Es ist doch erstaunlich, dass etwas so Schönes und Einfaches wie ein Kuss auf der Leinwand immer noch überraschen kann. Rund 120 Jahre nach William Heises Kurzfilm The Kiss zeigt der spanische Regisseur Pedro Almodóvar in Dolor y gloria ("Leid und Herrlichkeit"), dass in der Berührung zweier Lippen alles mitschwingen kann, was über die Berührung zweier Lippen hinausgeht: Liebe, Lebensgier, Zärtlichkeit, Sehnsucht. Oder auch die Erinnerung an lange vergangene Küsse, an eine Leidenschaft, die nicht mehr gelebt werden konnte.

In Dolor y gloria spielt Antonio Banderas Almodóvars Alter Ego, einen Regisseur namens Salvador Mallo. Er befindet sich in einer Lebens-, Alters- und Schaffenskrise, wird geplagt von Rückenschmerzen und Hustenkrämpfen. Die erste Szene zeigt ihn reglos im Wasser eines Pools, in einer Art pränatalem Schwebezustand. Salvador erinnert sich an Szenen seiner Kindheit (mit Penélope Cruz in der Rolle der jungen Mama Almodóvar) und an Momente aus den letzten Lebensjahren seiner Mutter (dann gespielt von Julieta Serrano). Während Salvador abgerissene biografische Fäden wieder aufnimmt, einen Schauspieler aufsucht, mit dem er sich einst verkracht hatte, eine alte Sucht (Schmerzmittel) durch Experimente mit einer neuen ersetzt (Heroin), wird der Film zu einem proustschen Erinnerungsprozess.

Almodóvar nutzt die Rauschzustände, um auf elegante Weise Orte, Zeiten, Personen zu verbinden, bis hin zu einer Begegnung des Regisseurs mit seiner einstigen großen Liebe Federico. Es ist eine Szene, in der das Wort Herzlichkeit zu seiner eigentlichen Bedeutung findet. Gemeinsam blicken die beiden Männer auf ihre tumultuöse Beziehung und ihr Leben zurück, und beim Abschied kommt es an der Tür zu dem alles erzählenden, so spontanen wie heftigen Kuss. Für einen Augenblick steht die Sehnsucht im Raum, die verschwundene Zeit mit einem erotischen Kurzschluss zu überwinden. Was natürlich nicht geht. Doch Salvador und Federico stellen zufrieden fest, dass sie offenbar immer noch attraktiv genug sind, beim jeweils anderen eine Erektion auszulösen.

"Alles, was ich bin, steckt in diesem Film", sagte Pedro Almodóvar in Cannes nach der Premiere des Films, während Tränen seine weißen Barthaare hinabperlten und der Applaus nicht enden wollte. Weshalb kann ein Film über einen einsamen Künstler in einer mit knalligen Farben durchdesignten Wohnung so berühren? Wohl weil Dolor y gloria von einer großen Wahrhaftigkeit getragen ist. Hinter Almodóvars erzählerischer Perfektion spürt man auch eine große Verletzlichkeit. Es ist die Verwundbarkeit, ohne die künstlerische Ehrlichkeit nicht zu haben ist. Vielleicht wird Pedro Almodóvar, der zum sechsten Mal am Wettbewerb des Festival de Cannes teilnimmt, diesmal die Goldene Palme mit nach Madrid nehmen und in ein Regal seiner womöglich nicht weniger durchdesignten Wohnung stellen.

Was kann ein Kuss nicht alles erzählen? "Ich habe es nur für die Überwachungskameras getan", sagt die Femme fatale in Corneliu Porumboius Thriller La Gomera zu dem Polizisten, den sie lange und leidenschaftlich auf der Straße geküsst hat, um den Verdacht der Korruptionsermittler zu zerstreuen. Hier scheint jedes Kamerabild von einer weiteren, versteckten Kamera überwacht zu werden. Alles ist verwanzt, verkabelt, angezapft, Figuren werden zu Schauspielern ihres Lebens. Aber die Wahrheit des ersten Kusses überlebt alle Einstellungen dieses Films, in dem (fast) jeder jedem etwas vorspielt.

In Le jeune Ahmed, dem neuen Film der Brüder Dardenne, gibt es eine Szene, in der man so gerne an die verwandelnde Kraft eines Märchenkusses glauben würde: Der halbwüchsige Islamist und Straftäter Ahmed wird zur Rehabilitation auf einen landwirtschaftlichen Betrieb geschickt. Die Teenie-Tochter des Bauern beginnt einen Flirt. Und dann ist da ihr Kuss im Rübenfeld. Eine kleine Überrumpelung. Eine mit den Lippen gestellte Frage. Ein Test, ob unter der Verstocktheit des Jungen doch eine Körperlichkeit zu erspüren ist.

Küsst man im 18. Jahrhundert anders als in der Moderne? Und wie lieben sich zwei Frauen, für deren Intimität es kein Vorbild, keine Semantik, keine Codierung gibt? In dem wunderbar unkostümiert wirkenden Kostümfilm Portrait de la jeune fille en feu ("Porträt eines entflammten Mädchens") – er spielt um 1770 auf einer bretonischen Insel – findet das Begehren zweier junger Frauen seine eigenen unbeschrittenen Wege. Der Auftrag der einen (Noémie Merlant) besteht darin, ein Bild der anderen (Adèle Haenel) anzufertigen, das zu einem Brautbewerber geschickt werden soll. Die junge Aristokratin Héloïse würde sich der Heirat am liebsten verweigern, und so wird die Malerin ihr als Begleiterin für Spaziergänge vorgestellt. Mit Mariannes anatomisch interessierten Augen betrachten wir Héloïses Profil, ihre Ohren, die Härchen auf ihrem Nacken, ihre vom Wind zerzausten Haare, ihre stolzen Züge. Der Film der französischen Regisseurin Céline Sciamma macht uns zu Komplizinnen dieses Blickes, der nicht damit rechnet, erwidert zu werden. Der Sex muss gar nicht gezeigt werden, das steinerne kalte Anwesen scheint sowieso unter der Anziehungskraft der beiden Frauen zu erbeben.

Sciamma untersucht die Konventionen, die ihre Heldinnen umgeben – und die der Malerei jener Epoche. Ein wahrhaftiges Bild von Héloïse kann Marianne erst malen, wenn sie imstande ist, die Form zu durchbrechen und auch sich selbst, ihr Empfinden mit auf die Leinwand zu bringen. Selten hat ein Film den Akt der künstlerischen Repräsentation so klug, so zart, so ergreifend befragt. Und irgendwann wünschen wir nur noch eines: dass dieses Porträt nie abgeschickt werden möge.