Und raus bist du

"Der Eintritt in die Politik ist der Abschied vom Leben, der Kuß des Todes." Hans-Magnus Enzensberger, 1992

"Vielleicht ist Politik an der Grenze dessen angesiedelt, was Menschen leisten können, ohne, um es biblisch zu sagen, Schaden zu nehmen an ihrer Seele." Erhard Eppler, 1996

"Werde ich von dieser Sucht einmal erlöst? Oder muss ich frustriert sterben?" Erwin Huber, 2015

Der Wahlabend

Der Landtag in München hat seinen Sitz im Maximilianeum, einem Gebäude, in dem man sich manchmal fühlt wie in einem dieser Bilder von M. C. Escher, in denen Treppen immer zu neuen Treppen führen: ein Ort, an dem man leicht die Orientierung verliert, aus dem man, wenn man nicht aufpasst, vielleicht nicht wieder hinausfindet. An diesem Wahlabend läuft Erwin Huber treppauf, treppab, in ständiger Eile, mit einer schlafwandlerischen Sicherheit, wie man sie nur in seinem Zuhause hat.

Dieser 14. Oktober 2018 ist ein grauenvoller Abend für die CSU, 10,5 Prozent hat die Partei bei der Landtagswahl verloren, die absolute Mehrheit ist weg, die Stimmung im Fraktionssaal ist beerdigungsähnlich. Der Spitzenkandidat Markus Söder tritt vor die Kameras und sagt, was man als Politiker halt so sagt, wenn die Dinge nicht so gelaufen sind, wie sie laufen sollten.

Erwin Huber gibt ein paar Meter weiter ein Interview nach dem anderen. Er sagt, die CSU habe die Entwicklung in den Städten nicht richtig erkannt, er sagt, man habe die Wähler nicht abgeholt, man müsse das Wahlergebnis intensiv analysieren und die richtigen Schlüsse ziehen.

Huber verfügt wie Söder über einen gut geölten Mechanismus, der es ihm erlaubt, aus politischen Wortklötzen einen zitierfähigen Satz zusammenzubauen, ganz gleich, was eigentlich die Frage war. Ab und zu schaut er auf die Uhr, er wird in Fernsehstudios gebraucht. Ein ehemaliger Spiegel-Journalist erwartet seinen Anruf.

Zehn Wahlabende hat Huber an diesem Ort erlebt. 1978 zog er erstmals in den Landtag ein, der Kanzler hieß Helmut Schmidt, im Fernsehen gab es drei Programme, und Franz Josef Strauß wurde bayerischer Ministerpräsident.

40 Jahre blieb Huber in der Politik und seiner Partei treu. Er war Landtagsabgeordneter, Generalsekretär seiner Partei, Leiter der Staatskanzlei, Finanzminister und Parteivorsitzender. Huber gehörte irgendwann zur CSU wie der Starkbieranstich auf dem Nockherberg. Dachte er.

Alles an der Politik ist auf das Weitermachen angelegt. Es gibt immer Wahlen, die gewonnen, Gegner, die besiegt, und Widerstände, die überwunden werden müssen. Der nächste Schritt in der Karriere ist immer der wichtigste. In der Politik gibt es für alles einen Plan, außer für die Zeit danach. Deshalb sind in der Politik die Abschiede fast immer das Schwierigste, und sie gelingen fast nie.

Heute ist Hubers letzter Abend in der Politik, zum ersten Mal stand sein Name auf keinem Wahlzettel.

Nachdem er das letzte Interview zur Lage der CSU gegeben hat, sitzt Huber in Raum N125 im Nordflügel des Bayerischen Landtags auf seinem Schreibtischstuhl und starrt vor sich hin. Das Büro ist schon ausgeräumt, auf der Fensterbank stehen noch ein paar Topfpflanzen und auf einem Tischchen die Geschenke, die er in den letzten Jahren bekommen hat: ein Kristall, ein Weißbierglas, eine kleine Skulptur. Den Wandkalender will er später mitnehmen.

Für einen Moment wirkt Huber leergeredet. Auf die Frage, wie es ihm geht, die erste Frage an diesem Abend, die sich nicht um die CSU dreht, antwortet er: Gut. Dann will er wieder zurück, zur Wahlparty, die keine Party ist.

Huber hat einmal in einem Interview gesagt, dass sein Zahnarzt ihm erklärt hat, er sei indolent, schmerzunempfindlich.

Der Hörsaal. Teil eins

Es ist neun Uhr morgens, zwei Tage nach der Wahl. Erwin Huber hat eine braune Aktentasche mit großen Henkeln dabei, von der er sagt, dass sie ihn schon sein halbes Leben begleite. An diesem Morgen sieht es ein bisschen so aus, als trage sie ihn und nicht er sie.

