Nicht nur Drogen und Hippies – Seite 1

Dieser Artikel ist ein überarbeiteter Auszug aus dem Buch "Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er" von Jens Balzer, das am 21. Mai bei Rowohlt Berlin erscheint.

Zwei Massenversammlungen prägen den Sommer des Jahres 1969. Bei der ersten im Juli geht es äußerst zivilisiert zu, das Publikum kommt familienweise in Wohnmobilen ins Brevard County im US-amerikanischen Bundesstaat Florida, wo freier Blick möglich ist auf das erwartete Jahrhundertereignis: den Start der ersten bemannten Mondrakete , Apollo 11. Die zweite der beiden Massenversammlungen findet einen Monat später und etwa zweitausend Kilometer weiter nördlich statt. Es regiert das blanke Chaos. Am 15. August strömt etwa eine Million Menschen nach Bethel im US-Staat New York, um ein nach dem nahegelegenen Ort Woodstock benanntes Musikfestival zu feiern. Derart groß ist der Ansturm der Massen, dass die Straßen der Gegend vollständig verstopfen, in der die Besucher doch eigentlich die reine Natur finden wollten. "Walk around for three days without seeing a skyscraper or a traffic light", ist in den ersten Ankündigungen für das Woodstock-Festival versprochen worden; keine Wolkenkratzer und keine Verkehrsampeln, dafür viel frische Luft.

Die Menschen wollen hier Teil einer großen Familie werden; Freedom heißt das meistbejubelte Stück, das der Folksänger Richie Havens im Eröffnungskonzert des Festivals singt. Im Rückblick ist es gerade das Zu-groß-Geratene, Aus-dem-Ruder-Gelaufene von Woodstock, aus dem sich sein Mythos speist – das Gefühl, dass sich hier etwas nie Dagewesenes ereignet hat. Wer dabei war, kann sich nachträglich als Teil eines historischen Moments imaginieren, in dem eine Menge von Menschen sich zur Avantgarde der gesamten Gattungsentwicklung erhoben hat: Das verbindet das Publikum von Woodstock mit den Millionen von Menschen, die der Mondlandung beiwohnen.

Sie alle haben unrecht, wie wir heute wissen. Die Geschichte der bemannten Raumfahrt gerät bereits im Moment ihres Entstehens ins Stocken; weiter als bis zum Mond ist der Mensch bislang nicht gereist. Und auch die utopische Heiterkeit der Hippies und ihres Kommunengedankens wird Ende 1969 durch katastrophale Ereignisse erschüttert: Auf Geheiß des charismatischen Kommunenführers Charles Manson begehen die Mitglieder seiner "Family" grausame Morde, unter anderem an der schwangeren Schauspielerin Sharon Tate. Im Dezember endet das als "kalifornisches Woodstock" geplante Altamont Festival mit Gewalt: Ein schwarzer Besucher wird von Hells Angels niedergestochen und stirbt.

Nie wieder wird danach irgendjemand glauben, dass die gesamte Menschheit sich auf dem Weg in das Paradies befindet, nur weil viele Menschen die gleichen Drogen nehmen und die gleiche Musik hören wie man selbst; die Pop- und Gegenkultur zersplittert in viele kleine Teile. "Das Zeitalter der großen Erzählungen ist vorüber", so hat der französische Philosoph Jean-François Lyotard die Situation am Ende der siebziger Jahre rückblickend in seinem Buch Das postmoderne Wissen beschrieben. Und doch schleudert das Scheitern der weltumspannenden Utopien eine erstaunliche Vielzahl utopischer Kräfte in die Umlaufbahn. Aus dem Taumel des "Summer of Love" und der Studentenproteste bilden sich jene sozialen Bewegungen heraus, die unsere Gesellschaft bis heute prägen. Der neue Feminismus verändert die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern und Generationen, zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern; er verändert das Verhältnis der Menschen zu ihren Körpern, zu den Arten des Zusammenlebens und den überkommen Institutionen, zur Familie, zur Ehe, zur klassischen Zweierbeziehung, und das heißt letztlich: Er verändert das grundlegende Verhältnis der Individuen zu ihrem Selbst.

Die Siebzigerjahre werden so zu einem Jahrzehnt der Entfesselung; das Neue wird – anders als in unserer Gegenwart – nicht als Bedrohung empfunden, sondern als Verheißung. Weit über die Alternativ- und Gegenkulturen hinaus setzt sich als gesellschaftliche Grundstimmung durch, dass man "sein Bewusstsein verändern" und "erweitern" muss.

