Die Scharfmacher

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Man könnte diesen Twitter-Nutzer für einen vielseitig interessierten EU-Bürger halten. Er meldet sich bis zu 60 Mal pro Tag, auf Niederländisch, Deutsch, Englisch und Spanisch. Er kommentiert Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ebenso wie die Krimkrise oder die Katalonienfrage. Doch etwas macht seinen Account verdächtig. Ständig will er Streit säen. Er provoziert, verdreht Fakten, macht Stimmung gegen Muslime und für den Brexit, für Trump und gegen die EU. "Das EU-Gericht ist das neue Nazi-Gericht", schrieb er jüngst.

Merkwürdiger noch ist: In den letzten vier Wochen hießen mehr als 800 Accounts zeitweise genauso wie dieser eine Twitter-Nutzer. Alle nur für kurze Zeit. Was soll das?

Dieses Bäumchen-wechsle-dich-Spiel passt zu Strategien russischer Trolle. Der vermeintliche EU-Bürger ist offensichtlich ein virtuelles Namensschild, das im Netz weitergereicht wird. Die Spur führt nach St. Petersburg, in die Trollfabrik Internet Research Agency (IRA). Vor einigen Jahren wurden etliche Accounts der IRA enttarnt und gesperrt – mit einigen von ihnen war dieser Nutzer auffällig eng verknüpft gewesen.

Niemand weiß, wie viele solcher Trolle es gibt oder wie viele Menschen im Netz auf sie hereinfallen. Nur dass es sie gibt, lässt sich nicht bestreiten. Und dass auch die Europawahl auf ihrer Agenda steht.

Für Staaten wie Russland ist das Internet ein Geschenk: Es erlaubt, Meinungen und Wahlen in anderen Ländern zu manipulieren, ohne einen Schuss abzufeuern, viel Geld auszugeben oder das eigene Personal unnötig in Gefahr zu bringen. Es ermöglicht, Demokratien vom Schreibtisch aus zu unterspülen und zu verunsichern.

Der Kreml hat dieses Potenzial früh erkannt. Da sind die Geheimdienste GRU und SWR, deren Spezialisten mit erbeuteten Daten Politik machen. Und da sind die Trolle auf Plattformen wie Facebook und Twitter, gesteuert von Meinungs-Manufakturen wie der IRA in St. Petersburg. Sie heizen Konflikte an und befeuern Kampagnen in Deutschland, Großbritannien oder den Vereinigten Staaten. Wie erfolgreich das sein kann, zeigte sich im Herbst 2016 – als die Wahl des US-Präsidenten Donald Trump von Russland aus beeinflusst wurde.

Die russische Regierung nutzt diese Grauzone zwischen Krieg und Frieden im großen Spiel der Geopolitik als eleganten Weg, den eigenen Einfluss auszuweiten. Aber wie fing das alles an und wo? Wer die Spur der Trolle sucht, muss auch fragen, mit welcher Software sie arbeiten. Deshalb beginnt die Recherche an einem unerwarteten Ort.

Die perfekte Kurve

In der spanischen Hauptstadt Madrid sitzt Javier Perez Dolset, 49 Jahre alt, groß gewachsen, leise Stimme, an einem Konferenztisch und muss lächeln, als er sich erinnert: an zwei Balken, die man mit Drehreglern nach oben und unten steuern kann, an einen Pixelball, den man treffen und zurückspielen muss. Er sei sechs Jahre alt gewesen, erzählt er, da habe sein Vater ihm eine Pong- Konsole geschenkt. Seitdem sei er besessen von Videospielen. Und vom Programmieren. "Ich war der größte Nerd der Schule."

Mit Ende zwanzig entwickelte er 1998 das Erfolgsspiel Commandos. Heute gehört zu seinem Imperium die private Universität U-tad am Stadtrand von Madrid samt modernem Campus, auf dem die Straßen nach europäischen Städten benannt sind und wo die Studierenden das Programmieren lernen können. Auf dem Campus befindet sich auch sein Animationsstudio, das Filme für US-Studios produziert. Die Leidenschaft fürs Digitale zieht sich also durch sein Leben, sie hat Perez Dolset allerdings auch Ärger eingebracht. Rechtsstreitigkeiten. Den Verlust der Kontrolle über seine wichtigste Firma. Und nicht zuletzt die Verstrickung in eine der größten politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart: den Krieg der Trolle.

