Frage: Schwester Philippa, Sie leben ganz unter Frauen in einem Benediktinerinnenkloster. Von Ihrer Kirche fordern Sie, Frauen und Männer gleichzubehandeln. Sind Sie eine katholische Feministin?

Philippa Rath: Ich bin sicher eine emanzipierte Ordensfrau mit einem gesunden Selbstbewusstsein. Der Begriff "Feministin" ist mir zu schillernd.

Frage: Weil man als Feministin in der katholischen Kirche als Querulantin gelten könnte?

Rath: Vielleicht würden einige so denken, das kann ich nicht beurteilen. Allen recht machen kann man es sicher nie.

Frage: In der letzten Woche haben Tausende Katholikinnen unter dem Motto "Maria 2.0" ihre Ehrenämter niedergelegt, weil die Männer in der katholischen Kirche alle Entscheidungen unter sich treffen. Was halten Sie davon?

Rath: Diese Initiative ist mutig und notwendig. Ich glaube, da entsteht eine große Bewegung. Aber die wird es auch brauchen, um ein Bewusstsein für die Ungleichbehandlung der Frauen zu schaffen und Veränderungen anzustoßen.

Frage: Warum äußert sich der Unmut vieler Frauen erst jetzt?

Rath: Das frage ich mich manchmal auch. Irgendwann neigt sich die Geduld wohl dem Ende zu. Ich merke, dass viele Frauen nicht mehr bereit sind, die Benachteiligung weiter unwidersprochen hinzunehmen. Sie warten schon zu lange auf substanzielle Veränderungen.

Frage: Sie sind eine Vertreterin der Kampagne "overcomingsilence", einer Bewegung für Geschlechtergleichheit in der katholischen Kirche. Was unterscheidet Sie von "Maria 2.0"?

Rath: Wir haben dasselbe Anliegen, aber wir arbeiten auf internationaler Ebene. Wir möchten, dass das Wissen der Frauen, ihre Spiritualität und Leitungskompetenz gleichberechtigt an der Gestaltung und Leitung der Kirche beteiligt werden. Es ist längst an der Zeit, dass Frauen mehr Mitverantwortung erhalten und dass endlich Geschlechtergerechtigkeit entsteht. Es gibt 1,3 Milliarden Katholiken auf der Welt, die Hälfte davon sind Frauen. Sie sind in den Leitungsfunktionen und Entscheidungsgremien aber weit unterrepräsentiert. Das möchten wir ändern.

Frage: Als junge Frau mit Anfang 30 sind Sie in ein Kloster gezogen. Heute steckt die Kirche in einer großen Krise. Hat sich Ihr Blick auf Kirche über die Jahre verändert?

Rath: Ich liebe diese Kirche, aber ich leide auch an ihr. Vielleicht gehört das zusammen.

Frage: Warum entscheidet sich eine junge Frau, in einen Orden einzutreten?

Rath: Ich bin in einer katholischen Familie aufgewachsen, da gehörte das religiöse Leben einfach dazu. Wie das aber so ist, entfernt man sich in der Jugend auch zeitweise davon. Aber ich bin immer wieder zurückgekommen. Irgendwann habe ich einen Ruf Gottes gehört und wollte ihm folgen. Die theoretische Auseinandersetzung mit dem Glauben war mir nicht mehr genug. Ich wollte ihn leben, ganz konkret und radikal. Und das nicht alleine, sondern in einer lebendigen Gemeinschaft. Ich habe es nie bereut.

Frage: Hatte die Kirche damals etwa nicht den Ruf, ein Männerverein zu sein?

Rath: Diesen Ruf hatte sie damals leider auch schon. Aber in einer benediktinischen Frauengemeinschaft hat man mit der "Männerkirche" nicht so viel zu tun, außer dass ein Priester da ist, der die heilige Messe feiert. Wir sind ein selbstständiges Kloster. Die Äbtissin leitet die Gemeinschaft, und auch die anderen Leitungsfunktionen sind ausschließlich mit Mitschwestern besetzt. Eine Schlüsselerfahrung in Sachen "Männerkirche" war für mich in Rom bei der Kirchenlehrererhebung unserer Klostergründerin, der heiligen Hildegard von Bingen. Wir Schwestern hatten damals einen Großteil der wissenschaftlichen Gutachten geschrieben. Der Petersplatz war voll. Viele Kardinäle, Bischöfe und Priester saßen rechts und links des Altars. Unsere Äbtissin, die Nachfolgerin der heiligen Hildegard, hatte man hinter all den männlichen Würdenträgern platziert. Da ist mir das Problem der "Männerkirche" mit einem Mal wieder ganz schmerzlich bewusst geworden.