Die Kunst muss ihn retten – Seite 1

Drei Tomaten und ein Blattsalat sind zum Stillleben arrangiert. Von oben fällt Licht auf das silbrig glänzende Gemüse. Der Rest der Szene ist so dunkel, dass sie aus einem Genrebild des 17. Jahrhunderts stammen könnte. Doch der britische Künstler Mat Collishaw hat das Motiv 2011 fotografiert, es heißt The Last Meal on Death Row, Texas (Chester Wicker) und gehört zu seiner Serie, für die Henkersmahlzeiten von Häftlingen in Todeszellen nachgestellt wurden.

Man kann das bizarr finden. Oder man staunt über diese letzten, mitunter vegetarischen Wünsche und die Ähnlichkeit zwischen ihrem Essen und den historischen Gemälden: Jedes Detail hier vom verwelkenden Obst bis zum halb leeren Glas sollte den Betrachter an die Vergänglichkeit der eigenen Existenz erinnern.

Dem Unternehmer Thomas Rusche gefiel die Fotografie derart gut, dass er sie für sich erwarb. Genau wie 4.000 weitere Werke zeitgenössischer Künstler. Im Durchschnitt fast fünf Käufe wöchentlich waren das in den vergangenen 15 Jahren, und man muss schon etwas besessen sein, um sich derart schnell eine beachtliche Kunstsammlung zuzulegen. Rusche hat sie an zwei Standorten gezeigt, Interessierte lud er zu öffentlichen Talks in seine Berliner Wohnung, und er hängte Arbeiten in die eigene Firma Sør im westfälischen Oelde, die für gediegene Herrenkleidung steht.

Dass er die ganze Kunst nun wieder versteigern lässt und sich auch noch von jenen 225 holländischen und flämischen Gemälden trennt, die tatsächlich aus dem 17. Jahrhundert stammen und teils vier Generationen lang im Besitz der Familie waren, ging wie ein Lauffeuer durch den Kunstmarkt. Denn Rusche galt bislang nicht als "Art-Flipper" – als jemand, der mit Kunst bloß spekuliert.

Doch Rusche muss verkaufen. Die Firma, die sein Vater in den Fünfzigerjahren als Geschäftskette gründete, braucht dringend Investitionen. Der klassische stationäre Handel wird ohne seine digitale Erweiterung kaum überleben. Für Thomas Rusche ist das die "größte Herausforderung in meinem Leben als Manager". Er spricht von einem "permanenten Liquiditätsbedarf" in den kommenden Jahren. Seine Kunst soll nun mit dafür sorgen, dass Sør auch in Zukunft flüssig sein wird. Dabei lässt sich bislang gar nicht abschätzen, wie viel sie überhaupt einbringt.

Die Altmeister wurden nach London ins Auktionshaus Sotheby’s eingeliefert. Eine erste Versteigerung hat Anfang Mai stattgefunden, mit teils glänzenden Ergebnissen. So kletterte das Bild Jugendliche Musikanten mit tanzendem Zwerg, das Jan Miense Molenaer um 1630 malte, von geschätzten 40.000 bis 60.000 auf 137.500 Pfund. Immerhin 20.000 Pfund war einem Bieter die Szenerie einer Scheune von Herman Saftleven aus derselben Zeit wert.

Für Collishaws Fotografie werden Ende Mai nur 600 Euro aufgerufen. Sie kommt bei Van Ham in Köln unter den Hammer. Zehnmal so viel sollen Aquarelle der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas kosten, die auf der Documenta in Kassel und 1995 auf der Biennale von Venedig vertreten war. Beim figurativen Maler Martin Eder, Jahrgang 1968, spannt sich der Bogen zwischen 700 und 20.000 Euro. Der Leipziger Maler Erich Kissing, der mit 70 Jahren auf ein reifes Lebenswerk und zahllose Ausstellungen zurückblickt, kommt mit einem kleinen Gemälde von 1966 dagegen auf gerade einmal 300 Euro. Ähnlich tief setzt Van Ham bei Zofia Kulik an, obwohl die 1947 Geborene als Künstlerin der polnischen Avantgarde gilt und das Gegenstück ihrer großen, schwarz-weißen Fotografie The Splendour of Myself (Mother, Daughter, Partner) während der Documenta VII im Rembrandt-Saal der Gemäldegalerie in Kassel hing. Rusche mag nicht konkret werden, doch er hat einiges mehr für Kuliks Arbeit in der Galerie bezahlt, die die Künstlerin vertritt.

"Ich wollte mit der Kunst leben"

Fragt man Markus Eisenbeis vom Auktionshaus Van Ham nach dem Grund für die niedrigen Schätzpreise, begründet er dies mit Unterschieden im Primär- und Sekundärmarkt: "Die Preise zwischen Galerie und Auktionsmarkt fallen häufig auseinander." Und natürlich sind niedrige Schätzpreise auch ein Lockmittel für Sammler, die sich während der Auktion wahre Bieterschlachten liefern. Dann kann das Ergebnis wie zuvor bei Sotheby’s auf das Doppelte oder mehr steigen.

Im Fall der Sammlung Rusche, in der die jüngsten Künstler gerade einmal Ende 30 sind, liegt die Sache allerdings noch einmal anders. "Viele von ihnen waren überhaupt noch nie auf einer Auktion vertreten", erklärt Eisenbeis. Die Konsequenz: Es gibt keine Vergleichspreise für die Versteigerung. Das Haus muss sie nun setzen.

Van Ham hat vorsichtig taxiert. Mit Luft nach oben und oft nicht einmal in der Nähe der ursprünglichen Einkaufssumme. Für Rusche war es unwichtig, was auf dem Markt gefragt ist. Seine Kriterien sind an den Qualitäten der Altmeister in Familienbesitz geschult: Der Sammler denkt in Kategorien wie Schönheit, handwerkliches Können und Innovationskraft. Auch die Größe der Arbeiten war wichtig. Rusche bevorzugt das kleine Format: "Ich wollte mit der Kunst leben und sie nicht kaufen, damit sie anschließend im Depot landet."

Den Markt interessieren solche Überlegungen nicht. Dennoch, versichert Eisenbeis, sei das Interesse an der Auktion schon jetzt enorm. Vor allem wegen Namen wie Neo Rauch, der mit sieben Gemälden und einer Skulptur vertreten ist. Das teuerste Werk Pendel aus dem Jahr 2009 ist auf 70.000 bis 100.000 Euro taxiert. Ähnlich begeistert hat Rusche die juvenilen Porträts des Berliner Malers Norbert Bisky in ihrer toxischen Farbgebung gesammelt, die nun für 30.000 bis 50.000 Euro angeboten werden. Eine verspiegelte Uhr von Alicja Kwade, die man ticken hört, ohne die Zeit zu sehen, kommt auf 3000 bis 5000 Euro. Mit einer unteren Schätzung von 20.000 Euro steigen Bieter ein, wenn sie eines der beiden kleinen Hochformate von George Condo mit den typisch verzerrten Fratzen besitzen wollen: Condo ist in den vergangenen Jahren teuer geworden. Gar keinen Marktpreis hat dagegen Thilo Baumgärtel, 1972 in Leipzig geboren. Seine Gemälde von 2008, Lesben-WG und Samstag mit einer Schlange von Partygängern, die vor einem Club auf Einlass warten, werden mit jeweils 1.500 Euro aufgerufen.

Van Ham hat den Preis für Baumgärtels Arbeiten ermittelt. Nun wird sich zeigen, wie viel sie den Sammlern wert sind.

Auktion Van Ham (Köln), Vorbesichtigung: 24.–27. 5., Versteigerung: 29. 5. 2019