Diese Geschichte beginnt um das Jahr 2010. Perez Dolsets Firma ZED hat damals mit Produkten rund um den Mobilfunk schon seit Jahren gutes Geld verdient: mit Klingeltönen, Musik, Spielen. Doch als die sozialen Netzwerke immer wichtiger werden, versteht Perez Dolset, was das für seine Klienten, Mobilfunkanbieter mit Hunderttausenden Kunden, bedeuten kann – wenn sich dort wütende Menschen zusammentun, um sich über Produkte oder Dienstleistungen zu beschweren.

Eine gefälschte Aufmerksamkeitskurve soll Twitter überlisten

Der spanische Unternehmer Javier Perez Dolset, der die Software Snap entwickeln ließ. © Sergio Gonzalez Valero / EL MUNDO

Perez Dolset beschließt, eine Software zu entwickeln, die frühzeitig erkennt, wenn sich etwas zusammenbraut. Und die schlechte PR neutralisieren kann. Millionen Euro fließen in das Projekt. Darunter ist Geld aus öffentlichen Krediten, von denen es später heißen wird, Perez Dolset sei nicht korrekt mit ihnen umgegangen. Aus der Idee entsteht bis 2013 eine Software namens Snap, die Abkürzung steht für "Social Networks Analysis Platform".

Snap besteht aus drei Komponenten. Bei mehreren Treffen in Madrid erläuterten Perez Dolset und Juan Carlos Gonzalvez, der Architekt der Software, wie Snap funktioniert. Auch Teile des Quellcodes der Software konnten die ZEIT und ihre Partner einsehen.

Die erste Komponente ist eine Daten-Harke, die auf Twitter so viel vom aktuellen Datenstrom einsammelt wie möglich. Die zweite Komponente analysiert die Daten und übersetzt sie in Grafiken: Um welche Hashtags, also Schlagwörter, entwickelt sich eine Diskussion? Wer sind die entscheidenden Teilnehmer, die viel schreiben, viele Follower haben oder oft zitiert werden? Snap kann Bezüge darstellen, die sonst verborgen bleiben. Wer mit wem vernetzt ist zum Beispiel. Oder welche ganz unterschiedlichen Hashtags eine überraschend große Schnittmenge von Nutzern interessieren. Je nach Fragestellung ordnen sich auf dem Monitor Punkte und Verbindungslinien an und bilden komplexe Beziehungsgeflechte. Aber ohne die dritte Komponente, das Angriffswerkzeug, wäre all das bloß Spielerei. Social Baton hat Perez Dolset sie genannt, den "sozialen Taktstock". So wie ein Dirigent mithilfe seines Taktstocks ein Orchester dirigiert, so soll der Kunde über Snap Twitter-Accounts steuern. "Orchestrierte Kampagnen durch Tweets und Retweets" verspricht eine Werbebroschüre.

Twitter ist ein Kurznachrichtendienst, und wenn man Twitter in die analoge Welt übersetzen wollte, könnte man sich eine Fußgängerzone voller Menschen vorstellen, von denen jeder seine aktuellen Gedanken vor sich hin brabbelt. Manchmal jedoch verständigen sich einige der Fußgänger auf Parolen, die sie plötzlich im Chor rufen – "Firma X macht schlechte Produkte", zum Beispiel. Der Chor wird immer lauter, und die Parole, also der Hashtag, wird zum Trending Topic ausgerufen, zum relevanten Inhalt, über den alle Welt spricht.

Wenn ein Hashtag auf diese Weise zündet, dann wächst die Aufmerksamkeit, die er generiert, in Form einer ganz bestimmten Kurve. Hier greift Snap an: Das Programm simuliert diese Kurve. Dazu benötigt es lediglich die Kontrolle über eine gewisse Anzahl von Twitter-Accounts. Snaps Algorithmus rechnet dann aus, wie diese sich verhalten müssen, damit eine gefälschte Aufmerksamkeitskurve entsteht, die Twitter überlisten soll. "So kann man mit zwanzig Tweets dafür sorgen, dass ihre Inhalte viele Millionen Mal wahrgenommen werden", behauptet Perez Dolset.

Die Idee, auf der Snap basiert, ist nicht außergewöhnlich originell. Aber es kostete Zeit und Geld, Twitter zu verstehen und mit seinen Abwehrmechanismen gegen Manipulationsversuche umgehen zu lernen. Eine der Herausforderungen laut Entwicklungschef Gonzalvez: die für die Echtzeitanalyse benötigten Großmengen an Tweets in einer leistungsfähigen Datenbank zu speichern. Laut Quellcode gibt es 2012 eine erste Version von Snap, und sie dürfte technisch vorn gewesen sein.