Huber sucht sich einen Platz ganz hinten. Der Hörsaal sieht aus wie ein Kleinstadttheater, es gibt einen Rang, ein Parkett und eine Bühne, es ist sehr hell hier. Die Fenster sind ganz oben, es wäre unmöglich, im Notfall durch sie zu fliehen.

Studenten mit Kapuzenjacken und Collegeblocks, aus denen die Zettel fallen, betreten den Raum. Huber hat eine dieser Vielfächermappen dabei, in denen Politiker ihre Vorlagen und Sprechzettel herumtragen. Die Mappe liegt vor ihm auf dem Tisch. Die Plätze rechts und links von ihm bleiben frei.

Erwin Huber ist jetzt Student. An der Münchner Hochschule für Philosophie, die von Jesuiten betrieben wird, hat er sich eingeschrieben für den Bachelorstudiengang Philosophie. Wenn alles gut geht, macht Huber in drei Jahren seinen Abschluss. Er wäre dann 75 Jahre alt.

Wenn man ihn später fragt, ob er an diesem Morgen unsicher gewesen sei, sagt er: "Ja, aber nicht im negativen Sinne."

Wenn man ihn fragt, ob er alles verstanden habe, sagt er: "Natürlich nicht."

Um zu begreifen, was ihn an diesen Ort treibt, muss man zurückgehen, in die Zeit, als Huber noch Politiker war.

Der Plan

Es ist Hochsommer, sechs Wochen zuvor, und er trägt die CSU-Uniform: Stoffhose, gestärktes Hemd und Lodenjacke. Er hat die Jacke über die Schultern gelegt, die Ärmel baumeln an den Seiten. In der Abendsonne sitzt Erwin Huber auf dem Marktplatz in Plattling, einem kleinen Ort in Niederbayern. Huber ist 72 Jahre alt, und wie jedes Mal, wenn man ihn beobachtet, fällt als Erstes auf, wie rätselhaft frisch er aussieht.

In einem Raum im vierten Obergeschoss der CSU-Parteizentrale hängen die Bilder aller ehemaligen CSU-Vorsitzenden, Ahnen eines Clans. Der erste, Josef Müller, den man "Ochsensepp" nannte. Dann: Hans Ehard, Hanns Seidel, Franz Josef Strauß, Theo Waigel, und neben Edmund Stoiber: Erwin Huber. Männer in Schwarz-Weiß, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Huber lächelt auf dem Bild sein breites Haifischlächeln, das immer auch ein bisschen fies wirkt.

"Loslassen ist ein enorm schwieriger Prozess"

CSU-Chef Strauß (links) förderte Huber und verschaffte ihm 1987 einen Platz in der Parteispitze. © Wolfgang Maria Weber/Interfoto

Er sieht heute, auf dem Marktplatz in Plattling, noch immer aus wie damals, vor über zehn Jahren. Als habe er einfach eine Pausetaste gedrückt.

Die Sommerwochen waren dramatisch für die CSU. Der Vorsitzende Horst Seehofer trat in einer Nachtsitzung zurück, um seinen Rücktritt wenige Stunden später wieder zurückzunehmen. Der Wahlkampf schien verloren, bevor er eigentlich begonnen hatte. Huber war bei fast allem dabei, obwohl ihn das alles bald gar nicht mehr betreffen würde. Wenn man mit Huber spricht, merkt man schnell, dass die Politik und die Lage der CSU ihn mitnehmen, als ginge es um ihn selbst. Jeder Prozentpunkt weniger tut ihm weh, jeder Witz über seine Partei ist ein Witz auf Kosten von Erwin Huber.

Noch sechs Wochen bis zur Wahl.

Für die CSU geht es um 40 plus ein paar Prozent, für ihn geht es um die Frage, die er selbst in einem Interview vor ein paar Jahren gestellt hat: "Werde ich einmal erlöst?"

Huber hat oft gesagt, dass er an der Politik hängt wie ein Süchtiger an der Nadel. Es sei ein Cocktail aus Macht, Anerkennung und Öffentlichkeit, den er jeden Tag brauche. Er schlafe mit der Politik ein und könne es kaum erwarten, mit ihr wieder aufzuwachen.

Wer süchtig nach Politik ist, der ist süchtig danach, etwas zu sagen zu haben und zu wissen, dass andere zuhören. Aber auch nach all den Annehmlichkeiten, nach dem Fahrer, der einem die Tür aufhält, nach dem Mitarbeiterstab, der rund um die Uhr erreichbar ist, danach, im öffentlichen Raum nie alleine irgendwo rumzustehen.

