Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat verkündet, ab 2020 den "Deutschen Sachbuchpreis" zu vergeben. Damit bekommt endlich ein Genre die verdiente Aufmerksamkeit, das zwar hierzulande zahlreiche Leser findet (traditionell wohl nicht ganz so viele Leserinnen), aber im Vergleich zur angelsächsischen Welt immer noch viel zu wenig Anerkennung. Gekürt werden soll das herausragend geschriebene deutschsprachige Werk von einer unabhängigen Jury mit Vertretern aus Journalismus, Wissenschaft, Buchhandel und Kulturbranche, Dotierung: 25.000 Euro. Verkündet wird der Sieger unter acht von der Jury nominierten Titeln jeweils im Juni in einer Abendveranstaltung im neuen Berliner Humboldt Forum, eine Longlist wie beim Buchpreis wird es nicht geben.

Was nun mit verheißungsvollem Aplomb startet, könnte jedoch tatsächlich als Fehlzündung verpuffen. Denn wenn am 16. Juni 2020 der Preis das erste Mal vergeben wird, tobt die Fußball-EM; überhaupt ist der Termin, freundlich ausgedrückt, antizyklisch gewählt: Anders als im Herbst und vor Weihnachten schwächelt der Buchhandel im Frühjahr traditionell; auch solch ein vom Börsenverein zur Unterstützung initiierter Sachbuchpreis wird an diesem Branchengesetz nichts ändern, weil die Verlage weiterhin ihre wichtigsten Bücher im umsatzstarken Herbst herausbringen werden. Wenn zudem jeweils im April die Jury ihre acht nominierten Titel verkünden wird, konkurriert sie direkt mit dem bislang wichtigsten deutschen Sachbuchpreis, dem der Leipziger Buchmesse: Kaum wurde da im März aus fünf Sachbüchern der Sieger gekürt, sollen wenige Wochen später Leser und Branche erneut über vielleicht sogar die gleichen Sachbücher diskutieren? Da kann selbst dem besessensten Leser die Lust vergehen, zumal beide Jurys aus dem gleichen Pool wählen, den Herbst- und Frühjahrsprogrammen der Verlage. Zu enge Konkurrenz schwächt hier das Geschäft.

Ebenso problematisch ist es, wenn der Börsenverein jetzt anders als beim Roman-Buchpreis schon mal für die Jury die Kriterien für das "beste" Sachbuch festschreibt: "Relevant" soll es sein und "mit Bezug zum Zeitgeschehen". Dürfen also originelle Beethoven-, Michelangelo- oder Maria-Magdalena-Biografien nicht zum besten deutschen Sachbuch gekürt werden, ebenso wenig wie ein brillant erzähltes Buch über den Urknall, das Aussterben der Saurier oder die afrikanische Geschichte vor dem Kolonialismus? Wer das Weltwissen ausgerechnet im Humboldt Forum auf "Bezug zum Zeitgeschehen" reduziert, schadet dem populären Medium Sachbuch. Für den Preis bleibt daher zu hoffen, dass die künftige Jury, die immerhin von der renommiert besetzten Akademie Deutscher Sachbuchpreis berufen wird, sich nicht beschränken lassen wird. Und der Börsenverein sollte die Auszeichnung bald in den Herbst verlegen, um den besten Sachbüchern wirklich einen Schub zu verleihen.