Italien

Von Julius Müller-Meiningen

Matteo Salvini, der italienische Innenminister von der rechtspopulistischen Lega Nord, entschied sich zum Abschluss des EU-Wahlkampfs am Wochenende in Mailand zu einer eindeutigen Geste: Er zog einen Rosenkranz aus der Tasche und küsste ihn. Normalerweise stellt Salvini seine Religiosität nicht zur Schau, nun aber erinnerte er sich offenbar daran, dass drei von vier Italienern katholisch getauft sind. Schon lange umwirbt die Lega katholische Wähler, die seit dem Zusammenbruch der Christdemokratie in den Neunzigerjahren keine politische Heimat mehr haben. Klerus und Regierung stehen einander als Antipoden gegenüber: Die Geister scheiden sich vor allem in der Flüchtlingsfrage. In Mailand griff Salvini sogar den Papst persönlich für dessen humanitäre Appelle in der Flüchtlingspolitik an. Einflussreiche katholische Organisationen wie Sant’Egidio engagieren sich in der Flüchtlingshilfe. "Vade retro Salvini" titelte die katholische Zeitschrift "Famiglia Cristiana", als Salvini beschloss, keine Migranten mehr an Land zu lassen. Vade retro, weiche zurück – das ist die mittelalterliche Formel der Teufelsaustreibung. Bislang macht Salvini keine Anstalten, diesen Wunsch zu erfüllen.

Polen

Von Frank Drieschner

Es gibt ein liberales Polen, und es gibt auch in Polen einen modernen, reformorientierten Katholizismus. Dieser Umstand gerät oft in Vergessenheit, weil beide so schwach sind.

Nirgendwo sonst sind eine Regierung und eine nationale Kirche so eng verflochten wie Rechtspopulisten und Katholizismus in Polen. Die PIS-Partei von Präsident Jarosław Kaczyński hat ihre eigene Theologie entwickelt, die im Wesentlichen darin besteht zu erklären, warum das Gebot der Nächstenliebe vorwiegend Angehörige der eigenen Nation meint. Kirchenvertreter wiederum warnen vor homosexuellen antipolnischen Verschwörungen im Gewand des westlichen Liberalismus.

Gerade weil Regierung und Kirche so eng verbunden sind, geraten sie nun zusammen in die Kritik. Den Skandal um den Missbrauch hat die Kirche ausgesessen, ein neuer Kinofilm zum Thema aber wühlt das Land auf.

"Hände weg von unseren Kindern!" – das war einmal der Slogan einer Kampagne gegen das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. Kurz vor der EU-Wahl kehrt er sich nun gegen die Kirche und damit auch gegen die Kaczyński-Partei.

Frankreich

Von Franziska Broich/kna

Die katholische Kirche auf dem Rückzug: Immer weniger Franzosen besuchen die Gottesdienste, die Einnahmen aus Spenden brechen ein, der Missbrauchsskandal treibt die Entfremdung voran. Im März wurde der Lyoner Kardinal Barbarin wegen Vertuschung verurteilt, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Zugleich bemüht sich die Regierung, die Religionsgemeinschaften in die öffentliche Debatte einzubeziehen. Regelmäßig trifft Präsident Macron Vertreter der Christen, Muslime, Juden und Buddhisten. Der einstmals mächtige Klerus – ein Ansprechpartner neben anderen. In Macrons großer nationaler Debatte, mit der er auf den Protest der Gelbwesten-Bewegung reagierte, trat die Kirche als Vermittlerin auf. Sie rief ihre Mitglieder zur Teilnahme an Diskussionsveranstaltungen auf und bot ihre Räume an.

Vor der Europawahl haben die Bischöfe politisch Stellung bezogen: Sie erinnerten an die historischen Errungenschaften der EU und riefen zur Wahlteilnahme auf; indirekt lässt sich das als Plädoyer gegen Marine Le Pens rechtsextreme und EU-feindliche Partei Rassemblement National deuten.

Österreich

Von Joachim Riedl

In der Osterwoche horchte das Land auf. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, der immer sehr bedächtig seine Worte wählt, hielt der Regierung eine Strafpredigt. Die Sozial- und Migrationspolitik der rechtskonservativen Koalition spalte die Gesellschaft, sei hartherzig und unchristlich. Der deutliche Ton war neu, die Haltung dahinter war es nicht. Immer wieder war der Kardinal für eine Politik eingetreten, die sich mit christlichen Werten vereinbaren lässt.

Inzwischen sind die Kirchen, sowohl die dominierenden Katholiken als auch die kleinen Protestanten, das soziale Gewissen des Landes. Wenn wieder einmal Sozialhilfesätze gekürzt oder Asylgesetze verschärft werden, springen oft Caritas und Diakonie ein. Schon darum versuchte der jüngst entlassene rechtspopulistische Innenminister sie zurückzudrängen.

Bis in die Kanzlerpartei ÖVP reicht dieser Konflikt. Dass nach dem Ibiza-Video die Regierung so rasch platzte, ist auch auf den Druck jener ÖVP-Politiker zurückzuführen, für die christliche Werte und die katholische Soziallehre noch immer im Vordergrund stehen.