Unter dieser Sucht leidet nicht nur Huber, sie ist der Grund, warum viele Politiker schlecht aufhören können.

Zum Beispiel Konrad Adenauer, der mit fast 90 Jahren zu Hause in Rhöndorf noch Kabinettslisten entwarf.

Oder Helmut Kohl, der auf der Präsidiumssitzung nach seiner Abwahl noch den Termin für den nächsten Parteitag festlegen wollte und dem Norbert Blüm sagen musste: "Helmut, das ist doch nicht mehr unser Part."

Oder Gerhard Schröder, der in der Elefantenrunde seine eigene Niederlage ignorierte und sagte: "Ich bin stolz auf die Menschen, die uns ein Ergebnis beschert haben, das eindeutig ist. Jedenfalls eindeutig, dass niemand außer mir in der Lage ist, eine stabile Regierung zu bilden."

Der Machtverlust erwischte diese Männer unvorbereitet, als hätten sie gedacht, sie könnten immer weitermachen. Sie befanden sich in einem "Höhenrausch", wie der Spiegel-Journalist Jürgen Leinemann es mal nannte. Jeder von ihnen wirkte, als wisse er nicht, wer er sein soll, wenn er kein Politiker mehr ist.

Im Arbeitszimmer seines Wohnhauses hängen noch Jackett und Krawatten bereit. © Matthias Ziegler für DIE ZEIT

So wie Erwin Huber auf dem Plattlinger Marktplatz in der Sonne sitzt und die Krise der CSU analysiert, könnte man für einen Moment meinen, dass er auch einer dieser Männer ist. Der Höhepunkt seiner Karriere ist seit mehr als zehn Jahren vorbei.

Im September 2008 war Huber seit 13 Monaten Parteivorsitzender der CSU, als diese bei der Landtagswahl 17 Prozent der Stimmen verlor. Wenige Wochen später sagte er kreidebleich auf einer blauen Bühne: "Ich habe eure Erwartungen nicht voll erfüllen können." Und trat zurück.

Huber war damals 62 Jahre alt, eigentlich ein gutes Alter zum Aufhören. Er blieb. Er sagt, er wusste, dass er damals nicht aufhören konnte. Dass er bitter geworden wäre. Er kandidierte erneut im Jahr 2013, wieder als einfacher Landtagsabgeordneter. Seiner Familie sagte er: "Bitte gebt mir noch diese fünf Jahre."

Es war ein bisschen, als hätte Josef Ackermann nach seinem Rückzug als Chef der Deutschen Bank noch zehn Jahre die Filiale einer Kleinstadt geleitet mit der Begründung, am Bankenwesen zu hängen.

Viele aus seiner Partei hielten Erwin Huber für verrückt, für einen Besessenen. Günther Beckstein sagte zu ihm: "Wer einmal ganz oben war, der fängt nicht noch mal unten an." Ein Freund fragte: "Erwin, wie tief willst du noch sinken?"

Doch Huber hatte einen Plan. Er hatte vor, sich von seiner Sucht zu heilen, wie ein Arzt, der zugleich sein eigener Patient ist.

Teil eins der Politiksuchttherapie: schleichender Entzug über zehn Jahre. Huber nennt das "Resozialisierung". Er sagt: "Loslassen ist ein enorm schwieriger Prozess." Loslassen, das heiße ja auch, gegen sich selbst zu kämpfen. Sich selbst zu domestizieren.

Huber plante, so wie Hans im Glück über zehn Jahre immer wieder das Größere gegen das Kleinere einzutauschen, bis er ein freier Mann wäre.

Bisherige Tauschgeschäfte:

Zunächst arbeitete er als einfacher Landtagsabgeordneter 60 Stunden in der Woche statt 80.

Er lernte, ohne eigenen Fahrer klarzukommen und stattdessen die Fahrkartenautomaten der Bahn zu bedienen. Die Leute, denen man begegne, seien in der Regel sehr nett.

Er schaltete dann manchmal sein Handy aus, zum Beispiel beim Radfahren.

Statt irgendwelcher Vorlagen begann er wieder Romane zu lesen, zum Beispiel Stefan Zweig und einen halben Band der Twilight-Reihe.

Neulich hat er sich ein E-Piano gekauft. Er will jetzt Klavierspielen lernen.

Sechs Wochen noch, dann wird Erwin Huber sich aus seinem eigenen Entzug entlassen. Ob er dann wirklich frei ist?

In Plattling auf dem Marktplatz sagt er, er wisse es nicht. Die Zeit nach der Politik mache ihm immer noch Angst.

