Von Frank Drieschner

Wenn Europa wählt, dann verständigen sich die Bewohner eines christlich geprägten Kontinents über Art und Ausmaß ihrer gemeinsamen Ziele und Vorhaben. Es läge nahe, im Christentum eine Quelle von Gemeinsamkeiten zu vermuten, schon ein Blick auf die Geschichte spricht dagegen: Die EU entstand als Ansatz zur Überwindung von Konflikten, bei denen die Kirchen wenig zur Verständigung beigetragen haben. Wer weiter zurückgeht, stößt auf nationale Grenzen, die in innerchristlichen Glaubenskriegen oder zumindest in religiös unterlegten militärischen Auseinandersetzungen entstanden sind.

Von links wird die EU beschrieben als Projekt zur Überwindung dieser Grenzen. Und wenn dieses Projekt nun von rechts herausgefordert wird, dann geht es um die Verteidigung oder Rekonstruktion nationaler Identitäten, an deren Entstehung die jeweiligen nationalen Kirchen oft Anteil hatten.

In einigen Fragen, in denen die EU gespalten ist, finden sich auf beiden Seiten der Konfliktlinien Kirchenvertreter wieder: Im Streit um die Zuwanderung, um die Anerkennung homosexueller Partnerschaften, um die Abtreibung. Von einer einigenden Kraft des Christentums kann in diesen Konflikten kaum die Rede sein. Eher sind es christliche Strömungen, die sich einen Kulturkampf liefern: Hier ein universalistisches, kosmopolitisch argumentierendes Kirchentagschristentum, gelegentlich im Bündnis mit dem Reformkatholizismus, dort nationalkonservative und religiös orthodoxe staatsnahe Kirchen.

Kürzlich hat die Bertelsmann Stiftung darauf hingewiesen, dass der typische europäische Wähler seiner politischen Vorlieben weniger sicher sei als seiner Abneigung: Er schwankt in der Partei seiner Wahl, weiß aber genau, wessen Erfolg er auf jeden Fall verhindern will. Der Schaden des politischen Gegners ersetzt im Zweifel das Programm: "Grün ärgern, blau wählen", im Wahlkampf formuliert die AfD das ganz offen. Umgekehrt ist die Warnung vor dem rechten Populismus inzwischen das zentrale Motiv im Wahlkampf der Linken und einer ansonsten recht heterogenen politischen Mitte geworden. Womöglich lässt sich sogar diese Art der politischen Feindseligkeit auch als Konflikt unter Christen begreifen. Wenn deutsche Theologen um die Vereinbarkeit von Kirchenämtern und AfD-Mitgliedschaft streiten, dann geht es ihnen um Ansichten, die unter griechischen Orthodoxen und polnischen Katholiken verbreitet sein dürften. Und wenn polnische Konservative vor einer Welt der Schwulenfreunde, Radfahrer und Vegetarier warnen, dann zielen sie nicht nur auf ein politisch liberales Ökolager, sondern auch auf Teile der westeuropäischen Kirchen, die es unterstützen und mittragen.

Ein halbwegs respektvolles Nebeneinander – mehr können Europas Christen für ihr Verhältnis zueinander kaum erhoffen. Zur Europawahl zeichnen die Mitarbeiter und Korrespondenten von Christ&Welt eine Landkarte der meisten Länder im christlichen Europa. Wie geht es welcher Kirche, wer streitet mit wem worüber – ein kleiner Überblick.

Belgien

Von Franziska Broich/kna

Belgien streitet und die Kirche streitet mit: Wenn das ein Ausdruck gesunder Verhältnisse ist, dann ist die katholische Welt in Belgien wenigstens halbwegs in Ordnung, auch wenn die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen der Kirche nicht immer gefallen: Da ist die Sterbehilfe, die 2002 legalisiert wurde, die Zahl der Fälle nimmt seither stetig zu. Da ist der Umgang mit Flüchtlingen: Die Politik der Regierung ist restriktiv, während die Kirche und ihre Organisationen Verfolgte unterstützen. 2016 wurde der verpflichtende Religionsunterricht im französischsprachigen Teil des Landes reduziert. Nach der Parlamentswahl, die in Belgien mit der EU-Wahl zusammenfällt, befürchtet die Kirche weitere Einschnitte und appellierte an die Politik, es dazu nicht kommen zu lassen.

Das weitaus heikelste Thema der Kirche haben sie in Belgien nach Ansicht vieler Beobachter vorbildlich gelöst: Nach einem größeren Skandal um sexuellen Missbrauch vor neun Jahren haben die Institutionen der katholischen Kirche inzwischen mehr als viereinhalb Millionen Euro Entschädigung an Opfer gezahlt. Nichts, worauf die Kirche sonderlich stolz sein könnte. Aber besser als in vielen anderen Ländern.

Griechenland

Von Rodothea Seralidou

Die christliche Orthodoxie ist in Griechenland die "vorherrschende Glaubensrichtung", das ist nicht nur so, sondern es muss auch so sein, Artikel 3 der Verfassung verlangt es. Das enge Verhältnis von Kirche und Staat hat historische Wurzeln: Schon der Freiheitskampf im 19. Jahrhundert gegen die muslimischen Osmanen wurde im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit geführt.

Womöglich brechen nun aber neue Zeiten an. Die linke Syriza-Regierung unter Ministerpräsident Alexis Tsipras will die religiöse Neutralität des griechischen Staates in der Verfassung verankern. Rund 10.000 orthodoxe Priester sollen ihren Beamtenstatus verlieren, aus Sicht der Regierung sind Lehrer und Krankenhauspersonal wichtiger. Zudem sollen unzählige Immobilien, um deren Besitz Kirche und Staat streiten, privatisiert werden können. Der Athener Erzbischof hat diesem Plan zwar zugestimmt, das oberste Gremium der orthodoxen Kirche aber, die Bischofskonferenz, läuft dagegen Sturm. Inzwischen zeichnet sich ein Kompromiss ab – und eine Alternative: Spätestens im Oktober wird in Griechenland gewählt. Gewinnt die konservative Nea Dimokratia, bleibt alles, wie es ist.