Perez Dolset präsentiert das Programm zunächst einem Telekommunikationsunternehmen in Panama. Doch bevor er einen kommerziellen Kunden gewinnt, passiert etwas Unerwartetes. Im Beirat von Perez Dolsets Universität sitzt damals ein Mann namens Pedro Arriola, Berater der Partido Popular (PP), der spanischen Konservativen, die an der Regierung sind. Laut Perez Dolset ist es Arriola, der erkennt, wo eine weitere Anwendung von Snap liegen könnte: in der politischen Arena.

Schon bei den nächsten Parlamentswahlen, im Dezember 2015, werden die Konservativen Snap einsetzen. Und als Spanien im Juni 2016 erneut wählt, ebenfalls. Die Entwickler von Perez Dolset programmieren eigens eine App. Hunderte von der Partei nominierte Aktivisten laden diese auf ihre Smartphones. Die Parteiführung muss nur noch in eine Maske eingeben, welcher von ihr gewünschte Hashtag wann durch die Decke gehen soll. Snaps Algorithmus rechnet die perfekte Kurve aus – und schickt Anweisungen auf die Handys der Parteikader. Sie müssen bloß noch per Knopfdruck Folge leisten, und Snap generiert aus ihren Tweets einen scheinbar natürlichen Sturm.

"Diese App war das erste Werkzeug, das so etwas versuchte", sagt Juan Corro, damals in der PP für Kommunikation zuständig. "Das Gute war, dass es den Einfluss des Netzwerks maximierte." Die PP zahlte dafür den symbolischen Preis von 6000 Euro. Auch der andalusische Landesverband der Sozialisten, der zweiten großen Partei Spaniens, hatte Zugriff auf Snap.

Im Rückblick behauptet Juan Corro von der PP, Snap sei nicht so effektiv wie erhofft gewesen. Bei den Wahlen 2019 habe man das Programm nicht genutzt. Das ändert nichts daran, dass die Manipulation in einem sozialen Netzwerk zu Wahlkampfzwecken zum ersten Mal offenkundig in der EU stattfand. "In diesen Wahlen", sagt Javier Perez Dolset, "haben wir eine Trollfabrik geleitet."

Die Trolle von St. Petersburg

Der mutmaßlich größte Manipulator im Internet aber ist da längst aktiv: eine Trollfabrik in St. Petersburg. Seit Jahren schreiben russische Medien über die "Trolle von Olgino", so benannt nach dem Vorort, von dem aus sie das Netz fluten. 2013 lässt die Organisation sich als Firma registrieren. Ihr Name: Internet Research Agency (IRA).

Die Hunderte Mitarbeiter sind eher jung und verdienen für russische Verhältnisse gut, um die 1000 US-Dollar monatlich. Dafür ist der Job stupide, berichten frühe Aussteiger: Sie müssen eine bestimmte Anzahl von regierungsfreundlichen Kommentaren in Blogs, Foren und auf Websites posten, deren Stoßrichtung vorgegeben ist. Mal geht es um die Ukraine, mal wird die russische Wirtschaft schöngeschrieben. Die Trolle sind auch auf Facebook, Instagram, YouTube und VKontakte aktiv. "Es war eine idiotische Arbeit", zitiert der Economist einen Ex-Troll: "Copy and Paste."

Dass die IRA regierungsnah ist, steht außer Frage. Aber ist sie ein Instrument des Kreml? In einem als "vertraulich" eingestuften Bericht des Bundesnachrichtendienstes (BND) und des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), der der ZEIT vorliegt, heißt es, die Trollfabrik sei "durch Jewgeni Prigoschin, einen Vertrauten Putins", finanziert worden. Den Bericht haben die Geheimdienste 2016 für das Bundeskanzleramt erstellt.

Der schwerreiche Unternehmer wird auch "Chefkoch des Kreml" genannt, weil seine Catering-Firmen hoch dotierte Staatsaufträge erhalten. Öffentlich bestreitet Prigoschin jede Verbindung zu den Trollen, konkrete Fragen der ZEIT ließ er unbeantwortet. Auch der Kreml hat stets dementiert, die IRA zu steuern. Doch in der Analyse von BND und BfV wird Prigoschin als einer der Oligarchen genannt, die den Kreml unterstützten und "für die offene und verdeckte Finanzierung von Einflussaktivitäten eingesetzt" würden.