Angst ist ein Wort, das Politiker eigentlich vermeiden, ein Wort, das schwach macht und verletzlich.

Der Parteifreund

Für ihn, sagt Manfred Weber, sei Erwin Huber ein Sinnbild für die Stärke der CSU. Für das Kümmern im Kleinen und klare Zukunftsvorstellungen. Über Jahrzehnte habe Erwin Huber Niederbayern geprägt. Dass aus dem bäuerlichen Landstrich zwischen Landshut und dem bayerischen Wald heute eine Wohlstandsregion geworden sei, das habe man auch Hubers Wirken zu verdanken. Huber, sagt Weber, sei ein Politiker, der eine positive Bilanz ziehen könne.

Manfred Weber ist 46 Jahre alt, seine Karriere steht vielleicht gerade vor ihrem Höhepunkt, er ist der Spitzenkandidat der Europäischen Konservativen. Die Europawahl nennen sie in der CSU eine "Manfred-Wahl". Sein Gesicht haben sie auf Schals gedruckt.

"Ich geh studieren"

Erwin Huber sagt: "Politik ist eine Entwöhnung vom normalen Leben. Die führt zur Ver wöhnung und damit dann zur Ge wöhnung."

Manfred Weber möchte nichts zu Politiksucht sagen, außer: "Die Fähigkeit zur Distanz zur Politik ist wichtig."

Die Familie

Erwin Huber hat eine Frau, einen Sohn, eine Tochter und vier Enkelkinder. In einem Vorort von München, ein paar Monate vor der Landtagswahl im Herbst 2018, sitzen seine Tochter Verena und seine Frau Helma am Küchentisch.

"Ist Ihr Vater politiksüchtig?"

Verena Huber sagt, das würde sie fünfmal unterschreiben.

Helma Huber, die Erwin Huber seit 50 Jahren kennt und seit 40 Jahren mit ihm verheiratet ist, sagt: "Das war schon manchmal grenzwertig."

Sie sagt, jahrelang sei ihr Mann müde nach Hause gekommen, und wenn sie ihm erzählte, was so los war, mit den Kindern beispielsweise, schlief er oft mitten im Gespräch ein. Da wusste sie: War doch ein bisschen viel, diese Woche.

Sie sagt, als Minister und Parteivorsitzender habe er beinahe nie erzählt, was er so mache. Wie es ihm ging, habe sie aus der Zeitung erfahren.

Einmal waren sie zusammen am Bodensee. Sie spazierten an der Promenade entlang, und er habe in einer Tour telefoniert. Sie sei immer ein paar Meter vorgegangen und dann wieder zurück zu ihm, doch er habe weitergeredet. Irgendwann, er hatte gerade aufgelegt und wollte wieder jemanden anrufen, habe sie gesagt: Jetzt hast du noch genau zwei Telefonate. Wenn du dann noch mal jemanden anrufst oder rangehst, dann schmeiß ich dein Handy in den See.

Ein anderes Mal, erzählt die Tochter, hatte sich ihr Vater den Knöchel gebrochen und legte mit all seinen Anrufen und Faxen die Telefonleitung des Krankenhauses lahm.

Manchmal, wenn sonntagmorgens ein Journalist anrief und was mit ihm besprechen wollte, habe man gemerkt: Jetzt geht’s ihm besser, jetzt ist sein Sonntag gerettet.

Der Hörsaal, Teil zwei

Teil zwei der Politiksuchttherapie: Die Zeit danach mit Sinn füllen.

An diesem Dienstag im Hörsaal in München spricht Professor Sans, ein ernster Mann aus dem Jesuitenorden, über den Gottesbeweis.

Er sagt: "Antirealismus löst Gott in religiöse Vollzüge auf."

Er sagt: "Rationalismus löst die Religion im Nachdenken auf."

Er sagt: "Bilden Sie Lerngruppen!"

Huber schreibt mit.

Das alles begann vor etwa drei Jahren, als Witz. Als Huber angekündigt hatte, dass er 2018 wirklich aus der Politik aussteigen will, glaubte ihm niemand. Was machst du denn dann?, fragten ihn alle. Huber sagt, es war ihm zu doof, zu sagen, dass er das noch nicht weiß, er habe dann immer gesagt: "Ich geh studieren." Irgendwann hatte er den Satz so oft gesagt, dass er wahr wurde.

