Der Tag, an dem Ursula Brintrup zu dem kleinen Schreibwarengeschäft um die Ecke lief, etwa auf halber Strecke zur Kirche, um dort nach der Zeitschrift Emma zu fragen, war der Anfang eines Tabubruchs. Geht es nach Ursula Brintrup, dann wird er noch einige Zeit anhalten und die katholische Kirche Nerven kosten.

Die gläubige Katholikin, 54 Jahre alt, lebt in Münster, im Stadtteil Roxel, viele Klinkerfassaden, noch mehr Gartenzäune. Das Leben in Roxel ist ein Leben mit einem ausgeprägten Sinn für Ordnung.

Brintrup war Hausfrau, 23 Jahre lang, drei Kinder hat sie großgezogen, seit Weihnachten arbeitet sie wieder in Teilzeit als Steuerfachgehilfin. Von ihrer geräumigen Küche blickt sie auf ihren Rasen, dessen Kanten man mit dem Lineal nicht akkurater ziehen könnte. Ihre Freizeit widmet sie der Gemeindearbeit. Ehrenamt, versteht sich. Seit 14 Jahren organisiert sie das Fest zu St. Martin, vor der Osternacht färbt sie jedes Jahr Hunderte Eier mit der Hand, sie organisiert Tische und Getränke für die Pfarreifeste, steckt Blumenkränze, kocht gemeinsam mit geflüchteten Frauen aus Syrien Marmelade. Sie hält die Gemeinschaft am Leben. Sie erwartet dafür keine Gegenleistung, das wäre ihr fremd, aber wenigstens Wertschätzung.

Ursula Brintrup kann sich kein Leben ohne Kirche vorstellen, sagt sie. Ihre Eltern hatten einen Hof mit Schweinen und Kühen, an Weihnachten ging die Familie immer zuerst durch den Stall, eine Extraschippe Futter für das Tier, zum Dank. Dann in die Kirche. Bis heute beten sie und ihr Mann vor jedem Mittagessen, den Kindern war das vor Freunden manchmal peinlich. Ursula Brintrup nicht. Gäbe es ein Idealbild der selbstlosen, aufrechten Katholikin, Ursula Brintrup käme ihm nahe.

Es war Anfang Mai, als sie sich die Emma gekauft hat, zum ersten Mal in ihrem Leben und dann gleich sieben Exemplare. Auch in den Nachbargemeinden sollten alle den Text über die Frauenbewegung "Maria 2.0" unbedingt lesen. Gläubige Katholikinnen kündigten an, eine Woche lang keine Kirche zu betreten und für diese Zeit alle Ehrenämter niederlegen zu wollen. Was sie erreichen wollen, ist eine stärkere Position in der Kirche. Pflichten haben sie schon genug, sie wollen nun auch Rechte.

Die Frauen aus der Gemeinde Roxel schlossen sich an. 22 von ihnen arbeiten normalerweise ehrenamtlich in der katholischen Bücherei in Roxel, die ohne sie nicht täglich öffnen könnte. Andere unterstützen Flüchtlinge beim Kampf mit der deutschen Bürokratie. Ihre Arbeit ruht seit Sonntag, die Bücherei ist geschlossen, die Fenster sind mit weißen Bettlaken verhängt. Ursula Brintrup lässt auch den Gemeindeausschuss ausfallen.

In seinem Pfarrbrief fragt der Pfarrer daraufhin die Roxeler Gemeinde: "Was genau sind zum Beispiel die letztlich wirklich not-wendenden Änderungen in der Kirche, damit die Frauen ihre Begabung und ihr Wesen auch in echte, wirksame Leitungsverantwortung einbringen können?" Mittlerweile stört Ursula Brintrup schon dieser Blick auf Frauen. "Was soll das überhaupt sein, das Wesen der Frau?", fragt sie verärgert. Auf ihrem Esstisch liegen viele Zeitungsartikel, alles, was sie finden konnte zu "Maria 2.0". In den Nächten vor der ersten Mahnwache von "Maria 2.0" vor dem Dom in Münster konnte Brintrup kaum einschlafen. "Ich war ja noch nie auf einer Demonstration", sagt sie.

So wird es vielen Katholikinnen gegangen sein, die Bewegung zieht weite Kreise. Katholikin und Demonstrantin, eine eher seltene Kombination. Zehntausende katholische Frauen in Deutschland betreten dieser Tage keine Kirchen, weil sie sich von ihrer Kirche in so vielen Momenten ausgeschlossen fühlen. Begonnen hat die Bewegung nicht weit von Roxel, im Zentrum von Münster, in einem Lesekreis. Seit Januar hat sich Elisabeth Kötter mit vier Frauen regelmäßig getroffen, sie lasen Evangelii gaudium, Freude des Evangeliums, die Regierungserklärung von Papst Franziskus.

Elisabeth Kötter, 59, freischaffende Künstlerin, hatte am Abend vor einem Treffen einen Dokumentarfilm gesehen über den Missbrauchsskandal, darüber, wie Täter nicht entlassen, sondern versetzt wurden. Kötter erzählte den Frauen im Lesekreis davon. "Ich kann das nicht mehr vertreten, ich halte das nicht mehr aus", sagt sie. Die Frauen diskutierten lange, am Ende entschieden sie, ihre Kirche retten zu wollen. "Die frohe Botschaft blieb uns im Hals stecken, weil die Boten teilweise so grauenhafte Dinge getan haben", sagt Kötter. Aus dem Lesekreis wurde die Bewegung "Maria 2.0".