Es gibt einiges aus der digitalen Welt, worauf Wissenschaftler nicht mehr verzichten möchten: Google, Wikipedia, Online-Archive. Was aber definitiv nicht zu den digitalen Heilsnotwendigkeiten zählt, ist Twitter. Wie auch? Die nüchternen Freuden des wissenschaftlichen Arbeitens kann ein Kurznachrichtendienst nicht ersetzen. Die Monate über den Akten, die Lektüre neuer und alter Literatur und den Kampf um die richtigen Worte beim Schreiben.

Warum also Twitter, wo wir doch alle keine Zeit haben und Eitelkeit zwar die Droge der Wissenschaft ist, aber bitte nicht so augenfällig wie hier? Twitter ist ein Fest, ein Luxus, eine Freude. Ein Surplus, kein Muss. Twitter lebt vom Austausch der vielen. Der Wissenschaftlerinnen, aber auch Journalisten, Lehrer, Autorinnen und Hausmänner, die einander in der Timeline treffen. Dort, wo all die Tweets, die 280-Zeichen-Nachrichten, von Personen stehen, die sich gegenseitig folgen.

Twitter ist eine digitale Agora. Es ist eben auch ein Ort der Wissenschaft, es bietet Platz für Neugierde, Debatten und Austausch. Twitter zeigt: Denken ist – oft – Gemeinschaftswerk.

Im Sommersemester 2018 habe ich an der Universität Heidelberg – zwischen Neckar, Schloss und Hölderlin – die Professur für Neuere Geschichte vertreten und meine Vorlesung zusätzlich auf Twitter präsentiert. Die Resonanz war hoch: mit Likes und Retweets (wenn also andere Twitter-Nutzer den entsprechenden Tweet weiterleiten) und vor allem mit zahlreichen Anregungen durch Antworten (Replys). Es scheint in den sozialen Medien ein intensives Interesse an der Geschichte unserer Demokratie zu geben. Mit einem Tweet kündigte ich meine Veranstaltung im März an.


Aus diesem Tweet wurde bis Juli ein Thread, ein Strang mit Überlegungen zur Demokratiegeschichte. Ein Thread entsteht, wenn an den Tweet eine Antwort angehängt wird, auf die eine weitere folgt und so weiter. Der gesamte Thread öffnet sich und bietet sich chronologisch dar, wenn einer der Tweets angeklickt wird. So entstand ein Einblick in meine Vorlesung, viele 280-Zeichen-Texte, oft bestückt mit Bildern. Komprimierte Wissenschaft, kompromittierend womöglich.

In einen der ersten Tweets packte ich eine Grundthese, wie wir über Demokratie reden.

In einem weiteren Tweet sinnierte ich darüber, dass vieles daran vielleicht ergänzt werden müsse.

Die Vorlesung fand in der schlichten, hellen Neuen Universität statt, vom Fenster aus der Blick auf die historistisch-repräsentative Universitätsbibliothek, die den Codex Manesse birgt. Die Studierenden betreten die Uni über den Platz, auf dem 1933 die Bücherverbrennung der Nazis stattfand. Meine erste Vorlesung begann mit der Frage, wie wir Demokratie verstehen und erzählen.

Mir war zuvor schon die Einsicht gekommen, die eine interdisziplinär ausgerichtete Forschung nahelegt: dass Demokratie und Menschenrechte mit Gefühlen und Körperlichkeit eng verbunden sind. Wesentlich dafür war die Körpergeschichte des Zürcher Historikers @Philipp_Sarasin.

So fragte ich per Tweet und erhielt besonders viel Resonanz. Der Hamburger Afrikahistoriker @JürgenZimmerer griff das Thema auf.

Twitter kann den Horizont für gemeinsame Projekte öffnen.

Dabei sind Wissenschaftler, die sich auf Twitter tummeln, ausgesprochen höflich. Der akademische Online-Diskurs bietet sich dar als eine Welt der gewählten Worte und guten Umgangsformen. Gewiss, auch hier gibt es altkluge Zeitgenossen, aber meistens halten sie sich an die Regeln des Anstands. Twitter bietet Diskussion, Gedankenaustausch und hilfreiche Ergänzungen und Hinweise. Als ich in meinem Demokratie-Thread darüber reflektierte, ob am Anfang der Demokratie immer eine Revolution gestanden habe, wies mich die Historikerin @BirteFoerster auf den US-Historiker Hayden White hin.