Erwin Huber hat Glück, das Semester beginnt zwei Tage nach der Wahl. Hubers Woche sieht nun so aus: Dienstag "Geschichte der antiken Philosophie" bei Professor Bordt, Dienstag und Mittwoch "Philosophische Gotteslehre" bei den Professoren Sans und Herzgsell. Dazu eine Stunde "Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten", dazwischen Lektüre: Platon, Aristoteles, Nietzsche.

Huber sagt, er wolle einen Abschluss machen, nicht bloß als Rentner in den Vorlesungen hocken und sich berieseln lassen. Das Ziel, sagt er, müsse es sein, irgendwann Heideggers Sein und Zeit zu begreifen.

An diesem Tag verliert Heidegger gegen Markus Lanz. Huber muss nach der Vorlesung schnell los, zum Flughafen, zur Aufzeichnung der Talkshow in Hamburg. Niemand in der Politik kann so offen sprechen wie die, die nichts mehr zu verlieren haben. Huber sitzt an diesem Tag in dem Studio neben Katharina Schulze, der Vorsitzenden der Grünen im Bayerischen Landtag. Lanz nennt sie eine "Drachenmutter". Über Huber sagt er, er habe in seinem Leben "alles gesehen, alles erreicht, alles verloren". Lanz will von Huber wissen, ob er notfalls auch mit den Grünen koalieren würde, als habe er das zu entscheiden. Huber sagt, in der Not frisst der Teufel Fliegen. Er verdreht die Augen, als einer die CSU kritisiert, er reckt den Daumen in die Luft, als ein Zuschauer klatscht. Er spricht über die Flächenversiegelung, über Rodungsgenehmigungen und über die Sondierungsgespräche. Er sagt: "Wir sind eine Mannschaft."

Nur ein Wort fällt während der 75 Minuten nicht: Rente.

Später wird einer von Hubers Professoren erzählen, dass er ihn ermahnen musste, weil er in der Vorlesung ständig auf seinem Handy tippte. "Sie können sich ja überlegen, ob sie weiter bleiben wollen, Sie zwingt niemand zur Anwesenheit", habe er ihm zugerufen.

Die CSU

Seit 1957 regiert die CSU in Bayern ohne Unterbrechung, nichts ist dieser Partei fremder als Scheitern, nichts wird weniger geübt als das Ende. In einer Partei, die eine Abwahl gar nicht kennt, kommt der Machtverlust immer von innen. Die CSU ist eine Partei der Gewinner, und wer nicht mehr gewinnt, fliegt raus.

Der Parteitag

Huber sagt, als er Finanzminister wurde, habe er seinem Vorgänger versichert: "Ich hole deinen Rat ein." Angerufen habe er den Vorgänger nie. Jetzt ist Huber in der Rolle des Ehemaligen. Die Partei sucht nun nicht mehr seine Nähe, aber er sucht noch ihre.

In der Kleinen Olympiahalle in München tummeln sich 13 Wochen nach der Landtagswahl ungefähr 900 Delegierte, die meisten sind Männer in Anzügen.

Man kann auf Parteitagen an den Stuhlreihen erkennen, wer einer von den Wichtigen ist und wer nicht. Ganz vorn sitzen der Parteivorsitzende, die Minister. Mit der Zeit zieht es jeden Mächtigen nach hinten, und andere rücken vor.

Das Schild "Erwin Huber, Staatsminister a. D." steht an diesem Samstag auf einem Tisch in Reihe fünf. Auf diesem Platz bekommt man ein "Brotzeitbrettl" und Getränke am Platz serviert, man muss sich aber ein bisschen strecken, um über die Köpfe der anderen schauen zu können. Wenn man Erwin Huber fragt, ob es nicht ein bisschen komisch ist, jetzt ohne Amt, als einfaches Parteimitglied hier zu sein, schaut er einen verwundert an und sagt: "Das ist doch meine Familie."

Es geht ihm nicht allein so. Die Helden der CSU von früher sind alle da: Edmund Stoiber, Theo Waigel und Barbara Stamm. Trockenen Alkoholikern sagt man gerne, sie sollen eine "nasse Umgebung" meiden, Politiker bleiben der Politik oft treu.

Heimat ist ein wichtiges Wort für Erwin Huber

Auf der Bühne steht Horst Seehofer, der gerade das durchlebt, was Erwin Huber vor zehn Jahren durchleben musste: Seehofer gibt den Parteivorsitz ab und hält seine letzte Rede als erster Mann der CSU.

Seehofer hat lange versucht, im Amt zu bleiben, nun hat er den Kampf gegen die eigene Partei verloren. Er steht blass am Mikrofon und sagt: "Mein Werk ist getan." Zum Abschied überreicht ihm die stellvertretende Generalsekretärin Daniela Ludwig ein Miniaturmodell der CSU-Parteizentrale. Es ist, als würde Seehofers Welt vor seinen Augen geschrumpft.

