Auftritt Lucilia caesar, die Schmeißfliege. "Einer ihrer Vorzüge: dass sie zu den ersten Insekten gehört, die einen verwesenden Körper aufsuchen." Lucilia krabbelt auf Pierre Castan herum, und es dauert eine ganze Weile, bis wir schnallen, ob er tot ist oder noch lebt.

Kriminalromane handeln von Blut und Tod, das kennen wir Leser bis zur Abstumpfung. Asphaltdschungel handelt nicht von Blut und Tod, sondern mit Blut und Tod. Sekrete, Ausdünstungen und Schmeißfliegen sind die Hauptakteure dieses außerordentlichen Kriminalromans. Die gewohnte Hierarchie ist umgedreht: Die Krone der Schöpfung ist am Arsch. Und da herrschen Millionen unsichtbarer Wesen. Biomasse.

Joseph Incardona, Jahrgang 1969, ist Sohn eines Italieners und einer Schweizerin, schreibt auf Französisch und ist im deutschsprachigen Raum ein mehr oder minder unbeschriebenes Blatt. Das sollte sich mit der Veröffentlichung von Asphaltdschungel ändern. 2015 erhielt der Roman den renommierten Grand Prix de Littérature Policière. Er bringt, was sehr selten gelingt, einen vollständig fremden, neuen Ton in die Kriminalliteratur.

Samstag, 15. August 2015: Pierre Castan, ehemals Rechtsmediziner, erwacht schweißüberströmt in seinem Wagen, auf ihm Lucilia caesar. Vor einem halben Jahr ist seine achtjährige Tochter Lucie von einem Rastplatz der französischen Autobahn verschwunden. Seitdem jagt Pierre ihren Mörder. Irgendwo im geschlossenen System der Mautstationen und Aires de Service muss der Oger hausen, das Ungeheuer, das Mädchen verschlingt.

"Derrière les panneaux il y a des hommes", so lautet der französische Originaltitel – "Hinter den Warnschildern befinden sich Menschen!", ein Hinweis, der auf Arbeiter an Baustellen aufmerksam machen sollte. Um menschliche Kreatürlichkeit und Sterblichkeit dreht sich Asphaltdschungel. Die Raststätten sind Magen und Darm des Urlaubsverkehrs. Benzin und Nahrung werden aufgenommen, Müll und Menschen abgeworfen. Als ein anderes Mädchen entführt wird, begreift es auch die Polizei: Ein Serien-mörder ist im System der Raststätten verborgen. Und tatsächlich ist es der taube, schweigsame, muskelbepackte Koch Pascal, der sein privates Verfahren entwickelt hat, kleine Mädchen zu genießen und verschwinden zu lassen. Wie Incardona den Wettlauf zwischen Polizei, zerstörtem Vater ("ein Raubtier") und dem sowohl mörderischen als auch traumatisierten Pascal beschreibt, sucht seinesgleichen. Ekelhaft und grauslich ist das, erschütternd. Verzweiflung wird riechbar. Die condition humaine als Autobahn, oder wie es einer Polizistin dämmert: "Das ganze Leben ist eine verdammte Versuchsanstalt."

Joseph Incardona: Asphaltdschungel. Roman; a. d. Franz. v. Lydia Dimitrow; Lenos Verlag, Basel 2019; 339 S., 22,– €, als E-Book 16,99 €