DIE ZEIT: Herr Lehne, glaubt man den Wahlkampfreden der EU-Kritiker, dann ist Brüssel ein korrupter Moloch, der Unmengen an Steuergeld verschleudert und seinen Beamten absurd hohe Gehälter zahlt. Wie viel ist dran an diesem Bild?

Klaus-Heiner Lehne: Nicht viel. Die EU ist nicht verschwenderischer oder korrupter als die Regierungen ihrer Mitgliedsstaaten, im Gegenteil.

ZEIT: Was macht Sie da so sicher?

Lehne: Wir prüfen seit 1994 jedes Jahr den Haushalt der EU, aktuell sind das 135 Milliarden Euro. Wir schauen uns mehr als tausend Transaktionen quer über den ganzen Haushalt an, etwa die Überweisungen für den Bau einer Brücke: Wurden alle Ausschreibungsregeln eingehalten? Wurden die richtigen Beträge überwiesen? Auf Basis dieser Stichprobe berechnen wir eine Fehlerquote. In den Neunzigerjahren war die Quote immer zweistellig. Heute liegt sie bei 2,4 Prozent. Der Trend geht eindeutig runter.

ZEIT: Woran liegt das?

Lehne: In den Neunzigerjahren gab es in Brüssel mehrere Korruptionsskandale, das waren die schlimmen Zeiten. Ein paar engagierte Parlamentarier und Beamte haben damals gesagt: Das geht so nicht weiter, die Kontrollen müssen besser werden. Die Kommission musste zurücktreten, danach wurden die Daumenschrauben massiv angezogen. Die EU-Beamten bekamen eine neue Haushaltsordnung, neue Disziplinarverfahren – und eine Betrugsbekämpfungsbehörde. Die wurde mit Rechten ausgestattet, die weit über die von Staatsanwaltschaften und nationalen Polizeibehörden hinausgehen. Ihre Mitarbeiter brauchen keinen richterlichen Beschluss, die gehen einfach in ein Büro, durchsuchen und beschlagnahmen alles. Die gesamte Kontrollkulisse wurde massiv verschärft.

ZEIT: Trotzdem wird immer noch Geld verprasst. Letztes Jahr hat der Haushaltskontrollausschuss des EU-Parlaments die Spesenabrechnungen einiger Abgeordneter durchleuchtet. Sie hatten Hunderte Flaschen Champagner abgerechnet, dazu Abendessen in Höhe von bis zu 400 Euro pro Person. Die Vorsitzende des Ausschusses sagte damals, es sei "bestürzend zu sehen, was man mit Steuergeldern alles machen kann".

Lehne: Ja, das waren die Abgeordneten der ENF-Fraktion, die Rechten. Auch die unterliegen einem Kontrollsystem, und der Fall zeigt, dass es anschlägt: Erst muss die Fraktion eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft beauftragen. Dann gibt es einen internen Prüfer des Parlaments. Und schließlich uns. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass wir mal auf so etwas gestoßen sind. Das ist nicht üblich.

ZEIT: Bevor Sie 2014 zum Rechnungshof nach Luxemburg kamen, waren Sie 20 Jahre lang Europa-Abgeordneter für die CDU. Wie war das damals?

Lehne: Ich glaube, dass sich in dieser Zeit viel verändert hat. Als ich 2001 mal an einer Sitzung der Wirtschafts- und Finanzminister teilgenommen habe, saßen mittags die Damen und Herren Minister und Staatssekretäre zusammen, mit dicker Havanna-Zigarre und einem ordentlichen Glas Cognac auf dem Tisch. Wenn Sie heute in so eine Sitzung gehen, ist das völlig anders. Da gibt es Wasser, da gibt es Kaffee, da raucht keiner. Früher war es gang und gäbe, dass eine Flasche Rotwein für 60 Euro auf dem Tisch stand, dass man sich als Abgeordneter zum Essen hat einladen lassen. Heute müssen Sie bei jeder Tasse Kaffee aufpassen. Wenn ich zu einer Dienstreise nach Polen fahre und der polnische Rechnungshof lädt mich ein, dann werden die Kosten für das Essen von meinem Tagegeld abgezogen. Die sogenannten guten alten Zeiten sind glücklicherweise vorbei.

ZEIT: Die Gehälter in der EU sind nach wie vor üppig. Sie zum Beispiel verdienen etwa so viel wie die Bundeskanzlerin. Bei allem Respekt für Ihre Arbeit: Finden Sie das verhältnismäßig?

Lehne: Über die Gehälter, auch meines, entscheidet der Gesetzgeber. Ich halte es im internationalen Vergleich für verhältnismäßig. Die private Wirtschaft zahlt oft deutlich mehr, und man braucht in Brüssel qualifizierte Leute, die viel reisen, die mehrere Verwaltungsmethodiken und Sprachen beherrschen. Da muss man ein bisschen mehr Geld auf den Tisch legen.