Huber hat mal gesagt, Politik sei ein Kampfsport. Als in der CSU viele das Ende der Ära Stoiber herbeisehnten, war er es, der gemeinsam mit Günther Beckstein die Schwäche des damaligen Ministerpräsidenten erkannte und für sich nutzte. Heute sitzt er in Reihe fünf und lächelt.

2007 rangen Huber und Seehofer miteinander um den Vorsitz der CSU. Die Zeitungen schrieben damals, Seehofer sei ein Mann des Volkes, Huber einer des Apparats. Huber gewann. Ein Jahr später musste er zurücktreten, und Seehofer wurde sein Nachfolger. Nachdem Huber gescheitert war, nachdem die Partei das schlechteste Ergebnis seit Jahrzehnten eingefahren hatte, erklärte Seehofer, nun werde er "den Mythos CSU wiederbeleben". Er drängte Huber, als bayerischer Finanzminister zurückzutreten. Er organisierte einen Gegenkandidaten, als Huber danach zumindest den Wirtschaftsausschuss im Landtag leiten wollte.

Wenig ist in der Politik so beständig wie Feindschaft, und wer nur lange genug wartet, kann seine Feinde fallen sehen. Auch diese Genugtuung ist wohl Teil der Sucht.

Während vorn Seehofer spricht, sagt Huber in Reihe fünf: "Ich habe eine Wahlniederlage gebraucht, um zurückzutreten. Seehofer braucht drei."

Er sagt: "Seine Abschiedsrede war natürlich larmoyant."

Er sagt: "Jetzt ist er im Trapez ohne Fangnetz."

Er wirkt so zufrieden wie Bud Spencer, wenn einer seiner Gegner nach einer Kopfnuss umgefallen ist.

Die meisten Delegierten verlassen den Parteitag sofort, nachdem Markus Söder zum neuen Vorsitzenden gewählt wurde. Huber bleibt.

Wie im Hörsaal sind die Plätze rechts und links neben ihm frei, manchmal kommt jemand und fragt, wie es so läuft. Einmal begrüßt ihn einer: "Ah, der Philosoph!" Huber geht nicht durch die Halle, um Hände zu schütteln und Schultern zu klopfen. Er bleibt an seinem Platz und stimmt über einen Antrag nach dem anderen ab. Er ist für die dauerhafte Beflaggung öffentlicher Gebäude und gegen "Bayern als Festung der IT-Sicherheit".

Es kommt der Moment, als ein Delegierter die Beschlussfähigkeit des Parteitags anzweifelt und am Saalmikrofon über die Disziplinlosigkeit seiner Kollegen schimpft, die verschwänden, wenn es um die Arbeit gehe.

Erwin Huber wirkt nicht so, als habe er vor, demnächst zu gehen. Er hat die Stimmkarte in der Hand, in seiner Reihe sitzt er mittlerweile ganz allein.

Huber hat immer gesagt, dass er seiner Partei und seiner Heimat dienen will.

Die Vergangenheit

Heimat ist ein wichtiges Wort für Erwin Huber. Er wuchs in der Einöde auf, so nennt man in Bayern allein stehende Höfe. Seine Mutter war Tagelöhnerin. Huber sagt, in den ersten Jahren seines Lebens habe er kaum soziale Kontakte gehabt. Bis er eingeschult wurde, ging er oft morgens um fünf mit aufs Feld. Er sei ein scheues Kind gewesen, ein Einzelgänger. Als er sieben war, zogen sie in die nahe gelegene Kleinstadt, Huber besuchte dort die Schule, wurde Messdiener, fand Freunde in der katholischen Kolpingjugend.

Von da an ging es immer nur nach oben für ihn, er selbst beschreibt diesen Weg so: Ministrant, Oberministrant, Minister.

Huber hat sich hochgearbeitet wie viele Politiker, die heute schon längst in Rente sind: Gerhard Schröder, Walter Riester, Norbert Blüm, Horst Köhler.

Er sagt, er habe sich, als er in München Karriere machte, immer ein bisschen fremd gefühlt. Man sprach dort einen anderen Dialekt, man begrüßte sich mit Bussi-Bussi. Er gehörte zwar irgendwann dazu, aber nie so richtig. Am meisten, sagt Huber, habe es ihn verletzt, wenn man ihn in München als Zurückgebliebenen aus Niederbayern dargestellt habe.

