Ich komme so gerne hier in die Kirche, auch wenn ich das Glaubensbekenntnis nicht mitsprechen kann. Beruhigend, dass andere es können." Es ist einer der Kommentare am Ausgang des Gottesdienstes, zusammengeknüllt wie ein Zettel, achtlos in die Tasche geschoben und am späten Abend auseinandergefaltet. Jetzt entfaltet auch der Satz seine Tragweite.

Von Bekenntnissen ist allenthalben die Rede. Jede Firma, jede Schule, jede Behörde, die etwas auf sich hält, wirbt mit einem "Mission Statement". Haltung soll sowieso jeder und jede zeigen: "Wofür stehst du?" ist die Leitfrage für zentrales Selbstmanagement. "Bekenne dich!", empfehlen Lebenscoaches und Frauenzeitschriften. Stellung nehmen, sich outen, bekennen – genug der Indifferenz und der feinen Meinungslosigkeit. Position beziehen ist eine Art Volkssport geworden.

In den Auseinandersetzungen um die Zukunft der Kirchen und des westlichen Christentums in einer Zeit vorhersehbarer Entkirchlichungsprozesse spielt der Verweis auf das Glaubensbekenntnis, also auf das, was das Christentum ausmacht, nur ein Schattendasein. Viel ist in diesen Tagen landauf, landab darüber zu lesen, wie die Kirchen ihren Relevanzverlust zumindest ermäßigen können. Das Kirchenschiff, dieser rostige Tanker, soll schneller und beweglicher werden, die Musik vielfältiger, die Kabinen schicker und individueller, für jeden Geschmack soll etwas dabei sein. Längst betreiben auch die Medien sowie selbst ernannte oder eilig gerufene Kirchenberater das Geschäft der Renovierung, als läge die Kirche auf dem Trockendock, eingezwängt in lauter Erneuerungsgerüste. Für manche Kommentatoren ist dieses Schiff auch die zweite "Titanic". Sie betreiben ungeniert ihr Angstlustgeschäft. Auch in den Kirchen kommt manchmal Untergangsstimmung auf. Forcierter Tatendrang ist da bisweilen ein gutes Ablenkungsmanöver, während die Sehnsucht steigt, einfach mal aufs offene Meer zu sehen.

Seltsam wenig ist von Bekenntnissen die Rede, jedenfalls nicht von Glaubensbekenntnissen. Bekenntnisse zum demokratisch verfassten Rechtsstaat oder zur schonungslosen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt werden gefordert und öffentlich goutiert, Bekenntnisse zu Europa und zu mehr Klimagerechtigkeit. Gut so, denn die Kirchen haben durchaus innere Quellen für diese Position. Doch sind diese Perspektiven immer abgeleitet. Sie erwachsen aus den Grundüberzeugungen des christlichen Glaubens. In Bekenntnissen haben sie sich verfestigt, auf Bierdeckelgröße oder Twitterlänge zusammengefasste Grundpositionen. In der Geschichte hat der Streit um das rechte Bekenntnis zu Bürgerkriegen, zu Flucht und Vertreibung geführt, zu Rissen in Familien, die bis weit ins 20. Jahrhundert reichten. Eine Konfession zu haben war nicht nur eine Überzeugung, sondern auch eine Kampfansage.

Die Bekenntnisse aus dem 4. oder aus dem 16. Jahrhundert, aber auch die Barmer Theologische Erklärung, die in vielen evangelischen Landeskirchen den Rang eines Bekenntnisses hat, war Gegenstand tiefster Verwerfungen, erhitzter Debatten und Positionsbestimmungen, die ein ganzes Leben andauern konnten.

Heute wirken diese Bekenntnisse wie versteinert, eingedampfte Dogmatiken aus längst vergangener Zeit. Das Herzblut ist getrocknet. Vielleicht hat der erbitterte Streit um jedes "und" an falscher Stelle die Skepsis gegenüber Bekenntnissen insgesamt wachsen lassen. Das wäre ein interessanter Einspruch in die bekenntnisversessene Gegenwart. Vielleicht ist es auch naheliegender, diffus über "das Christliche" zu reden. Sich mit theologischen Sätzen wenigstens für eine Zeit festzulegen ist riskant und nicht ohne Widerspruch zu haben. Im Gottesdienst verbindet das Glaubensbekenntnis die weltumspannende Christenheit. Aber was genau bedeuten die fremden alten Worte? Und wie kann jemand, der heute eine Sehnsucht nach mehr Leben hat, sie mit Sinn erfüllen?

Über Inhaltsleere schimpfen gerne die, die sich in "Früher, als alles besser war"-Sentimenten eingerichtet haben. Aber die Versteinerung des christlichen Bekenntnisses zu rätselhaften Aussagen kann durch das Blankputzen ihrer Oberfläche nicht aufgeweicht werden. Im Gegenteil. Die Auseinandersetzung mit dem, was Christinnen und Christen bekennen, ist die Herausforderung für die in Sprachnot geratene christliche Religion. Diese Aufgabe ist nicht nur etwas für Theologie-Nerds, Kirchenrechtlerinnen oder Archivare der Konfessionen. In dem Maße, wie sich die konfessionellen Grenzen im Alltag verflüssigen, und zwar bei Gläubigen wie bei nicht ganz so Gläubigen, braucht es neue Arbeit am Sinn der alten Worte. Wenn sich in ihnen nicht nur alte, sondern auch gegenwärtige religiöse Erfahrungen christlich erschließen, wie können sie bedeutsam werden? Vielleicht ist die Betonung des individuellen Glaubens, rhetorisch auch noch als Wagnis, als Bekehrung, als Lebenswende zugespitzt, nicht nur die Stärke, sondern auch die heimliche Last des Christentums.

Zum Judentum gehört, wer eine jüdische Mutter hat, individuelle Glaubenszustände oder Unglaubensanfälle sind in diese Form der Zugehörigkeit integriert. Trotzdem spielt die Einübung ins Judentum eine große Rolle. In der Diaspora-Religion ist die Weitergabe der Rituale und Geschichten eine Frage des Überlebens. Dass die Traditionen sich in der Weitergabe immer weiterentwickeln, ist selbstverständlich und gleichzeitig Gegenstand eines veritablen Dauerstreits, der bis an die Sabbat-Tische reicht.