Der Papst als Aufklärer und seine deutschen Erzbischöfe als Chefermittler: Der Vatikan macht Ernst im Kampf gegen den sexuellen Missbrauch. Wirkte die deutsche Kirche bislang, als tue sie eher widerwillig das Nötige, kommt nun aus Rom ein völlig anderes Signal. Ab sofort ist im Kirchenrecht nicht nur Missbrauch von Schutzbefohlenen strafbar, sondern auch der Versuch, ihn zu vertuschen.

Mehr noch: Es gibt nun eine Pflicht zur Anzeige und Aufklärung innerhalb der Kirche und zur Zusammenarbeit mit den weltlichen Justizbehörden gemäß dem jeweiligen nationalen Recht. Und: Die Kirche schafft ihr eigenes System der Strafverfolgung.

Die Lage, auf die der Papst reagiert, ist dramatisch. "Noch nie habe ich eine Situation erlebt", sagte Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, bei dessen Vollversammlung in der vergangenen Woche, "in der die Empörung so weit in den Kern unserer Gemeinden reicht." Die Zahl der Kirchenaustritte im vergangenen Jahr ist in Deutschland bedrohlich gestiegen, und in der Kirche bezweifelt kaum jemand den Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal. Zu den nicht aufgeklärten und ungesühnten Verbrechen und der Sorge, die Taten könnten womöglich fortgesetzt werden, kommt für den Katholizismus ein Verlust an Glaubwürdigkeit und eine finanzielle und organisatorische Krise, die für die Kirche insgesamt ein gefährliches Ausmaß angenommen hat.

Kritikern allerdings gehen die neuen Regeln nicht weit genug. Im Folgenden beantwortet Christ&Welt die wichtigsten Fragen: Was ändert sich weltweit, was heißt das für die deutsche Kirche? Was ist von den Einwänden zu halten? Und: Wie ernst ist es dem Papst mit dem Kampf gegen den Missbrauch?

Wie ernst meint es der Papst?

Die Enttäuschung war groß, als der Missbrauchsgipfel des Vatikans im Februar ohne greifbares Ergebnis zu Ende ging. Franziskus’ Hinweise auf Kindersoldaten, Kinderprostitution und Kinderarbeit wirkten wie ein Versuch, die Verbrechen der eigenen Kirche zu relativieren. Nun zeigt sich, dass die Konferenz im Vatikan aus Sicht des Papstes eher den Charakter einer Anhörung hatte, die einer Gesetzesänderung voranging.

Auch in der Vergangenheit haben Päpste Missbrauchsfälle angeprangert. nationale Bischofskonferenzen haben Untersuchungen veranlasst und Diözesen haben Täter zur Rechenschaft gezogen. Mit seiner Gesetzesänderung geht Franziskus nun aber weit über solche Reaktionen auf Einzelfälle hinaus. Ab jetzt kommt es im Kampf gegen Missbrauch nicht mehr auf den Aufklärungswillen einzelner Kleriker an. Das neue Kirchenrecht gilt für alle Institutionen der Kirche und alle Ebenen ihrer Hierarchien – und es gilt, sofern es nicht dereinst vielleicht geändert wird, für alle Zeiten.

Christ&Welt hat mit mehreren Kirchenjuristen gesprochen. Sie sind beeindruckt. Nicht immer ist Kirchenrecht klar und eindeutig. In diesem Fall aber lautete der Auftrag an die Rechtsexperten des Vatikans offensichtlich, vollkommen unmissverständliche, wirksame Regelungen zu schaffen und keine Schlupflöcher zu lassen. Der Tatbestand des Missbrauchs wurde eindeutig definiert, ebenso die Pflicht, ihn anzuzeigen, Verdachtsfälle zu untersuchen, binnen einer vorgegebenen engen Zeitspanne zu Ergebnissen zu kommen und dem Vatikan binnen ebenfalls eindeutig geregelter Fristen Bericht zu erstatten. Dazu kommen klare Zuständigkeiten für Ermittlungsverfahren.