Als Huber an der Macht war, hat er dagegen angearbeitet. Zuerst nannte man ihn den "Wadenbeißer", jemanden, der sich zur Not auch mit ein bisschen Brutalität vorarbeitet. Dann nannten sie ihn "Reform-Rambo", einen, der Entscheidungen rücksichtslos durchsetzt. Er kürzte die Mittel der bayerischen Verwaltung, er strich die Sozialausgaben zusammen, er war für den Donauausbau, für eine dritte Startbahn des Münchner Flughafens. Gegner waren für ihn "Fortschrittsverweigerer". Er sagte damals: "Wenn man den Sumpf trockenlegen will, darf man die Frösche nicht fragen."

Reisbach

Neunzig Autominuten vom Münchner Landtag entfernt liegt Reisbach, knapp 8000 Einwohner, Fundstätte des einzigen Nibelungengrabs in Süddeutschland und Erwin Hubers Wohnort. Die Stadt sieht so neu und sauber aus, als sei sie gerade erst im Ganzen aus einem Karton genommen worden.

Es ist Ende März, Erwin Huber ist nun seit einem halben Jahr in Rente. Er hat Sepp Steinberger mitgebracht, die beiden kennen sich, seitdem sie Ministranten in der Pfarrkirche St. Michael waren. Sie sitzen im Café Ernst am Marktplatz. Steinberger ist ein Mann mit vollem Haar, der manchmal hustet, ein Lungenleiden. Er ist 74 Jahre alt, 40 Jahre lang war er Bürgermeister von Reisbach, er sagt, er war 30 Jahre alt, als er ins Amt gewählt wurde, und er habe schon damals im Hinterkopf gehabt: 2014 ist leider Schluss. In Bayern darf man bislang nur für ein Bürgermeisteramt kandidieren, wenn man jünger als 65 Jahre ist.

Steinberger wusste genau wie Huber, dass es irgendwann vorbei sein würde mit der Politik, aber im Unterschied zu Huber hat er nicht über das Alter nachgedacht, sondern es verdrängt. Er hatte keinen Plan für diese Zeit.

Auf Steinbergers Visitenkarten steht nun "Altbürgermeister".

Er will nicht wie ein Phantom rumgeistern

Die Rente, sagt Steinberger, habe zwei Tücken. Die eine Sache sei es, zu ertragen, was der Neue so mache. Im Kreisverkehr am Ortseingang zum Beispiel, da habe er, Steinberger, immer Blumen pflanzen lassen. Sein Nachfolger habe für so was keinen Sinn. Jetzt sei da nichts. Eine Wüste.

"Gut, jeder malt halt anders", sagt Steinberger.

Die andere Sache sei die viele Zeit, die er jetzt habe. Die, sagt er, vergehe doch sehr langsam. Alles in allem, sagt Steinberger, seien die letzten Jahre keine guten gewesen.

Als Huber mit 67 Jahren noch einmal für den Landtag kandidieren wollte, war Steinberger einer der wenigen, die ihm zugeraten haben. "Erwin, mach es!", habe er gesagt. "Du bist doch noch ein junger Dachs."

Dingolfing

Er geht jetzt mit seiner Frau manchmal ins Ballett. Ist gar nicht so schlecht.

Sonntags spazieren sie eine Stunde zusammen. Das findet er zwar ein bisschen langweilig, aber er trottet dann halt neben ihr her.

Klavier spielen kann er inzwischen mit einer Hand, wenn die zweite dazukommt, wird’s kompliziert. Er sei recht untalentiert, aber er quäle sich weiter.

Huber sitzt bei einem Italiener in Dingolfing in seinem ehemaligen Wahlkreis. Wie in Reisbach wirkt hier alles wie frisch aus dem Karton, nur größer und noch schöner.

Huber hat so viel zu erzählen, dass der Kellner dreimal nach der Bestellung fragen muss.

Seine Woche hat, seitdem er studiert, eine neue Struktur. Dienstagmorgens fährt er nach München, donnerstagabends wieder zurück. Wenn er in München ist, wird studiert, auch abends. Er gehe nicht mehr in die Gaststätten, wo die ehemaligen Kollegen aus dem Landtag verkehren. Er wolle da nicht wie ein Phantom rumgeistern. Lieber sitze er in seiner Münchner Bude und lese, zum Beispiel Feuerbach. Der sei schrecklich kompliziert, richtig ärgerlich sei das.

Er kann über Feuerbach schimpfen wie früher über Seehofer.

Hubers erstes Semester ist vorbei. Er sagt, er habe das sehr ernst genommen. Als er neulich mit seiner Familie in Südtirol im Skiurlaub gewesen sei, habe er mittags, wenn alle schliefen oder auf der Piste waren, gelesen.