Ertüchtigt durch spanische Software?

In den frühen Jahren feuern die Trolle der IRA auf Russisch. Ihre Aufgabe ist es, Russland als stabilen Staat darzustellen, der dem Westen die Stirn bietet. Ihr Vorgehen: eher Masse als Klasse. Die Trolle retweeten ihre Tweets noch händisch. Ab Frühjahr 2014 wandelt sich die IRA. Eine englischsprachige Abteilung entsteht, ihre ersten Postings sind noch holprig und enthalten Fehler. Aber sie konzentrieren sich bereits auf Themen, die in den USA neuralgisch sind, Waffengesetze und Immigration etwa.

Und je näher die US-Wahlen im Herbst 2016 rücken, desto aktiver werden die Trolle. Sie geben sich als US-Bürger aus, hetzen gegen Hillary Clinton und preisen Donald Trump. Legen die digitale Axt an jedes in den USA umstrittene Thema, um die gesellschaftlichen Gräben zu vertiefen.

Im September 2017, Donald Trump hat die Wahlen längst gewonnen, wird die russische Einmischung öffentlich bekannt. Nach und nach verdichten sich die Erkenntnisse. Der Hashtag-Feldzug wurde etwa flankiert von Russinnen, die in die USA reisten, um Informationen für die IRA zu sammeln. Sie knipsten Fotos von Orten in Louisiana oder Georgia, um später ihre scheinbar von dort stammenden Tweets glaubhafter zu machen. Im Januar 2018 informiert Twitter bis zu 677.000 Nutzer, dass sie mit mutmaßlichen IRA-Accounts in Kontakt standen. Eine US-Anklageschrift spricht von einem "Informationskrieg".

In Madrid liest Perez Dolset 2018 die Nachrichten über die Twitter-Aktionen der IRA. "Wow, das kommt mir bekannt vor", habe er gedacht. Ein Verdacht sei ihm durch den Kopf geschossen: Haben die Russen sich damals Snap besorgt?

Die Russland-Connection

Es gibt einen Grund, warum Perez Dolset glaubt, seine Software könnte der IRA in die Hände gefallen sein: Schon seit 2007 ist er geschäftlich in Russland aktiv. Er erinnert sich an einen Restaurantbesuch, bei dem die Gastgeber Wein für 60.000 Euro kredenzten; an ein Dinner, zu dem der Fisch per Privatjet aus Tunesien eingeflogen wurde: Es sind – zunächst – goldene Jahre. 2009 erwirbt seine Firma ZED einen Anteil von 50,1 Prozent an dem Moskauer Kommunikationsunternehmen Temafon. Damit begibt sich Perez Dolset in ein schwer durchschaubares Geflecht von Firmen, in dem mutmaßlich auch kremlnahe Oligarchen an den Fäden ziehen. Eine dieser Firmen hat ein korruptes Geschäft in Usbekistan laufen. Perez Dolset behauptet, er habe davon nichts gewusst.

Zunächst vertieft er die Beziehungen sogar: Seine Firma ZED tut sich 2013 unter anderem mit dem russischen Kommunikationsunternehmen TEMA zusammen, die neue Firma heißt ZED+, ihr Sitz ist in den Niederlanden. Doch als es richtig losgehen soll, bricht plötzlich alles zusammen. Einige seiner Partner ließen mutmaßlich Geld in unentdeckte Nebenfirmen fließen, so steht es in spanischen Polizeiakten. Auch davon habe er nichts gewusst, behauptet Perez Dolset. ZED+ gerät in Schwierigkeiten, zudem gibt es Ermittlungen wegen des Usbekistan-Deals. Auch die ING, die größte niederländische Bank und Hausbank von ZED+, ist von dem Skandal betroffen – ihre Kontrolle von Kundenkonten war mangelhaft, was sie Hunderte Millionen Euro Strafe kostet. Auch Perez Dolset gerät ins Visier, weil er seine Aufsichtspflichten verletzt habe, von gefälschten Dokumenten ist die Rede, was er bestreitet. ZED+ wird unter externe Kontrolle gestellt. Ein erbitterter Streit tobt, bis heute. Perez Dolset fordert 750 Millionen Euro Schadensersatz von der ING.

