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Wussten Sie, dass Deutschland in Sachen "Islamisch-Sein" viel weiter ist als die Türkei? Die Rede ist nicht von der Ausbreitung des Islams in Deutschland. Ich spreche von einem Leben gemäß den islamischen Lehren. Im Islam heißt es: Du sollst nicht stehlen, du sollst die Menschen achten, mit deinen Nachbarn gut auskommen, dein Brot mit Armen teilen. Wer hält sich nun stärker an diese Gebote: Deutschland oder die Türkei? Eine jüngst veröffentlichte Studie gab die Antwort auf diese Frage: Deutschland.

Seit 2010 publizieren Scheherazade S. Rehman und Hossein Askari von der George-Washington-Universität in der Hauptstadt der USA ihre Studie "Wie islamisch sind die islamischen Länder?". Die Studie misst, inwieweit Koranverse und die Überlieferung des Propheten Mohammed umgesetzt werden. Analysiert werden die Bereiche Wirtschaft, Rechtssystem, politische und Menschenrechte sowie internationale Beziehungen. Nicht bloß islamische Länder bewertet der Index nach diesen Kriterien, sondern alle Staaten.

Das letzte Woche im britischen Independent veröffentlichte Ergebnis ist schockierend: Auf der Liste der Staaten, in denen man sich am stärksten an die vom Islam vorgeschriebene Lebensweise hält, fand sich 2018 unter den ersten 40 kein einziges islamisches Land. Die Lehren des Korans werden also in nicht islamischen Ländern weit besser umgesetzt. Hier grassiert zwar Islamophobie, aber es herrscht eine Regierungsform, wie der Islam sie gebietet. Die islamischen Staaten hingegen halten sich nach wirtschaftlichen, legislativen, humanen und diplomatischen Kriterien nicht an die Vorgaben von Koran und Prophet.

Welche Länder leben nun besonders "islamisch"? Auf Platz eins steht Neuseeland, das Land, in dem vor zwei Monaten der Anschlag auf die beiden Moscheen stattfand. Es folgen Schweden, die Niederlande, Island, die Schweiz, Irland, Dänemark, Kanada, Österreich und Norwegen. Luxemburg steht an elfter, Deutschland an zwölfter Stelle.

Das erste islamische Land auf der Liste sind die Vereinigten Arabischen Emirate auf Platz 45. Es folgen Albanien, Malaysia und Katar. Und die Türkei? Steht an 95. Stelle. Noch hinter dem Senegal, Jordanien, Saudi-Arabien, Marokko und Tunesien. Bei den 40 Schlusslichtern handelt es sich mehrheitlich um Monarchien oder diktatorisch regierte Länder mit muslimischer Bevölkerung: Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan, Iran, Afghanistan, Libyen, Syrien, Sudan, Jemen.

Warum ist das so? Den Forschern zufolge liegt der Hauptgrund darin, dass in diesen Staaten der Islam als Element politischer Macht und Stütze repressiver Regime benutzt wird. Diese Länder werden von nicht gewählten Diktatoren regiert, Probleme werden mit Repression und Gewalt statt mit Dialog und Konsens gelöst, die Menschen sind dort vor dem Gesetz nicht gleich, und die Herrscher leben in Saus und Braus, während die Bevölkerungsmehrheit in Armut darbt. Befreien sie sich von den Diktatoren und werden demokratischer, steigen sie auf dem Index.

Die türkische Presse berichtete über die Studie mit der Schlagzeile "Beschämende Liste für die islamische Welt". Kommentatoren forderten Selbstkritik in den islamischen Ländern. Andere verwiesen auf Präsident Erdoğan, der trotz der alten Tradition "Tu Gutes, aber sprich nicht darüber" durch die Gegend läuft und symbolträchtig Häuser verschenkt und den Koran für politische Kampagnen instrumentalisiert, aber gleichzeitig ständig neue Paläste für sich errichten lässt, während das Land verarmt.

Vor 100 Jahren sagte der ägyptische Gelehrte türkischer Herkunft Mohammed Abduh: "Ich war im Westen und sah den Islam, aber keine Muslime; ich kehrte in den Osten zurück und sah Muslime, aber keinen Islam."

Wenn der Islam erneut mit Gerechtigkeit, Menschenrechten und seinem Ideal des fairen Teilens zusammengeführt wird, können die islamischen Länder über die Zivilisationslatte gehoben und die im Westen zunehmende Islamfeindlichkeit verhindert werden.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe