Vor 200 Jahren kam sie zur Welt, eine ganze Epoche trägt ihren Namen: Victoria, von 1837 bis zu ihrem Tod 1901 Königin von Großbritannien und Irland (kolorierte Fotografie von 1882) © adoc-photos/bpk-Bildagentur

Die Kutschen verlassen im Morgengrauen das beschauliche unterfränkische Städtchen Amorbach; vor ihnen liegt an diesem 28. März 1819 eine Reise aus der biedermeierlichen deutschen Provinz in das Zentrum eines weltumspannenden Reiches. Für die einzige Passagierin im ersten der Wagen muss es eine Tortur sein. In dem ungefederten Gefährt geht es über Straßen, die diese Bezeichnung kaum verdienen, zur fernen Kanalküste. Marie Louise Victoria, allgemein Victoire genannt, befindet sich im achten Monat ihrer Schwangerschaft und hat mit der abenteuerlichen Reise fast ein wenig zu lange gewartet. Die 32-Jährige ist die verwitwete Fürstin zu Leiningen. In zweiter Ehe hat sie im Vorjahr Edward, den Duke of Kent, geheiratet – der ehemalige Militär sitzt auf dem Bock der Kutsche; wieder einmal ist man klamm, das Geld für einen Kutscher wird gespart.

Der Herzog von Kent ist einer von sieben Söhnen des englischen Königs Georg III., von "Mad King George", der nach fast 60 Jahren auf dem Thron in geistiger Umnachtung seinem Ende entgegendämmert. Seine Söhne haben zwar reichlich Nachkommen gezeugt, doch keines der Enkelkinder ist standesgemäß und kann Anspruch auf die Nachfolge erheben. Als Prinzessin Charlotte im Kindbett stirbt, die Tochter des Prince of Wales, der als Prinzregent bereits für "Mad George" regiert und 1820 als König Georg IV. den Thron besteigen wird, gibt es keine legitimen Thronfolger mehr. Das noch ungeborene Kind von Edward und Victoire hingegen wäre legitim – allerdings muss es dazu auf englischem Boden zur Welt kommen.

Die Kents erreichen die Britische Insel noch rechtzeitig, auch wenn die Überfahrt bei rauer See für die Herzogin eine weitere Qual ist. Das Paar bezieht Zimmer im Kensington Palace. Dort bringt Victoire in den frühen Morgenstunden des 24. Mai 1819 nach eigenen Worten "eine kleine Prinzessin, mollig wie ein Rebhuhn", zur Welt. Die Kleine wird einem ganzen Zeitalter ihren Namen geben: viktorianisch. Und sie wird die Verkörperung von Britishness sein.

Einfach ist der Weg dorthin nicht. Mit dem Namen geht es los. Alexandrina soll die Thronfolgerin heißen, dem russischen Zaren zu Ehren, an dessen Seite Großbritannien wenige Jahre zuvor Napoleon niedergeworfen hat. Den Namen ihrer Mutter – Victoria – hängt der Erzbischof bei der Taufe kurzerhand mit an. Später werden Mitglieder des Parlaments monieren, dass dies kein Name sei, der die Gefühle der Briten anspreche. Trotzdem wird die Königin nach der Thronbesteigung ihren Erstnamen Alexandrina in Vergessenheit geraten lassen und sich ausschließlich Victoria nennen.

Noch saurer stößt manchem Zeitgenossen ihre Abstammung auf. "Warum haben wir Deutsche, die uns regieren?", fragt eine adlige Dame 1820 bei einem Empfang. Auf dem Thron sitzen damals seit gut 100 Jahren Angehörige des Hauses Hannover; die neugeborene Prinzessin bringt nun mütterlicherseits noch mehr deutsche Gene ein – Victoire ist die Tochter des Herzogs Franz von Sachsen-Coburg-Saalfeld.

200 Jahre später wird der Verdacht, von Deutschen regiert zu werden, im Königreich erneut ventiliert – von den Befürwortern des Brexits. In fast jeder Leserbriefspalte und in jedem Forum zum Thema wird er bis zum Überdruss wiederholt; selbst der Wirtschaftssender CNBC titelt: "Der Brexit ist ein Aufstand gegen einen von Deutschland geführten europäischen Superstaat".

Nicht wenige der Brexiteers, die sich so gern an einem der zahlreichen Queen-Victoria-Denkmäler versammeln, vor dem Buckingham Palace in London oder auf dem Derby Square in Liverpool, träumen vom Großbritannien der viktorianischen Epoche und von der imperialen Herrlichkeit des 19. Jahrhunderts. Doch ausgerechnet Queen Victoria passt herzlich wenig zu britischem Isolationismus und einer Abkehr von Europa. Nicht nur, weil sie durch ihre Heiratspolitik zur sprichwörtlichen "Großmutter Europas" geworden ist, mit Kindern und Enkeln in fast allen Herrscherhäusern, zuvorderst in den deutschen Landen und in Russland. Als Tochter einer Frau, die im achten Monat ihrer Schwangerschaft nach Großbritannien eingewandert ist, behält Victoria auch ein reges Interesse am "Kontinent". Das Netzwerk, über das sie dort verfügt, verleiht ihr eine Kenntnis über Europa, die tiefer und breiter ist als das Wissen fast all ihrer Premierminister – zehn sind es insgesamt in ihrer fast 64-jährigen Regierungszeit von 1837 bis 1901.