DIE ZEIT: Indien und Bangladesch erlebten Anfang Mai den stärksten Taifun seit 20 Jahren. Starben 1999 noch mehr als 10.000 Menschen, so fordert der Sturm in diesem Jahr wohl nur wenige Dutzend Tote. Währenddessen kämpfen in Mosambik die Helfer noch immer gegen die Folgen des Zyklons Kenneth von April: flächendeckende Zerstörung, Cholera, Hunger. Worin unterscheiden sich die beiden Katastrophen?

Maarten van Aalst: Ein wichtiger Unterschied war das Ausmaß der Vorbereitung auf den Ernstfall. In Indien und Bangladesch hat man aus den verheerenden Katastrophen der letzten Jahrzehnte viel gelernt und diesmal deutlich zügiger und effektiver reagiert als früher. Millionen Menschen wurden evakuiert. Mosambik hat diesen Lernprozess noch nicht gemacht, zudem fiel der Zyklon Kenneth besonders stark aus.

ZEIT: Und was haben die unterschiedlichen Naturkatastrophen gemein?

Van Aalst: Trotz aller Unterschiede gilt in beiden Fällen, dass weitere Schäden, von zerstörten Gebäuden bis zum Verlust von Vieh, bei besserem Management hätten vermieden werden können.

ZEIT: Zum Management später – zuerst noch die Frage, ob Naturkatastrophen saisonalen Mustern folgen: Wissen Experten im Voraus, welche Region wann wie heimgesucht wird?

Van Aalst: Zu einem großen Teil trifft das zu. Man weiß zum Beispiel, dass Nordamerika ab Juni von Wirbelwinden betroffen ist und dass in der Region zwischen den Philippinen und Taiwan meist zwischen Juli und November die Taifune kommen. Oder dass in Westafrika zwischen Juni und September Regenzeit ist. Außerdem geben uns die Klimaphänomene El Niño und La Niña, die durchschnittlich etwa alle vier Jahre auftreten, eine Vorahnung über die Stärke mehrerer dieser Ereignisse. Leider hat die Wissenschaft einen deutlichen Vorsprung vor der Praxis. Wir wissen viel mehr, als wir umsetzen.

ZEIT: Eine Schätzung der Weltbank besagt, für jeden Dollar, der nicht in die Vorsorge für den Ernstfall investiert werde, fielen nach dem Unglück im Schnitt sieben Dollar für Rettung und Wiederaufbau an. Weltweit fließen 90 Milliarden Dollar in Katastrophenhilfe, aber nur vier Prozent davon in Vorsorge. Wie kann das sein?

Van Aalst: Die Schätzung der Weltbank ist bekannt, aber auch umstritten, weil es stark auf den Kontext ankommt. Das Verhältnis kann mal bei 1 : 2 liegen, mal aber auch bei 1 : 10.000. Sicher ist, dass wir uns dringend stärker auf Prävention und Anpassung konzentrieren müssen. So retten wir mit weniger Geld mehr Leben.

ZEIT: Wie stellt man das am besten an?

Van Aalst: Ich mache mich für einen Ansatz stark, der forecast-based financing genannt wird, ein vorhersagebasiertes Finanzierungssystem. Die Idee ist simpel: Sobald man gute Anhaltspunkte für eine nahende Naturkatastrophe hat, wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der Schutz bietet, bevor das Unglück eintritt.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Van Aalst: In Bangladesch zum Beispiel hat das Rote Kreuz vor zehn Jahren ein System installiert, durch das uns die lokalen Behörden Wettervorhersagen durchgeben. Damit treffen wir Prognosen für Katastrophenfälle wie Fluten oder Stürme. Übertritt das Risiko einen bestimmten Schwellenwert, setzen wir Ressourcen frei. In diesem Fall hilft das vor allem Viehbauern. Früher mussten sie in Krisen oft ihre Tiere zu stark gefallenen Preisen verkaufen. Später, wenn der Sturm oder die Flut vorüber waren, konnten sie bei gestiegenen Viehpreisen nicht mehr entsprechend zurückkaufen. Wir statten die Bauern vorab mit Bargeld aus, für Futter und einen sicheren Platz für die Tiere. Uns kostet das einen Bruchteil von dem, was ansonsten im Nachhinein an Hilfsmitteln anfallen würde. Es beugt auch Hunger vor und schützt die Würde der Bauern.