Ab jetzt soll es in der Kirche keine Grauzone mehr geben. Die Täter selbst waren schon immer kriminell, nun aber betrachtet die Kirche alle, die sich ihnen nicht entschieden entgegenstellen, als Komplizen. Aufklärer haben es nun leichter, der Verfolgungsdruck auf die Täter und ihr Umfeld wächst.

Und völlig klar ist ab jetzt auch, dass es eine Vertuschung im Namen des Glaubens nicht mehr geben soll. Wer die Aufklärung sexuell motivierter Straftaten durch Kleriker hintertreibt, kann sich nicht länger darauf berufen, dass es ihm um den Ruf der Kirche gegangen sei.

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Was ändert sich weltweit?

Gäbe es eine Weltkarte des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, so wäre sie in weiten Teilen weiß, Terra incognita. Bekannt und wenigstens ansatzweise aufgeklärt ist die Kultur des Missbrauchs in einigen wenigen Ländern mit funktionsfähiger Strafverfolgung und freien Medien: vor allem in den USA, in Australien, in Deutschland und Irland. Aus vielen weiteren Ländern in Afrika, Asien, Lateinamerika sind bislang nur einzelne Taten oder Vorwürfe bekannt geworden. Es wäre wohl vermessen, zu hoffen, dass sich unter dieser Oberfläche nicht weitere Fälle massenhaften Missbrauchs verbergen.

In all diesen Ländern ermuntern nun die neuen Regeln die Opfer von Missbrauch, ihre Peiniger anzuzeigen. Vertreter der Amtskirche sollen sie nun unterstützen und Fälle von Missbrauch melden. Es liegt daher nahe, zu vermuten, dass die neuen Regeln auch neue Enthüllungen nach sich ziehen werden.

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Was ändert sich in Deutschland?

Die öffentliche Wahrnehmung des Missbrauchsskandals in Deutschland war von den ersten halbherzigen und beschwichtigenden Reaktionen der Amtskirche geprägt. Der Streit um eine unabhängige Aufklärung und ein kircheninterner Abschlussbericht im Herbst vergangenen Jahres, der nach vier Jahren der Ermittlungen nicht nur zahlreiche Fälle sexuellen Missbrauchs benannte, sondern auch unzugängliche, verschwundene und manipulierte Kirchenakten bemängelte, prägten das Bild. Zweifellos war der Bericht selbst ein Akt der Aufklärung. Aber was er ans Licht brachte, war eben auch die Abwesenheit von Aufklärungswillen in Teilen der Kirche und sogar aktive Vertuschung.

Weniger beachtet wurde, dass sich die katholische Kirche in Deutschland seit den ersten Enthüllungen von Missbrauchsfällen bereits Regeln gegeben hat, die in ihrer Schärfe sogar über das neue weltweit gültige Kirchenrecht hinausgehen. Das weltliche Strafrecht in Deutschland kennt keine Pflicht zur Anzeige von Missbrauchstaten, die Leitlinien der Bischofskonferenz allerdings sehen sie vor: Wer im je eigenen Zuständigkeitsbereich Missbrauchsvorwürfe untersucht, muss nicht nur Opfer und Verdächtige zur Anzeige und zur Selbstanzeige ermuntern, sondern sein Wissen auch selbst an die Strafverfolgungsbehörden weitergeben.

Neu ist in Deutschland vor allem eine Änderung: Es gibt nun eine klar geregelte Zuständigkeit in den besonders heiklen Fällen, in denen ein Bischof entweder selbst als Täter beschuldigt wird oder in Verdacht gerät, die Aufklärung sexuell motivierter Straftaten nicht ausreichend entschieden voranzutreiben. In diesen Fällen übernimmt das zuständige Erzbistum die Ermittlungen. In Köln, Paderborn, Hamburg, Berlin, Bamberg, Freiburg und München residieren in Zukunft nicht mehr Bischöfe mit einem weitgehend belanglosen Zusatztitel. Die Erzbischöfe werden nun im Zweifel zu Chefermittlern und zugleich deutlich herausgehoben aus der Gemeinschaft ihrer Glaubensbrüder. Ausdrücklich werden sie ermächtigt, sich Hilfe bei kirchenfremden Experten zu holen. Mit Blick auf die engen Fristen, die der Vatikan für Meldung und Aufklärung von Missbrauchsfällen gesetzt hat, führt für die Erzbistümer daher kaum ein Weg an der Einrichtung regelrechter Ermittlungsgruppen vorbei.

