinzieht. Ich glaube aber, der wichtigste Grund sind die Eier. Die balancieren sie auf den Füßen und müssen sie drehen. Normalerweise würden sie das mit dem Schnabel tun. Das geht aber nicht, wenn sie eng stehen. Ich glaube, dass sie das Ei mit dem Fuß bewegen und damit den Schritt auslösen, der sich dann durch die Gruppe fortsetzt. Das erforschen wir noch.

ZEIT: Sie lernen aber nicht nur etwas über die Tiere, sondern auch über die Welt drum herum.

Zitterbart: Das versuchen wir. Wir haben eine Methode entwickelt, um etwas über den Zustand der Ozeane sagen zu können – durch die Tiere.

ZEIT: Wie das?

Zitterbart: Das Verfahren ist kompliziert. Ganz knapp: Wir sehen, wann die Tiere frieren und Huddles bilden, und können damit abschätzen, wie viel Fett sie noch haben. So wollen wir bestimmen, wie viel sie gefressen haben. Wenn wir das über mehrere Jahre tun, sagt uns das, wie viel Fisch in welchen Regionen des Ozeans ist.

ZEIT: Und wie steht es um die Ozeane?

Zitterbart: Noch werten wir die Daten aus. Was wir wissen: Die Kolonie wächst, die Futterlage ist also gut. Wir wissen aber auch, dass sich das massiv ändern wird, wenn der Klimawandel das Meereis stärker beeinflusst. Halten die Schollen im Winter nicht mehr lange genug, wird es auch für die Pinguine bedrohlich.