Das hat natürlich nicht nur helle Seiten, auch der obsessive Flirt mit dem Bösen und Destruktiven ist ein Signum der Siebziger; eine seiner wesentlichen politischen Entäußerungsformen wird der Terrorismus sein. In der Popkultur regiert ein Regress in Eskapismus und Okkultismus. Der inhaftierte Sektenführer Charles Manson steigt zu einer beliebten Pop-Ikone auf; Der Herr der Ringe wird zum meistgelesenen Buch des Jahrzehnt. Zugleich aber – das ist die andere Seite der Dialektik – wird die Popkultur zum Laboratorium eines existenziellen Futurismus, zum Ort neuer Selbstverhältnisse und Daseinsformen. David Bowie verwandelt sich in "Ziggy Stardust", den bisexuellen Alien, und gibt vielen Menschen, die sich fremd in ihren Körpern und einsam in der Welt fühlen, die Gewissheit, dass sie nicht allein sind – dass es vielen anderen so geht wie ihnen.

Sehnsucht nach neuen Gemeinschaften

"Ich will nicht werden, was mein Alter ist", singen Ton Steine Scherben 1971. Der Faden ist gerissen heißt ein Buch der Philosophen Michel Foucault und Gilles Deleuze, das auf Deutsch 1977 im Westberliner Merve Verlag erscheint. Der "Faden", das ist hier jener, der uns zuvor unzertrennlich mit unserer Vergangenheit zu verbinden schien. So wie die Siebziger eine Zeit der Entfesselung sind und der entfesselten Kritik an allen überkommenen Autoritäten und Institutionen – so sind sie auch ein Jahrzehnt der Individuierung. In diesem Sinn hat der US-amerikanische Autor Tom Wolfe sie in seinem Essay The "Me" Decade and the Third Great Awakening aus dem Jahr 1976 beschrieben, und der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz hat diesen Gedanken 2017 in seinem Buch Die Gesellschaft der Singularitäten variiert. Diese Beschreibung ist einerseits richtig; andererseits greift sie zu kurz. Denn die Siebziger sind auch eine Zeit der Sehnsucht nach neuen Gemeinschaften und nach neuen Familienformen. Was sich in diesem Jahrzehnt verändert, versteht man nur, wenn man beide Seiten dieser Dialektik in den Blick nimmt.

Dass viele Menschen etwas an der Welt verändern wollen, liegt ja auch daran, dass sie sich in dieser Welt fremd und einsam fühlen. Wer anders sein will, sucht nach anderen, die auf dieselbe Weise anders sein wollen wie man selbst – um nicht mehr so einsam zu sein. Darum sammeln sich so viele Menschen in Kommunen und Wohngemeinschaften, in denen das Zusammenleben nicht mehr dem Modell der bürgerlichen Kleinfamilie folgt; sie sammeln sich in Bewegungen, Szenen, Milieus, Alternativ- und Gegenkulturen; sie sammeln sich als Hippies, als Ökos oder als Punkrocker, die alle Hippies und Ökos hassen; sie sammeln sich in der Frauenbewegung, in der Disco-Kultur, in der Schwulen- und Lesbenbewegung; sie sammeln sich – auch das gehört zu den Siebzigern – als Nazirocker, Skinheads, Okkultisten.

Am Ende des Jahrzehnts zeichnet sich der Beginn der digitalen Kultur und ihrer gesellschaftlichen Umbrüche ab: 1977 lötet der kalifornische Tüftler Steve Wozniak den "Apple II" zusammen, der zum ersten massenhaft verbreiteten Personal Computer wird; 1979 steigt das Computerspiel Space Invaders mit den Heimkonsolen der Firma Atari zur beliebtesten Freizeitbeschäftigung der Jugend der westlichen Welt auf. Es wird noch bis tief in die Neunziger dauern, bis sich daraus das Internet entwickelt. Aber die Grundlagen dafür finden sich in den siebziger Jahren. Das gilt für die Technik ebenso wie für das Bedürfnis der Menschen, sich mit anderen Menschen zusammenzufinden, die nicht aus derselben Familie, demselben Dorf, derselben Stadt, demselben Land kommen wie man selbst – die aber, über alle anderen Differenzen hinweg, so sind, wie man selbst ist oder gerne sein möchte. In unserer Gegenwart beobachten wir den Zerfall dieser westlichen Kultur; sie wird von den Fliehkräften der Globalisierung ebenso zerrissen wie vom Revival der Nationalismen. Peace, love & harmony scheinen uns heute weiter entfernt denn je. Aber man kann eben auch aus den Siebzigern lernen, dass aus dem Zerfall utopischer Gewissheit und Hoffnung etwas Neueres und Schöneres zu entstehen vermag.