Es sind oft die kleinen Missstände, die Menschen zu Hochform auflaufen lassen. Als vor acht Jahren im 8000-Seelen-Ort Kirchheimbolanden in der Nordpfalz das alte Freibad geschlossen wurde, erregte das den Ärger der Protestantin Lisel Heise. Und was lange gärt, wird bekanntlich endlich Wut: Am 26. Mai wird sie bei den dortigen Kommunalwahlen antreten, um, wie sie dem Evangelischen Pressedienst (epd) mitteilte, "diese Fehlzündung der Demokratie" zu beheben. Nichts Außergewöhnliches eigentlich, wäre die Dame nicht 100 Jahre alt.

Seit Jonas Jonassons Buch-Bestseller Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand und seit der juvenilen Kampfschrift des damals 93-jährigen Philosophen Stéphane Hessel mit dem aufrüttelnden Titel Empört euch! stehen renitente Rentner, die auf die Barrikaden gehen, statt nur auf Barrierefreiheit zu hoffen, wieder hoch im Kurs.

Das ist bei Lisel, wie sie in der Stadt von allen genannt wird, nicht anders. Ein großes Boulevardblatt hat sie als Power-Oma tituliert, ZDF, SWR und der Spiegel berichteten. Doch woher rührt die außerordentliche Vitalität in Körper und Geist, die ihr jeder attestiert, der ihr begegnet?

Es ist wohl auch ein bisschen der streitbare Protestantismus der alten Schule, in dem das Wort "Protest" noch eine politische Bedeutung hat, der sie wohl zur bundesweit ältesten Kandidatin für ein politisches Amt werden lässt: In der Kirchengemeinde Kirchheimbolanden wirkt sie seit vielen Jahrzehnten tatkräftig mit, die ehemalige Lehrerin sang in der Kantorei und im Kirchenchor. Das Schulmeisterliche, das dem Protestantismus ja bekanntlich auch anhaftet, hat sie nicht ganz abgelegt: Regelmäßig geht die Tochter eines Schuhfabrikanten in den Gottesdienst, kommentiert im Klartext die Predigten ihres Dekans, wirft ihm, laut epd, auch hin und wieder Zettelchen mit Denksprüchen in den Briefkasten. Verzetteln will sie sich nicht bei der kommenden Wahl, sie hat nur eine einzige Forderung auf ihrer Agenda: Ein neues Freibad muss gebaut werden zur körperlichen Ertüchtigung und als Generationentreff. Wenn sie nebenbei auch noch andere Probleme beseitigt, auch gut!

Aber wer glaubt, das sei nur evangelische Beschränkung, für eine Sache zu rechten, der irrt. Vielmehr ist es diese weitere protestantische Eigenart: ein Ziel streng vor Augen zu haben und es unbeirrbar und rechtschaffen zu verfolgen. Zu jung fühlt sich Lisel Heise, um Rezepte auszutauschen. Aber für Emmanuel Macron, dessen neue Europaidee sie toll findet, oder für die beiden Kirchen, deren Trennung sie für "historischen Quatsch" hält, und schließlich für die Brexit-Befürworter, die sie "auf den Mond schießen" möchte, hat sie Rezepte parat. Der Dekan sagt, von seinen jüngeren Gemeindemitgliedern würde er sich ebenso viel Engagement wünschen. Dumpfer Wutbürgersinn sieht anders aus.

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