Wer seine Fotos von früher betrachtet, staunt oft über die Weichheit der eigenen Züge, die Unbeschriebenheit von Stirn, Wange und Kinn. Als wären die Knochen noch nicht ganz ausgehärtet, als hätte man sein Gesicht – aller jugendlichen Verwirrtheit zum Trotz – wie eine Einladung durch die Welt getragen: Zeig mir, wer ich bin! Etwa so verhält es sich, wenn man Hilary Hahns erste Aufnahme der Bach-Partiten und -Sonaten für Violine solo von 1996 neben ihre aktuelle hält, von 2018. Das Traumwandlerisch-Wissende von einst ist dem Wissen selbst gewichen, dem Wissen ums Nichtwissen vor allem; die Kühnheit des himmelsstürmerischen Debüts einer damals 16-Jährigen hat einer glänzenden internationalen Karriere Platz gemacht.

Ist das für Bach jetzt gut oder schlecht?

Geblieben ist die Gedankentiefe, mit der Hahn Bachs Musik erfüllt, und die entwaffnende Mühelosigkeit, mit der sie technisch nach dem Vertracktesten greift: nach den schwebenden Gerüsten seiner Tanzsätze, nach der Arithmetik seiner Fugen irgendwo zwischen Seelenlaut, Weltgesetz und Etüde. Selbstverständlicher kann diese Musik kaum klingen. Und geblieben ist auch Hahns Art, die man für unterkühlt halten könnte oder intellektuell oder beides, besonders wenn man die Geigerin im Konzert erlebt: Gerader als ihr Rücken ist keiner, ernster keine Miene. Mit Verve verbittet sie sich jedes musikalische Pathos, ihre Auf- und Abtritte dulden nicht die kleinste Geste just for show. Diese Künstlerin liebt die Kontrolle, weil sie ihr Freiheit gewährt. Alles bei ihr geht von einer konzentrischen Kraft aus.

Ein zugiger Spätnachmittag Ende Januar, wir sitzen in einem Restaurant in der Hamburger HafenCity, Hilary Hahn ist erkältet. Am Abend zuvor hat sie in der Elbphilharmonie Prokofjews Erstes Violinkonzert gespielt, ein Werk zwischen den Zeiten und Stilen, jetzt probt sie dort zwei Tage lang für die posthume Uraufführung der Two Serenades for Violin and Orchestra von Einojuhani Rautavaara Mitte Februar in Paris. Wir sprechen über die Akustik der "Elphi", über was sonst (die findet sie okay), über den Dirigenten Lorin Maazel, der ihr in den Neunzigerjahren den Weg nach Europa ebnete, über David Zinman, ihren musikalischen Mentor "hinter den Kulissen" – und übers Karrieremachen. Sie habe nie Dinge getan, nur weil sie "wichtig" gewesen seien, betont die Amerikanerin, "es musste sich für mich richtig anfühlen". Hahn weiß genau, was sie will, und wenn sie es nicht bekommt, wartet sie eben ein bisschen. "Manchmal bleibt man sich als Künstlerin treu, indem man sich untreu wird." Hilfreiche Dialektik.

"Wo immer ich Bach spiele, verändert sich der Raum. Bei Bach werden alle ganz still"

Zur Dialektik gehört, dass Hilary Hahn auch auf Instagram sehr erfolgreich ist. Vielleicht ist die ach so Strenge, Pflichtversessene am Ende gar nicht so pflichtversessen und streng? Oder noch viel pflichtversessener? Längst hat die klassische Musik die sozialen Medien für sich entdeckt. Die einen feiern Twitter, Facebook, Instagram und Co., als wären es die letzten Enterhaken im Kampf um den Kontakt zur Wirklichkeit; andere lassen Agenturen, Plattenfirmen oder Algorithmen die Arbeit tun. Hilary Hahn macht alles selbst. Sie filmt, fotografiert und postet, und zwar einfach so, "just for fun". Mit ihrem Instagram-Account @violincase verfolge sie keine Strategie, beteuert sie, weder gehe es ihr um ein hippes Marketing noch darum, die viel beklagten Schwellen der Hochkultur zu senken. Eigentlich habe sie nur nach einer Plattform für Dinge gesucht, die nirgends vorkämen: flauschige Wollknäuel (sie strickt!), die Hornhaut auf den Fingerkuppen ihrer linken Hand, Hunde, Katzen, Herbstlaub, Begegnungen mit Fans. Nichts Auffälliges. Und warum Instagram? Prompte Antwort: Um möglichst wenig schreiben zu müssen. Im Gegensatz zu Bildern und Tönen schürten Worte schneller Missverständnisse. Ist sie sich da sicher? Verschmitztes Achselzucken: "My story is not your story." Anders gesagt: Es liegt bei den Nutzern, was Hilarys Wollknäuel oder Hornhäute ihnen bedeuten.

