Irland

Von Sebastian Borger

Der Brexit überschattet die Wahl in Irland – immerhin droht dem Land eine Zollgrenze zum nördlichen Teil der Insel, schon jetzt nehmen die ethnisch-religiösen Spannungen zu. Angesichts der "möglicherweise tiefen und weitreichenden Auswirkungen" des britischen EU-Austritts sei die Teilnahme an der Wahl "selten so wichtig gewesen" wie diesmal, heißt es in einer Stellungnahme der katholischen Bischofskonferenz. "Wir sollten die historischen und bedeutenden Leistungen der EU nicht vergessen", mahnen die Bischöfe. Deren größte sei die Erhaltung des Friedens in Europa.

In Irland wird außerdem über eine Verfassungsänderung zur Ehescheidung abgestimmt, deren Verbot erst 1995 aufgehoben wurde. Die Befürworter wollen die Neuverheiratung Geschiedener erleichtern, die Kirche lehnt die Änderung ab. "Der Zweck des Referendums ist nicht die Unterstützung von Ehen, sondern die Liberalisierung der Scheidungsgesetze", erklärte der Beauftragte für Ehe und Familie der Bischofskonferenz. Vor vier Jahren musste die Kirche im Streit um die Schwulenehe eine Niederlage hinnehmen, diesmal dürfte es ebenso ausgehen.

Niederlande

Von Kerstin Schweighöfer

Die Niederländer sehen sich als Land der Kaufmänner und Pfarrer, der koopmannen & dominees: Denkt der Kaufmann zu sehr ans Geld, mahnt der Pfarrer zur Nächstenliebe. Ein calvinistisches Bollwerk allerdings sind die Niederlande nicht mehr. Nur noch jeder Vierte ist Katholik, weniger als jeder Sechste ist Protestant, die Nicht-Religiösen stellen eine knappe Mehrheit.

Dennoch bleibt der Einfluss Calvins spürbar: Nirgendwo sonst gehen so viele Ehrenamtliche mit der Sammelbüchse für Rheumapatienten oder Waisenkinder von Tür zu Tür, nirgendwo sonst kommt für Erdbeben- oder Kriegsopfer so schnell so viel Geld zusammen.

Andere Veränderungen machen den Kirchen mehr zu schaffen. Nicht einverstanden sind sie mit der Liberalisierung der Sterbehilfe und der gleichgeschlechtliche Ehe. Aber es gibt auch Sonderregeln für Gläubige: Aus Sicht orthodoxer Calvinisten sind Krankheiten eine verdiente Strafe Gottes, vor der man sich nicht schützen dürfe. Sie können sich von der Krankenversicherungspflicht befreien lassen. Ihnen zuliebe wird auch die Europawahl vorgezogen: Am Tag des Herrn wird nicht gewählt.

Ungarn

Von Anna Frenyo

Viktor Orbán, der Rechtspopulist an der Spitze Ungarns, inszeniert sich gern als Retter des christlichen Europas. Seine eigene calvinistisch-reformierte Kirche hat er in dieser Frage hinter sich. Die Kirche ist klein, aber einflussreich, etwa jeder Achte in Ungarn gehört ihr an. Traditionell stützen die Calvinisten die Sakralisierung des Staates und die Nationalisierung der Kirche.

Die größte Kirche des Landes ist die katholische, der vier von zehn Ungarn angehören. Die evangelisch-lutherischen Christen sind eine kleine Minderheit.

Die restriktive Flüchtlingspolitik, die Kriminalisierung Obdachloser, die Hetzkampagne gegen den US-amerikanischen Großspender und Bürgerrechtler George Soros: All das ist unter Katholiken und evangelischen Protestanten umstritten.

Unter den katholischen Bischöfen gehen einige auf Distanz zu Orbán. Die Spitze der kleinen Evangelisch-Lutherischen Kirche hat sich öffentlich gegen die Regierung gestellt und wurde dafür bestraft. Die Kirche wurde aus einigen staatlichen Förderprojekten ausgeschlossen. Mit der größeren katholischen Kirche legt sich Orbán bislang nicht an.

Schweden

Von Per Ewert

Schweden ist wahrscheinlich das am stärksten weltlich und individualistisch geprägte Land der Welt. Vier von fünf Schweden beantworten die Frage, ob der Glauben in ihrem täglichen Leben eine Rolle spiele, mit Nein, ebenso viele schreiben den Religionen einen überwiegend negativen Effekt zu, deutlich mehr als in anderen westlichen Demokratien. Dies dürfte auf das beharrliche Bestreben insbesondere sozialdemokratischer Regierungen im vergangenen Jahrhundert zurückzuführen sein, das Christentum aus den Schulen und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens zu verdrängen. Zugleich gelang es der Partei, die ehemalige evangelisch-lutherische Staatskirche in eine Art politische Organisation umzuformen, die viele Ansichten der Regierung teilt.

Derzeit streitet das Land um das Recht Geistlicher, sich aus Gewissensgründen der kirchlichen Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare zu verweigern. Die Kirche gerät unter Druck, sich von innen heraus zu säkularisieren. Zugleich zeigt sich aber, dass die Kirchen sich wieder stärker an öffentlichen Debatten beteiligen und christliche Werte wieder mehr Zustimmung finden.