Jetzt, da je nach politischer Couleur Fassungslosigkeit oder Schadenfreude über das Video allmählich verfliegen und sich alles auf die Diskussion darüber konzentriert, wer es inszeniert und was das für politische Folgen haben könnte, bleibt eine große Frage mit einem kleinen Modalverb übrig: Darf man das?

Darf man ein solches Video aufnehmen, darf man es journalistisch ausschlachten? Darf man mit der rechtspopulistischen FPÖ überhaupt koalieren? Und darf man all das zum tragenden Thema der Europawahl machen?

Das Video zeigt einen Abgrund. Einen Stoff für eine Politsatire von Helmut Dietl, wenn er denn noch lebte – und selbst der hätte die eine oder andere Szene vermutlich nicht verfilmt, weil er sie als zu grotesk angesehen hätte.

Paradoxerweise verkörpert der zurückgetretene Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache darin ausgerechnet all das, was Populisten wie er und seine Wähler den Politikern der verachteten "Altparteien" so gern in krudesten Zerrbildern unterstellen: Skrupellosigkeit, persönliche Gier, das Fehlen jeder moralischen Leitplanke (von Patriotismus ganz zu schweigen). Und da ist Strache unter Europas Rechten alles andere als ein Einzelfall. Das ist das zusätzliche Unglück des weltweit erstarkten Populismus, dass unter seinen Anhängern Millionen Menschen sind, die sich vernachlässigt fühlen und mit manchen Anliegen auch die Schwächen der Etablierten bloßlegen, jedoch am Ende – man verzeihe den Ausdruck, aber er passt zum Video – eine einzige Volksverarschung erleben.

Diese Wahrheit tut weh, und sie wird geradezu lehrbuchartig abgewehrt. Da heißt es zum Beispiel nicht nur in den sozialen Medien, jeder andere Politiker wäre auch darauf reingefallen. Oder: Das Video sei unanständig, nicht etwa wegen des gefährlichen Deliriums von Strache und seinem Helfer Gudenus, sondern wegen der billigen Verführungsmasche, hinter der wer weiß welche finsteren Mächte stünden.

Tatsächlich ist die heimliche Aufzeichnung von Ton und Bildern nach deutschem Recht in der Regel verboten. Aber es ist in Deutschland durch mehrere Urteile von Bundesgerichten ausdrücklich gestattet, solches Material nach gründlicher Prüfung zu publizieren, wenn es ein öffentliches Interesse gibt, also einen Erkenntniswert, der schwerer wiegt als das Persönlichkeitsrecht der Aufgenommenen.

Eine ganz andere Frage ist, ob Sebastian Kurz und seine ÖVP erst dieses Video brauchten, um zu verstehen, auf wen sie sich da in einer Regierungskoalition eingelassen hatten. Sicher nicht. Aber es ist auch wohlfeil, in der Regierungsbeteiligung der FPÖ den alleinigen Grund dafür zu sehen, dass sie so groß geworden ist. Die Wähler in Österreich hatten ja gerade von der rot-schwarzen Regierung die Nase voll. Vermutlich wäre die FPÖ bei einer Neuauflage der 2017 gerade abgewählten großen Koalition – und sei es nur in Form einer Tolerierung der ÖVP durch die Sozialdemokraten – inzwischen noch stärker als jetzt.

Zu den Widersprüchen populistischer Zustimmung zählt übrigens auch, dass die Wähler von Salvini, Trump oder eben Strache diese nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Fauxpas und Skandale feiern. Die verbalen Ausfälle seien eine authentische Sprache, die Skandale Erfindung feindlicher Kräfte oder – wie bei Berlusconis Bunga-Bunga-Partys – nur ein fleischgewordener Männertraum. Zumindest in Österreich und zumindest für die FPÖ dürfte nun allerdings jede Regierungsbeteiligung auf Bundesebene erst einmal ausgeschlossen sein.

Verständlich, dass im Europawahlkampf die etablierten Parteien jetzt noch stärker auf das Argument "die oder wir" fokussieren, die EU also als Bollwerk gegen den Rechtspopulismus preisen. Aber das wird vermutlich nicht reichen, um ihn auf dem eigenen Kontinent einzudämmen. Dies liegt leider auch an diesem Wahlkampf, der vor dem Strache-Video kaum wahrnehmbar war und da, wo er sichtbar wurde – etwa auf Plakaten oder in Wahlspots –, von einer Unterforderung zeugte, die für jeden halbwegs intelligenten Menschen an Beleidigung grenzte. Es nützt nicht viel, wenn man für Europa ist, aber nicht ausführt, wie dieses Europa dann aussehen soll. Konkreter zu sagen, welchen Projekten, möglicherweise auch Zumutungen sich die EU stellen muss, dafür ist es in diesem Wahlkampf zu spät. Aber die Aufgabe bleibt, und ein Wahlkampfgeschenk aus Ibiza kommt kein zweites Mal.