Mit 166.000 Followern liegt @violincase im guten mittleren Segment der klassischen Musik (zum Vergleich: @anna_netrebko_yusi_tiago, der Familienaccount der Star-Sopranistin, hat derzeit 460.000 regelmäßige Besucher, @langlangpiano 278.000). Zu verdanken ist dies einem Coup, den Hilary Hahn mit einer Art Übe-Tagebuch landete: 100 Tage lang konnte man die Geigerin unter dem Hashtag #100daysofpractice beim Üben beobachten, in Hotelzimmern mit und ohne Aussicht, in rumpeligen Garderoben, windzerzaust auf einem Balkon, ja selbst im Flugzeug (angeschnallt natürlich). Oktaven, Tonleitern, Läufe, Doppelgriffe, Bogentechnik, wieder und wieder. Manches klingt richtig schief und schräg, wie bei Laien auch. "Ich hätte nie gedacht, dass sich so viele Leute dafür interessieren", sagt Hahn. Sie habe nur ihre Arbeit zeigen wollen, das, was im Leben einer Profi-Musikerin abseits des Rampenlichts geschieht, im sprichwörtlichen Kämmerlein. Das, was sie und Millionen andere Musiker ganz mit sich allein abmachen müssten.

Mittlerweile geht #100daysofpractise in die zweite oder dritte Runde. "Had breakfast. Went swimming. Practised Bach", verrät Hilarys Post vom vergangenen Sonntag. Mit wiegendem Oberkörper und noch langsamer als auf der CD, die Noten förmlich sezierend, die eigene Physis auslotend, tastet sie sich an das Andante aus der Sonate Nr. 2 in a-Moll BWV 1003 heran. Und während man am Rechner zwischen den beiden Tonspuren hin und her klickt, zwischen Track 15 des Albums und "Day 16" des Tagebuchs, ertappt man sich dabei, wie einen das Intime, Ungeschützte mehr fesselt als das Resultat, die Ware. Zur Veröffentlichung bestimmte Tagebücher mögen mit Vorsicht zu genießen sein. Aber das heißt nicht, dass sie per se frisiert wären, Fake. Auch in Clara Schumanns Ehetagebuch standen wahre Dinge. Und für Hilary gilt: Wo Instagram-Millionäre an der humanoiden Oberfläche ihrer selbst feilen, wirkt sie authentisch. Vielleicht muss man Amerikanerin sein, um die Balance zwischen Nähe und Distanz, Zudringlichkeit und Rühr-mich-nicht-an so perfekt austarieren zu können.

Funktioniert eine Karriere heute noch ohne Social Media? Die Geigerin sagt es nicht direkt, die virtuelle Dauerbespaßung des Publikums aber sieht sie kritisch. "Es ist immer noch meine persönliche Entscheidung, ob ich mich in sozialen Netzwerken bewege oder nicht. Es gibt kein Muss! Mein Muss ist die Musik, ihr allein fühle ich mich verpflichtet." Zwei Drittel ihres aktiven Repertoires habe sie sich im Alter von 10 bis 16 Jahren erarbeitet, erzählt sie, davon zehre sie. Gerade für Jugendliche gebe es heute viel mehr Ablenkung. Aber Hilary Hahn wäre nicht Hilary Hahn und also sehr verbindlich, ja diplomatisch, wenn sie nicht auch die Vorteile benennen würde. "Früher warst du als junge Künstlerin abhängig von einzelnen Leuten, die du getroffen hast oder eben nicht." Und die einen protegierten oder nicht. Durch die Vielfalt der medialen Präsenz lasse sich heute nicht nur die Aufmerksamkeit zerstreuen, sondern auch der Einfluss, die Macht der wenigen. Das findet sie positiv.