Yves Bonnefoy, bedeutender Dichter, Professor am berühmten Collège de France in Paris, der von 1923 bis 2016 lebte, schrieb im letzten seiner dreiundneunzig Lebensjahre ein Buch, wie es vor ihm noch niemand geschrieben hat. Bonnefoys schmaler Band ist ein Elternporträt, eine Autobiografie in Stücken, ein Essay über die lebensgeschichtlichen Quellen seiner Dichtung – und zudem ein Buch, dessen Teile wunderbar auseinander hervorgehen. Es ist gehalten in einem Stil, der Klarheit mit Geheimnis verbindet, und durchzogen von detektivischer Spannung. Denn das Ganze beginnt als philologischer Krimi, der seinen Anfang im Jahr 1964 nimmt. Damals, als Bonnefoy einundvierzig Jahre alt war, flog ihm unversehens eine "Idee für eine Erzählung" zu, die er rasch in hundert reimlosen Versen in freien Rhythmen festhielt, Erinnerungen eines alten Mannes an eine geheimnisumwitterte Begegnung in früheren Zeiten. Bonnefoy zweifelte nicht, dass er diese Erzählung, Der rote Schal genannt, "ziemlich schnell" würde abschließen können. Er arrangierte eine Zeitschriften- und eine Buchpublikation, selbst einen Illustrator setzte er schon an die Arbeit – nur Bonnefoy wurde nicht fertig. Und er wurde über geschlagene fünfundvierzig Jahre und "immer neue Versuche" nie fertig. Doch ein Jahr vor seinem Tod fing er noch einmal an zu schreiben.

Man liest nicht ohne Herzklopfen, wie Bonnefoy nun zu einem detaillierten, immer tiefer blickenden Lebensbild seiner Eltern findet. Der Vater ein Einsamer, aus armer schweigsamer Bauernfamilie. Die Mutter aus einer literaturnahen Lehrerfamilie. Schritt für Schritt verwandelt er seine Lebensgeschichte in eine Sprachgeschichte. Er berichtet von den "Konflikten, die dem Gebrauch der Wörter innewohnen". Das "Ereignis, das im Innersten der Sprache stattfindet", ist der Widerstreit zwischen der konkreten, dingnahen Sprache des Kindes und der abstrakten, instrumentellen Sprache, wie sie etwa mit der väterlichen Berufswelt verbunden ist. Die wahre Freude ist aber, wie subtil Bonnefoy mit diesem zur simplen Polarisierung neigenden Gegensatz umgeht. Seine kindliche Sprache, aus der der Dichter hervorgehen wird, bedeutet auch für die verstummte Mutter ein Erwachen. Und im väterlichen auvergnatischen Schweigen findet er "ein Sprechen, das von der Transzendenz der einfachen Dinge weiß". Auf halber Strecke des Buches und nicht weit von seinem Tod fasst Bonnefoy den Entschluss, nicht mehr über die Poesie nachzudenken und stattdessen sich seinen "persönlicheren Problemen" zuzuwenden – Schluss mit der Flucht "in die Worte, jetzt ist es Zeit, höchste Zeit, dass ich mir die wirklichen Fragen stelle". Immer tiefer dringt er nun in seine und seiner Eltern Spannungen vor. Staunend findet er sie in den Brüchen, Anspielungen und Auslassungen seines frühen Textes nachgebildet.

Der Höhepunkt dieser reichen, durch die Weiten der Kunstgeschichte und des Bonnefoyschen Werkes führenden Anamnese ist erreicht, als er in einer fast halsbrecherischen Selbstanalyse in zwei Szenen und im Patois, jenem ländlichen Dialekt, der darin gesprochen wird, die "Urszene" seiner Kindheit wiedererkennt: er im Gitterbett horchend auf die Eltern im Bett neben ihm. Es ist ein rares Abenteuer des Geistes, wie Bonnefoy den kleinsten Indizien nachspürt, die zeigen, wie "gegenwärtig" seine Eltern "im Gewebe meiner Schriften" sind. Er verfügt über die helldunkle Sprache, die für ein solches Unterfangen unabdingbar ist. Und er hat in Elisabeth Edl und Wolfgang Matz zwei Übersetzer gefunden, die seiner Suche vollauf gewachsen sind.

Yves Bonnefoy: Der rote Schal
Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz; Carl Hanser Verlag, München 2018; 224 S., 24,– €