Laien, die im Auftrag eines Erzbischofs auch gegen ranghohe Geistliche ermitteln: Aus Sicht katholischer Traditionalisten ist das eine Ungeheuerlichkeit.

Vielleicht liegt in dieser Art von Traditionsbruch sogar die wichtigste Neuerung für den deutschen Katholizismus. Bislang gab es in Deutschland konservative Bischöfe, die im Streit um den Missbrauch vor allem ein vorgebliches Opfer im Blick hatten: ihre eigene Kirche. Aus ihrer Sicht ging es nur um Verbrechen einzelner Geistlicher, die insgesamt nicht schwerer wiegen als das, was auch aus dem Sport oder aus weltlich geführten Jugendheimen bekannt geworden ist. Die Berichterstattung betrachten sie als Kampagne unsachlicher Medien oder als Vehikel liberaler Kirchenkritiker, die Reformen beim Zölibat oder bei der Sexualmoral durchsetzen möchten. Angesichts der entschiedenen Position, die der Papst nun bezogen hat, werden es solche Verharmloser in Zukunft schwerer haben.

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Was sagen Kritiker?

Die Kritik der organisierten Missbrauchsopfer und ihrer Unterstützer konzentriert sich vor allem auf einen Punkt: Es gibt auch weiterhin keine generelle Verpflichtung zur Strafanzeige von sexuellem Missbrauch bei der weltlichen Justiz. Die jeweilige staatliche Gesetzgebung soll respektiert werden, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber wo der Staat nicht von sich aus Strafanzeigen fordert, da tut es auch die Kirche nicht.

Im Zweifel stellt sich die Kirche sogar gegen die staatlichen Ermittler: dann nämlich, wenn das Beichtgeheimnis berührt ist. In Frankreich gilt eine gesetzliche Anzeigepflicht für sexuellen Kindesmissbrauch, die auch Verbrechen einschließt, von denen ein Priester in der Beichte erfährt. Die Kirche hat in solchen Fällen die Geistlichen aufgefordert, ihr Wissen für sich zu behalten. Daran soll sich nichts ändern.

Erkenntnisse, die sie außerhalb der Beichte gewinnen, müssen französische Geistliche nach weltlichem Recht ohnehin anzeigen. Nun verpflichtet sie die Kirche auch von sich aus, dieser Forderung der Strafjustiz nachzukommen. In Deutschland führen nationale Richtlinien zum gleichen Ergebnis: Nicht das Strafrecht, dafür aber die Bestimmungen der Bischofskonferenz verlangen eine Strafanzeige bei den Justizbehörden.

In den meisten Ländern allerdings bleibt es beim Alten: Eine staatliche Anzeigepflicht gibt es nicht, und das Kirchenrecht beschränkt sich auf kircheninterne Ermittlungen. Die Kirche beruft sich darauf, dass es eine Anzeigepflicht jedenfalls in Ländern ohne rechtsstaatliche Verhältnisse nicht geben könne. Man muss sich nur die denkbaren Folgen einer Anzeige gegen einen Priester in Pakistan vor Augen führen, um das Argument nachzuvollziehen. Aber, entgegnen Kritiker, dann hätte es genügt, für Anzeigepflichten in solchen Ländern Ausnahmen vorzusehen.

Ein zweiter Ansatz für Kritik ist der enge Fokus der Richtlinie. Der Papst setzt auf Ermittlungen und Sanktionen, letztlich auf Verfolgungsdruck. Jene kulturellen Faktoren, die den massenhaften Missbrauch Schutzbefohlener durch katholische Geistliche begünstigt haben dürften – Männerdominanz, Ablehnung und Verdrängung von Homosexualität, der lustfeindliche Umgang mit Sexualität und die Überhöhung des Priestertums bis hin zur Freistellung von weltlichem Recht –, all das steht aus Sicht des Papstes jedenfalls einstweilen nicht zur Debatte.

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