Von Evelyn Finger

Wir verdanken den Weltreligionen einige schöne Maximen des Miteinanders. Die vielleicht schönste und bleibend aktuelle ist die Warnung vor der Sünde unmäßiger Wut. Ein jüdischer Lehrer namens Jesus ben Sirach hat es dem Alten Testament zufolge so gesagt: "Ungerechter Zorn kann nicht Recht behalten, wütender Zorn bringt zu Fall." Im Neuen Testament lautet die Weisung des Paulus: "Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit." Und bei dem Propheten Mohamed heißt es bündig: "Der stärkste Ringkämpfer ist der, der seine Wut besiegt."

Schade, dass in den Religionsdebatten dieser Tage auch einige Repräsentanten des Glaubens solche Mühe haben, ihren Zorn zu mäßigen. "Menschenverachtend" nannte soeben ein großer deutscher Islamverband den Vorschlag der CDU-Politikerin Annette Widmann-Mauz, ein Kopftuchverbot für Kinder an Grundschulen zu prüfen. "Einzelne sogenannte Volksvertreter" würden die Grundrechte der Muslime immer wieder missachten, schimpfte Mahmood Khalilzadeh, Vorsitzender der Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands. Weiter hieß es in der Erklärung seines Verbandes, Politiker würden "aus Profilierungssucht islamfeindliche Stimmungen aufwiegeln".

Wirklich? Was war geschehen? Letzten Mittwoch hatte in Österreich das Parlament ein umstrittenes Kopftuchverbot für Grundschülerinnen verabschiedet. Kurz darauf sprach auch die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sich gegen das Tragen von Kopftüchern in deutschen Kindergärten und an Grundschulen aus: Dies habe "mit Religionsfreiheit nichts zu tun". Doch, widersprach die Bundesjustizministerin Katarina Barley von der SPD und wendete sich gegen ein Verbot. Die Kultusministerkonferenz pflichtete ihr bei. Die Integrationsbeauftragte Widmann-Mauz wiederum forderte, "Maßnahmen" gegen das Kopftuch bei kleinen Mädchen zu prüfen, "vom Elterngespräch bis zum Verbot". Außerdem nannte sie das Kinderkopftuch "absurd", was leider nicht staatstragend war. Aber war es auch "menschenverachtend"?

Man würde Herrn Khalilzadeh gern fragen, ob es eine Nummer kleiner geht. Aber dann schaut man sich im Lande um und gibt sich selbst die Antwort: Nein. Es ist nämlich seit einiger Zeit Mode geworden, den Islam gegen Kritik zu immunisieren, indem man seine Kritiker ächtet: als islamfeindlich, rassistisch, religionsfeindlich, diskriminierend, rechts und was man sonst an K.-o.-Wörtern entsichern kann. Und wenn einem gar nichts mehr einfällt, dann halt menschenverachtend.

Die Wortwahl ist wütend und die Wut verständlich in Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus, der immer unverfrorener gegen Migranten hetzt und am liebsten gegen Muslime. In einem eigentlich freien Land, wo aber Moscheen überfallen und Frauen mit Kopftuch angefeindet werden. Trotzdem ist Kritik am Kopftuch, auch scharfe, noch keine Diskriminierung. Religion ist nicht sakrosankt, und Religionskritik ist nicht das Gegenteil von Religionsfreiheit, sondern ihre natürliche Begleiterscheinung – ja, die Kritik hat die Freiheit erst mit ermöglicht. Jeden Kopftuchkritiker in heiligem Zorn zu verketzern, so wie neulich aus Anlass einer Tagung in Frankfurt am Main geschehen, ist deshalb ein Geschenk an die wahren Islamhasser.

Der Verband von Mahmood Khalilzadeh übrigens hat nicht nur Wutworte, sondern auch legitime Argumente gegen ein Verbot des Kopftuchs gefunden. Etwa: Verfassungswidrig sei es und gegen die weibliche Selbstbestimmung, Würde und Freiheit. Kann man so sehen, zumal das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2015 gegen ein pauschales Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen entschied. Muss man aber nicht so sehen.

Denn: Das Kopftuch ist ein höchst ambivalentes Symbol. Es steht heute für die freie Ausübung der Religion ebenso wie für den Zwang zum einzig wahren Glauben. Es zu verbieten würde daher ebenso viel Ärger machen, wie es vorbehaltlos zuzulassen. Viele, auch junge Frauen hierzulande, tragen es als ein selbstbewusstes Bekenntnis zum Islam. Das ändert nur nichts an der traurigen Tatsache, dass es zugleich das Zeichen einer Religionsgemeinschaft ist, die ein massives Fundamentalismusproblem hat. Wie massiv, dass zeigt sich auch an der Kritikunfähigkeit ihrer deutschen Verbände. Besser als ein Verbot wäre daher eine ergebnisoffene Debatte, die Kritik am Kopftuch nicht als rassistisch brandmarkt, aber das Kopftuch auch nicht rundheraus ablehnt oder gar verteufelt. Letzteres ist tatsächlich diskriminierend. Also bitte: Kopftuchstreit! Aber, im Sinne der Bibel und des Propheten, nicht wutentbrannt. Sondern fair.