Die mündliche Prüfung habe er bestanden, aber er sei mit sich selbst nicht ganz zufrieden gewesen. Er sagt, in der Politik könne man sich mit schönen Worten retten, in der Philosophie wolle der Professor es schon genauer wissen. Nächstes Semester will er es besser machen.

Neulich kam einer der jungen Studenten auf ihn zu. Man habe so eine Lerngruppe, er könne ja mal dazukommen. "Ja, gern", habe er, Huber, gesagt. Er hatte schon vorher von dieser Lerngruppe gehört, habe sich aber nicht aufdrängen wollen.

Huber sagt, das mit dem Studium sei so: Er könne natürlich Feuerbach und Platon auch privat lesen, aber er brauche wie ein Slalomskifahrer die Stangen, für die Orientierung. Diese Stangen seien die Prüfungen und die Hausarbeiten. Ohne Wettbewerb gehe es für ihn nicht.

Gut, manchmal denke er im Hörsaal: "Jetzt sitz ich hier in dieser Katakombe, und draußen spielt die Musik." Das werde aber von Mal zu Mal weniger, und insgesamt sei er: sehr zufrieden.

Wenn man Huber beim Dingolfinger Italiener zuhört, Platon hier, Lerngruppe da und samstags ins Ballett, klingt er, als verlaufe seine Therapie erfolgreich. Kann das stimmen?

Es gibt eine Geschichte, die Huber nicht so oft erzählt und die davon handelt, dass er Dinge durchzieht. Wie viele Kinder seiner Generation wuchs er vaterlos auf, viele Männer waren aus dem Krieg nicht zurückgekommen. Aber Huber hatte keinen Vater zu verlieren, er wusste nicht, wer sein Vater war. Er sagt, er habe seine Mutter nicht ein Mal in seinem Leben nach ihm gefragt. Er sagt, er habe gewusst, dass diese Frage unangebracht war, er habe gewusst, dass sie seine Mutter zu sehr belastet hätte. Er sagt: "Meine Mutter konnte ihr Geheimnis mit ins Grab nehmen. Da ruht es in Frieden."

Huber ist nie um einen Spruch verlegen. Er lacht viel. Er ist ein begabter Geschichtenerzähler. Man vergisst leicht, dass er eigentlich ein sehr ernster Mann ist, der stundenlang allein in seinem Keller Wagner-Opern hört.

Der verbotene Raum

Am Nachmittag, ein paar Stunden vor dem Treffen beim Italiener, hatte Huber in sein Arbeitszimmer geführt. Es war ein kleiner illegaler Akt. "Die Frau Huber hat das Haus schon 1987 zur verbotenen Zone erklärt", hatte Huber gesagt, sie wolle keine Journalisten im Haus haben. Doch die Frau Huber war an diesem Nachmittag bei den Enkeln.

An den Wänden hängen Huber-Karikaturen, ein Lebenslauf in Witzen. In einer Ecke stehen zwei Obi-Kartons, darin sein politisches Leben: die Unterlagen, die er mitnahm, als er im Oktober für immer den Landtag verließ. Er habe die Kartons bis heute nicht aufgemacht.

Huber sagt, er sei mal auf dem Balkan gewesen, da habe er die Kriegsdenkmäler gesehen und gedacht: Ich will niemand sein, der die alten Schlachten noch mal nachkämpft. "Nichts ist schlimmer als Männer, die sich an der Vergangenheit berauschen", sagt er.

Teil drei der Politiksuchttherapie: Vergessen.

Der Abschied

Die Fischplatte beim Italiener ist längst aufgegessen, als Huber wieder zum Politiker wird. Er kann ausdauernd über das Isartal als Vorreiter im Folienanbau von Gemüse sprechen und über die Zukunft von Manfred Weber, für den er "jederzeit das Feuerschwert auspacken würde". Dann will er los.

Erwin Huber kann, wie alle Spitzenpolitiker, über eine Veränderung seiner Körperspannung andeuten, dass ein Termin vorbei ist. Er sagt kein Wort, und doch wissen alle am Tisch, dass es Zeit ist, nach der Jacke zu greifen.

In der Karton-Stadt ist die Sonne untergegangen. Als noch alles hell war, hatte Huber gesagt, es gebe nur eine Sache, die ihn störe. Er möge das Wort Rentner nicht. Sein Sohn ziehe ihn gelegentlich damit auf, dann gehe die Stimmung gleich in den Keller. Im Grunde sei er ja auch gar kein Rentner, hatte Huber gesagt. Wenn man ihn nachts um drei wecken und fragen würde, was er eigentlich mache, würde er sagen: Ich bin Politiker.