DIE ZEIT: Frau Falk, Sie erforschen die Schweizer Migrationsgeschichte: Was haben heutige Flüchtlinge und italienische Gastarbeiter aus den 1960er-Jahren gemeinsam?

Francesca Falk: Es gibt interessante Parallelen, wie diese Gruppen wahrgenommen werden.

ZEIT: Inwiefern?

Falk: Beide Gruppen gelten als Gefahr für die Schweizer Frauen und die Errungenschaften der Emanzipation. Heute befürchtet man eine Islamisierung, früher hatte man Angst vor einer Italianisierung.

ZEIT: Einer Italianisierung?

Falk: Man sagte, die Italiener würden Schweizerinnen hinterherpfeifen, sie belästigen. Es ging so weit, dass ein Restaurant in Wil den italienischen Gastarbeitern verbot, in der vorderen Hälfte des Lokals Platz zu nehmen. Sonst würden sich Frauen nicht mehr hineingetrauen.

ZEIT: Gab es auch Vorbehalte gegenüber den italienischen Frauen?

Falk: Es hieß, sie seien sehr fruchtbar, dürften das Haus nicht verlassen. Und man kritisierte, dass sie in der Kirche einen Schleier trugen.

ZEIT: War die Schweizer Gesellschaft tatsächlich progressiver als die italienische?

Falk: In einigen Bereichen schon, in vielen aber nicht. In Italien wurde das Frauenstimmrecht bereits nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt und die Geschlechtergleichheit früher als bei uns in der Verfassung festgeschrieben. Gleichwohl gibt es selbst in der Geschichtsschreibung diese Vorstellung, dass die Italienerinnen sich in der Schweiz emanzipierten, weil sie hier mehr Freiheiten vorgefunden hätten.

ZEIT: Sie schreiben in ihrem Buch Gender Innovation and Migration in Switzerland, Migration habe die Emanzipation hierzulande nicht gefährdet, sondern, im Gegenteil, begünstigt. Wie das?

Falk: Migration fördert nicht automatisch Emanzipation. Aber in der Vergangenheit haben viele Gleichstellungsprozesse davon profitiert. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war für die Gastarbeiterinnen bereits vor 50 Jahren ein wichtiges Thema.

ZEIT: Weil die Frauen arbeiten mussten?

Falk: So ist es. Ganz im Gegensatz zu den Schweizer Familien, wo die allermeisten Frauen daheim blieben. Einerseits wäre ein einziges Einkommen für die Gastarbeiter schlicht zu wenig gewesen, andererseits mussten viele Italienerinnen arbeiten, um eine Aufenthaltsbewilligung zu bekommen. Deshalb gab es in den Boomjahren einen großen Bedarf an außerfamiliären Betreuungplätzen.

ZEIT: Wer hat den Ausbau vorangetrieben?

Falk: Migrantische Organisationen wie die Missione Cattolica, aber auch der Staat. Mitte der 1960er-Jahre kamen fast alle fremdbetreuten Kinder aus migrantischen Familien.

ZEIT: Wir haben den Ausbau der Kinderkrippen also den Italienerinnen zu verdanken?

Falk: In gewisser Weise schon. Wegen der Ölkrise in den 1970er-Jahren mussten viele Gastarbeiter ausreisen, plötzlich wurden Krippenplätze frei. Während sie vorher den Arbeiterfamilien vorbehalten waren, durfte nun auch die Schweizer Mittelschicht ihre Kinder fremdbetreuen lassen.

ZEIT: Krippen waren lange Zeit verpönt. Ich erinnere mich, dass wir diese Kinder bemitleideten.

Falk: Man hoffte sogar, man könnte sie bald abschaffen! Heute verortet man ein Defizit bei Kindern, die keine Krippe besuchen.

ZEIT: Gibt es eigentlich das Wort Rabenmutter im Italienischen?

Falk: Nein. Meine Mutter fand das bezeichnend.

ZEIT: Ihre Mutter kam in den 1970er-Jahren von Italien in den Kanton St. Gallen, um einen Schweizer zu heiraten. Sie haben sie für Ihre Forschung interviewt.

Falk: Ich finde ihre Perspektive interessant, obwohl sie keine klassische Arbeitsmigrantin war. Sie hatte Medizin studiert, in Parma.

Früher hatte man Angst vor einer Italianisierung
Francesca Falk, Historikerin

ZEIT: Über ihren Umzug ins Dorf Rheineck sagte Ihre Mutter: "Es fühlte sich an, als wäre ich in die Vergangenheit gereist, ich weiß nicht, 100 oder mindestens 50 Jahre zurück."

Falk: Meiner Mutter ist das patriarchale Eherecht aufgefallen, das ja noch bis 1988 galt. Die Frau musste den Mann fragen, wenn sie arbeiten wollte. Auch das Schulsystem fand sie unemanzipiert: Ein Kind hatte Unterricht von acht bis zehn, ein anderes von zehn bis zwölf. Es war für eine Mutter fast unmöglich, außer Haus zu arbeiten.

ZEIT: Es ärgerte sie auch, dass ihre Tochter einen anderen Stundenplan hatte als die Buben.

Falk: Es waren die 1980er-Jahre, ich musste in die Hauswirtschaftslehre, während die Buben Geometrie und technisches Zeichnen hatten. Und Geometrie war Teil der Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium. Wir Mädchen konnten das Fach zwar zusätzlich besuchen, die meisten haben das aber nicht getan.