Für diese Geschichte ist jedoch etwas anderes interessant: Im Verlauf des Streits, so sagt es Perez Dolset, und so steht in den spanischen Akten, hätten seine russischen Partner ihm den Zugang zu Temafon versperrt. Am Telefon sei er abgewimmelt worden, Berichte an die spanische Seite seien ausgeblieben. Von da an habe er keine Kontrolle mehr gehabt, was mit der Software passierte.

Die Trolle von Olgino – ertüchtigt durch spanische Software? Die ZEIT und ihre Partner haben Perez Dolsets Vorwurf geprüft. Dass Temafon Zugriff auf die Software hatte, war vertraglich geregelt. So liegt der ZEIT eine Kopie des Shareholder-Agreements vor. Auf Seite 24 steht: "ZED wird sicherstellen, dass alle Mitglieder der ZED-Gruppe alle neuen Produkte und alle neuen Versionen und Updates etc. eines jeden bestehenden oder neuen Produkts den Unternehmen der Gruppe anbieten werden." Perez Dolset sagt: "Der Code lag auf unserem Server in Madrid, die Partner hatten Zugang."

Dass die IRA sich für Snap interessiert hätte, ist ebenfalls wahrscheinlich. Selbst falls die Software weniger mächtig gewesen sein sollte, als Perez Dolset und Gonzalvez geltend machen, hätte sie für die Trolle wohl einen Sprung bedeutet. "Ich habe immer vermutet, dass die IRA Software genutzt hat, die von außerhalb Russlands stammte", sagt Clint Watts, Senior Fellow am Foreign Policy Research Institute und ehemaliger FBI-Ermittler. "Zu jener Zeit erweiterte die IRA ihre Kapazitäten signifikant, und es hätte Sinn ergeben, nach fortgeschrittener Software zu suchen."

Deutschland und Europa stehen im Visier

Watts, der im März 2017 als Experte vor dem US-Senat über die russische Einmischung aussagte, berichtet, wie er mit Kollegen das Verhalten von IRA-kontrollierten Twitter-Accounts untersuchte – und eine interessante Beobachtung machte: dass diese sich nämlich, obwohl von realen Personen betrieben, beinahe so gut koordinierten, als wären sie von Computern generiert und gesteuert – also wie sogenannte Bots, die von Twitter in der Regel entdeckt und gelöscht werden. Laut Perez Dolset und Gonzalvez erzeugte Snap ebenfalls solch ein Muster. Clint Watts sagt: "Das erscheint mir konsistent."

Wie aber soll die Software von Temafon zur IRA gewandert sein, über welche Verbindung? Hier kommt ein brisantes Treffen ins Spiel, von dem Perez Dolset behauptet, dass es sich am 16. Dezember 2013 zugetragen habe: Bei einem Geschäftsessen in einem Moskauer Nobelrestaurant sei auch Jewgeni Prigoschin anwesend gewesen – und er habe in Prigoschins Gegenwart Snap vorgestellt. Ein Snap-Briefing für den mutmaßlichen Herrn der Trolle? Das würde, so sehen es auch westliche Nachrichtendienst-Analysten, den Verdacht erhärten. Perez Dolset hat Belege für seine Moskau-Reise, aber nicht für Prigoschins Anwesenheit. Seine Meetings seien von Partnern vor Ort organisiert worden, er habe oft nicht gewusst, wen er warum traf: "Deshalb habe ich keine Aufzeichnungen über jedes Treffen. Aber ich weiß, dass ich Prigoschin getroffen habe, er hat ein Gesicht, das man nicht vergisst."

Eine Anfrage der ZEIT beantwortete Prigoschins Firma in bester Troll-Manier: Selbstverständlich habe er die Irish Republican Army gegründet (die ebenfalls IRA abgekürzt wird), mit Perez Dolset habe er jahrelang auf einer thailändischen Insel gelebt, und der ZEIT- Reporter solle sich psychiatrische Hilfe suchen.

Von den USA nach Europa?

Heute ist die IRA weiter. Zwar gibt es nach wie vor kaum Erkenntnisse darüber, welche Software die Trolle präferieren. Doch dass sie dazulernen, ist offensichtlich. Die Zeiten, in denen man erkannte, dass sie in St. Petersburg zum Mittagessen das Twittern einstellten, sind vorüber. Stattdessen weiß die Welt seit den US-Ermittlungen, wie es aussieht, wenn die IRA monatelang auf Hochtouren läuft. Ob die IRA die US-Wahl mitentschieden hat, wird sich nie mit Gewissheit sagen lassen. Sicher ist, dass sie die Spaltung im Land beförderte.

