"Der Eintritt in die Politik ist der Abschied vom Leben, der Kuß des Todes." Hans-Magnus Enzensberger, 1992

"Vielleicht ist Politik an der Grenze dessen angesiedelt, was Menschen leisten können, ohne, um es biblisch zu sagen, Schaden zu nehmen an ihrer Seele." Erhard Eppler, 1996

"Werde ich von dieser Sucht einmal erlöst? Oder muss ich frustriert sterben?" Erwin Huber, 2015

Der Wahlabend

Der Landtag in München hat seinen Sitz im Maximilianeum, einem Gebäude, in dem man sich manchmal fühlt wie in einem dieser Bilder von M. C. Escher, in denen Treppen immer zu neuen Treppen führen: ein Ort, an dem man leicht die Orientierung verliert, aus dem man, wenn man nicht aufpasst, vielleicht nicht wieder hinausfindet. An diesem Wahlabend läuft Erwin Huber treppauf, treppab, in ständiger Eile, mit einer schlafwandlerischen Sicherheit, wie man sie nur in seinem Zuhause hat.

Dieser 14. Oktober 2018 ist ein grauenvoller Abend für die CSU, 10,5 Prozent hat die Partei bei der Landtagswahl verloren, die absolute Mehrheit ist weg, die Stimmung im Fraktionssaal ist beerdigungsähnlich. Der Spitzenkandidat Markus Söder tritt vor die Kameras und sagt, was man als Politiker halt so sagt, wenn die Dinge nicht so gelaufen sind, wie sie laufen sollten.

Erwin Huber gibt ein paar Meter weiter ein Interview nach dem anderen. Er sagt, die CSU habe die Entwicklung in den Städten nicht richtig erkannt, er sagt, man habe die Wähler nicht abgeholt, man müsse das Wahlergebnis intensiv analysieren und die richtigen Schlüsse ziehen.

Huber verfügt wie Söder über einen gut geölten Mechanismus, der es ihm erlaubt, aus politischen Wortklötzen einen zitierfähigen Satz zusammenzubauen, ganz gleich, was eigentlich die Frage war. Ab und zu schaut er auf die Uhr, er wird in Fernsehstudios gebraucht. Ein ehemaliger Spiegel-Journalist erwartet seinen Anruf.

Zehn Wahlabende hat Huber an diesem Ort erlebt. 1978 zog er erstmals in den Landtag ein, der Kanzler hieß Helmut Schmidt, im Fernsehen gab es drei Programme, und Franz Josef Strauß wurde bayerischer Ministerpräsident.

40 Jahre blieb Huber in der Politik und seiner Partei treu. Er war Landtagsabgeordneter, Generalsekretär seiner Partei, Leiter der Staatskanzlei, Finanzminister und Parteivorsitzender. Huber gehörte irgendwann zur CSU wie der Starkbieranstich auf dem Nockherberg. Dachte er.

Alles an der Politik ist auf das Weitermachen angelegt. Es gibt immer Wahlen, die gewonnen, Gegner, die besiegt, und Widerstände, die überwunden werden müssen. Der nächste Schritt in der Karriere ist immer der wichtigste. In der Politik gibt es für alles einen Plan, außer für die Zeit danach. Deshalb sind in der Politik die Abschiede fast immer das Schwierigste, und sie gelingen fast nie.

Heute ist Hubers letzter Abend in der Politik, zum ersten Mal stand sein Name auf keinem Wahlzettel.

Nachdem er das letzte Interview zur Lage der CSU gegeben hat, sitzt Huber in Raum N125 im Nordflügel des Bayerischen Landtags auf seinem Schreibtischstuhl und starrt vor sich hin. Das Büro ist schon ausgeräumt, auf der Fensterbank stehen noch ein paar Topfpflanzen und auf einem Tischchen die Geschenke, die er in den letzten Jahren bekommen hat: ein Kristall, ein Weißbierglas, eine kleine Skulptur. Den Wandkalender will er später mitnehmen.

Für einen Moment wirkt Huber leergeredet. Auf die Frage, wie es ihm geht, die erste Frage an diesem Abend, die sich nicht um die CSU dreht, antwortet er: Gut. Dann will er wieder zurück, zur Wahlparty, die keine Party ist.

Huber hat einmal in einem Interview gesagt, dass sein Zahnarzt ihm erklärt hat, er sei indolent, schmerzunempfindlich.

Der Hörsaal. Teil eins

Es ist neun Uhr morgens, zwei Tage nach der Wahl. Erwin Huber hat eine braune Aktentasche mit großen Henkeln dabei, von der er sagt, dass sie ihn schon sein halbes Leben begleite. An diesem Morgen sieht es ein bisschen so aus, als trage sie ihn und nicht er sie.

Huber sucht sich einen Platz ganz hinten. Der Hörsaal sieht aus wie ein Kleinstadttheater, es gibt einen Rang, ein Parkett und eine Bühne, es ist sehr hell hier. Die Fenster sind ganz oben, es wäre unmöglich, im Notfall durch sie zu fliehen.

Studenten mit Kapuzenjacken und Collegeblocks, aus denen die Zettel fallen, betreten den Raum. Huber hat eine dieser Vielfächermappen dabei, in denen Politiker ihre Vorlagen und Sprechzettel herumtragen. Die Mappe liegt vor ihm auf dem Tisch. Die Plätze rechts und links von ihm bleiben frei.

Erwin Huber ist jetzt Student. An der Münchner Hochschule für Philosophie, die von Jesuiten betrieben wird, hat er sich eingeschrieben für den Bachelorstudiengang Philosophie. Wenn alles gut geht, macht Huber in drei Jahren seinen Abschluss. Er wäre dann 75 Jahre alt.

Wenn man ihn später fragt, ob er an diesem Morgen unsicher gewesen sei, sagt er: "Ja, aber nicht im negativen Sinne."

Wenn man ihn fragt, ob er alles verstanden habe, sagt er: "Natürlich nicht."

Um zu begreifen, was ihn an diesen Ort treibt, muss man zurückgehen, in die Zeit, als Huber noch Politiker war.

Der Plan

Es ist Hochsommer, sechs Wochen zuvor, und er trägt die CSU-Uniform: Stoffhose, gestärktes Hemd und Lodenjacke. Er hat die Jacke über die Schultern gelegt, die Ärmel baumeln an den Seiten. In der Abendsonne sitzt Erwin Huber auf dem Marktplatz in Plattling, einem kleinen Ort in Niederbayern. Huber ist 72 Jahre alt, und wie jedes Mal, wenn man ihn beobachtet, fällt als Erstes auf, wie rätselhaft frisch er aussieht.

In einem Raum im vierten Obergeschoss der CSU-Parteizentrale hängen die Bilder aller ehemaligen CSU-Vorsitzenden, Ahnen eines Clans. Der erste, Josef Müller, den man "Ochsensepp" nannte. Dann: Hans Ehard, Hanns Seidel, Franz Josef Strauß, Theo Waigel, und neben Edmund Stoiber: Erwin Huber. Männer in Schwarz-Weiß, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Huber lächelt auf dem Bild sein breites Haifischlächeln, das immer auch ein bisschen fies wirkt.