Sie wanderten zusammen, aßen zusammen, beteten zusammen, sie gehörten zusammen, weil sie zusammen auserwählt waren, von ihrem Chef, den sie Messias nannten. Aber selbst wenn sie das Leben miteinander teilten und eine Einheit waren – eins waren sie nicht immer.

Jesus geht voran, seine Jünger hinter ihm. Seit Jahren kennen sie einander, der Anführer und seine Nachfolger. In diesem Moment haben sie Angst um ihn, erzählt der Evangelist Markus. Denn Jesus prophezeit ihnen, was bevorsteht: "Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf; dort wird der Menschensohn den Hohepriestern und den Schriftgelehrten ausgeliefert; sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden übergeben; die werden ihn verspotten, anspucken, geißeln und töten. Aber nach drei Tagen wird er auferstehen." Die Jünger müssen verwirrt gewesen sein. Ausgeliefert, den Heiden übergeben, auferstehen? Was mögen solche Ankündigungen bei ihnen ausgelöst haben?

Sehr menschliche und sehr egoistische Regungen. So erzählt es Markus weiter. Jakobus und Johannes treten auf Jesus zu und sagen: "Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den anderen links neben dir sitzen." Jesus ist unangenehm berührt, er lässt sie abblitzen: Den Platz zu seiner Rechten und Linken habe nicht er zu vergeben, und überhaupt – dort säßen jene, für die diese Plätze bestimmt seien.

Als die anderen Jünger hören, wie sich einige vordrängeln, werden sie böse. So lange sind sie schon miteinander unterwegs, und dann so ein Alleingang zum eigenen Seelenheil, das gehört sich nicht! Ausgerechnet nach diesen Worten des Anführers!

Der ergreift die Gelegenheit, um sie einmal mehr zu belehren: "Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein." Der Satz ist die Essenz des Christentums. Er stellt den natürlichen Darwinismus auf den Kopf. Schon für die allerersten Nachfolger Christi war er schwer zu begreifen und noch schwerer zu leben.

Während er drei Jahre lang mit ihnen durchs Land zieht, versucht Jesus es seinen Jüngern beizubringen, mal in direkten Worten, mal durch Bilder und Gleichnisse. Die Beziehung zwischen ihm und ihnen ist dabei immer klar: Jesus ist der Lehrer, ihr Meister, der Sohn Gottes, der Messias, der Retter der Welt. Die Jünger sind seine Schüler, sie leben mit ihm und wollen das Unfassbare seiner Verkündigung verstehen.

Viel komplizierter als ihre Beziehung zu Jesus ist das Verhältnis der Jünger untereinander. Die vier Evangelien des Neuen Testaments verraten nicht übermäßig viel über die Menschen, die mit dem Heiland auf Wanderschaft gingen. Sie folgen in ihren Erzählungen dem Muster antiker Biografien, in denen ein Held allen Raum einnimmt und die anderen Figuren dazu da sind, das Handeln des Helden zu umrahmen. Aber wenn sie etwas über die Jünger preisgeben, sind es nicht selten Situationen, in denen der Konkurrenzkampf unter ihnen auflodert: Wer ist Jesus am nächsten? Wen hat er am liebsten? Wer ist der Größte, der Wichtigste unter ihnen?

Theologen wie Wilfried Eisele von der Universität Tübingen und Martin Ebner von der Universität Bonn, die viel zu den Jüngern geforscht haben, deuten diese Konflikte immer auf einer doppelten Ebene: "Im Johannesevangelium gibt es am Ostermorgen einen regelrechten Wettlauf zum Grab zwischen Petrus und einem Ungenannten – dem 'Jünger, den Jesus liebte'", sagt Eisele. "Der Jünger, den Jesus liebte, gewinnt ihn und schaut als Erster in die Gruft. Das Johannesevangelium schenkt ihm damit eine höhere Autorität, die für seine ursprüngliche Leserschaft von Bedeutung gewesen sein wird." Ebner sagt: "Nach Jesu Tod ist ein Streit unter den frühen Christen entbrannt, wer von ihnen sein Handeln deuten und wer seine Worte auslegen darf. Da steckten die Evangelisten mittendrin und haben es rückwirkend einfließen lassen in ihre Beschreibungen des Lebens Jesu."