Was aber haben die IRA-Accounts seither getrieben?

Um das zu ergründen, hat die ZEIT die Aktivitäten so vieler IRA-gesteuerter Twitter-Accounts wie möglich untersucht. Im Oktober 2018 veröffentlichte Twitter rund neun Millionen russische Troll-Tweets, die von 3841 Accounts stammten, welche Twitter zufolge durch die IRA gesteuert wurden.

Die Analyse zeigt: Auch Deutschland und Europa stehen im Visier. Rund 100.000 dieser Tweets wurden von Twitter als deutschsprachig erkannt. Die meisten, knapp 15.000, publizierten die Trolle im September 2017 – sicher nicht zufällig im Monat der Bundestagswahl.

Die häufigsten Themen der Trolle lassen sich an den Hashtags ablesen: #Merkel (2243-mal), #Erdogan (1185), #Flüchtlinge (1182) und #stopptTerror (971). Auch der Hashtag #AfD findet sich unter den Top Ten (627). Interessanterweise richten sich die Tweets aus dem Herbst 2017 nicht nur gegen die Regierung: #Merkelmussbleiben wurde 508-mal verwendet.

Wie oft diese Tweets wahrgenommen wurden und was sie bewirkten, lässt sich nicht eruieren. Für deutsche Verhältnisse sind das relevante Größenordnungen. Die Trolle setzten darauf, Streit anzufachen. Häufig bedienten sie mit meinungsstarken Tweets beide Lager eines Konflikts. Oft wählten die IRA-Twitterer Wahlen und Terroranschläge als Anlässe. Dazu gehörte die Verwendung von Anti-Islam-Hashtags nach den Anschlägen in Brüssel und von Pro-Brexit-Hashtags am Tag des britischen EU-Referendums sowie Attacken auf Frankreichs Präsidenten Macron vor seiner Wahl.

Aktivitäten der russischen Trolle

So verteilen sich die deutschsprachigen Tweets, die Twitter der Trollfabrik in St. Petersburg zurechnet.

Quellen: Twitter/eigene Auswertung © ZEIT-Grafik: Doreen Borsutzki

Der mit rund 1000 Likes und Retweets erfolgreichste deutsche Tweet im Sample ist ein gutes Beispiel, weil er zwei Aufregerthemen verbindet: Autos und Muslime. Er wurde am 28. Juli 2017 abgesetzt, am selben Tag hatte ein Asylbewerber in Hamburg-Barmbek einen Kunden in einem Supermarkt erstochen: "#Diesel erhalten #Fahrverbot zum Schutz der Bevölkerung. Die Grenzen für islamische Gefährder bleiben hingegen offen ... #Barmbek".

Gibt es etwas, das man diesen Einflussversuchen entgegensetzen kann? In Expertenkreisen scheint Defätismus Einzug zu halten. Die Existenz der Trolle wird als unumkehrbar hingenommen.

Strafverfolger und Ermittler wirken hilflos. So wollen US-Ankläger zwar 14 Personen aus Russland belangen, darunter Prigoschin – dass sie ihrer habhaft werden, ist jedoch so gut wie ausgeschlossen.

Ähnlich in den Niederlanden. Dort erwägen Ankläger im Fall des 2014 von einem russischen Raketensystem abgeschossenen Passagierflugzeugs MH17 offenbar, ihre Ermittlungen auf die IRA auszudehnen. Unter den 298 Todesopfern waren über 190 Niederländer, und russische Trolle hatten nach dem Abschuss eine äußerst effektive Desinformationskampagne gestartet, um die Hintergründe zu verschleiern. Unklar, ob es je Anklagen geben wird.

Garvan Walshe, Leiter der Abteilung Wahlanalyse beim Londoner Institute for Strategic Dialogue (ISD), sagt: "Wir können soziale Medien heute nicht mehr als Spiegel der Gesellschaft sehen." Twitter etwa sei kein authentischer Ausdruck dessen, was die Bevölkerung denke. Eher das Gegenteil.

Man kann das als Beleg für die Wirksamkeit der Propaganda der Trolle verstehen. Die sozialen Medien galten ja als Orte des lebendigen Austauschs, der Teilhabe aller an großen Debatten. Muss man diese Hoffnungen beerdigen?

Ausgerechnet Javier Perez Dolset behauptet, sein neuestes Projekt sei die Entwicklung einer Software, die Einflussnahmeversuche entdecken kann.