Vor mittlerweile 27 Jahren wurde die Schauspielerin Pamela Anderson als Rettungsschwimmerin in der Fernsehserie "Baywatch" berühmt (zu Höchstzeiten weltweit 1,1 Milliarden Zuschauer pro Folge). Bis heute hält sie den Playmate-Rekord: 14 Mal posierte sie hüllenlos auf dem "Playboy"-Cover, und das "Guinness Buch" führte sie vier Jahre lang als "meisterwähnte Frau im Internet". Vor zehn Jahren dann löste ein Paparazzi-Foto ein ganz neues Interesse an ihr aus. Zu sehen war sie, wie sie sich auf einem Holzsteg in Malibu sonnte und dabei das Buch "Unmarketable" der Kulturkritikerin Anne Elizabeth Moore las. Moore untersucht darin die Versuche großer Firmen, den Underground zu kommerzialisieren. Anderson, die viele bis dahin als Gesicht einer unkritischen Unterhaltungsindustrie sahen, las also das Buch einer feministischen Punkerin. Vor zwei Jahren hörte man dann, dass Anderson sich nicht mehr nur für die Rechte von Tieren einsetzt, sondern auch für den damals in der ecuadorianischen Botschaft in London festsitzenden WikiLeaks-Gründer Julian Assange, den sie regelmäßig besuchte. Seither häufen sich ihre politischen Interventionen: So kritisiert sie mit Rückgriff auf Herbert Marcuse Polizeigewalt in Frankreich, wo sie seit Jahren lebt, und ergreift Partei für Flüchtlinge und gegen Rechtspopulisten. Die ersten Anfragen für ein ZEIT-Interview versandeten vor Monaten noch im Nichts der PR-Agenturen, doch nun ergab sich plötzlich eine Möglichkeit für ein Interview via Textnachricht und Videotelefonie. Denn Pamela Anderson, mancher mag es kaum glauben, mischt im Europa-Wahlkampf mit. Auch in Deutschland ist sie auf den Plakaten einer neuen Partei zu sehen: DiEM25.

DIE ZEIT: Sie wurden berühmt als Playmate und Baywatch-Schauspielerin. Nun zitieren Sie in Interviews und bei Podiumsdiskussionen Denker wie den Kulturanthropologen Philippe Bourgois. Wann haben Sie angefangen, linke Theorien zu lesen?

Pamela Anderson: Das empfinde ich geradezu als beleidigende Frage. Ich lese schon seit Kindertagen. Ich hatte immer ein Buch in der Hand, meine Eltern sind auch große Leser. Es ist ein Teil meines Lebens. Zu meiner Schulzeit habe ich mich mit psychologischer Literatur beschäftigt, habe Märchen interpretiert. Ich musste gar nicht erst anfangen, linke Theorie zu lesen, um herauszufinden, dass etwas grundlegend falsch ist am Kapitalismus. Ich habe das während meines verrückten Lebens gelernt. Es gibt eine direkte Verbindung zwischen dem Schlachten von Tieren und dem Klimawandel. Es ist alles miteinander verbunden. Und das gegenwärtige, Kapitalismus genannte System schafft noch mehr Leid und Ungerechtigkeit für die Menschen, die Tiere und den Planeten.

ZEIT: Was haben Sie zuletzt gelesen?

Anderson: Das Buch von Yanis Varoufakis, in dem er seiner Tochter die Wirtschaft erklärt. Es ist ein fantastisches Buch, das die Zusammenhänge zwischen der Finanzwirtschaft und dem Klimawandel aufzeigt. Ich habe es auch meinen Söhnen geschenkt.

ZEIT: Sie sind eine kanadische Schauspielerin, machen jetzt aber zur Europawahl Werbung in Deutschland für DiEM25, die Partei von Yanis Varoufakis und dem kroatischen Philosophen Srećko Horvat. Wie kam es dazu?

Anderson: Das ist echter Internationalismus. Ein Kleinstadtmädchen aus Kanada lebte den sogenannten American Dream, bis sie nach Südfrankreich floh auf der Suche nach Vernunft und möglicherweise nach Liebe – wenn es die noch gibt –, um jetzt, ja, Wahlkampf in Deutschland und ganz Europa zu machen. Die Welt ist klein. Und es geht um ein weltweites Anliegen: den Klimawandel, der keine Ländergrenzen kennt. Deutschland muss hier Anführer sein. DiEM25 ist die einzige Partei, die einen Green New Deal anbietet, der Deutschland zu einem Anführer des grünen Wandels machen würde. Nicht nur, indem Deutschland selbst zu hundert Prozent auf saubere Energie umstellt, sondern auch durch massive Investitionen in ganz Europa. So könnte die schädliche Kluft zwischen Deutschland und dem Süden Europas geschlossen werden. Das Problem sind nicht die Flüchtlinge, das Problem ist der Klimawandel. Laut den jüngsten Umfragen begreifen die Deutschen das auch. Und deshalb könnte Deutschland einen historischen Wandel einleiten.

ZEIT: Sie kritisieren die gegenwärtige Politik in Europa. Was ist das Problem?

Anderson: Es ist der Mangel an Integration. Der Mangel an Solidarität. Der Mangel an grünen Investitionen. Der Mangel an Visionen. Ich glaube an ein Europa, das auch einmal ein Traum war. Und das heute noch immer ein Traum für viele Menschen ist, die hierher flüchten. Vielleicht sind sie die Einzigen, die noch an diesen Traum glauben. Und DiEM25.

ZEIT: Wofür genau machen Sie da Wahlkampf?

Anderson: Ich werbe für einen Green New Deal und für Menschen, die nicht nur an Ämter wollen, um Old-School-Politik zu machen. Es ist sexy und bereitet Spaß. Und es gibt Deutschland und Europa ein wenig Hoffnung zurück.

ZEIT: Sie kritisieren auch den Aufstieg der Rechten, zitieren Umberto Ecos Theorie eines Ur-Faschismus, um den Erfolg von Matteo Salvini zu erklären.

Anderson: Es ist nicht nur Salvini. Es ist Trump. Es ist Bolsonaro. Überall auf der Welt kann man den gefährlichen Rutsch in den Faschismus, oder wie auch immer Sie das nennen wollen, beobachten. Den Hass gegen die Ausländer. Die Misogynie. Die neuen Mauern. Wenn ich Steve Bannon beim Wahlkampf in Europa sehe, muss ich Europa fragen: Habt ihr gesehen, wie das in den Vereinigten Staaten oder mit dem Brexit ausging?

ZEIT: In Ihrer Wahlheimat Frankreich unterstützen Sie die Bewegung der Gelbwesten. Warum?

Anderson: Weil nicht wieder die Armen für die Fehler des Establishments zahlen sollen. Es gibt so viel Reichtum auf der Welt, verteilt ihn endlich gerecht!

ZEIT: Was unterscheidet Ihr Engagement von der Wohltätigkeitsarbeit anderer Hollywood-Berühmtheiten?

Anderson: Ich mache nicht einfach nur Charity. Wie viele Hollywood-Celebrities haben Julian Assange verteidigt, den die Vereinigten Staaten in ein Guantánamo ähnelndes Gefängnis stecken oder sogar mit dem Tod bestrafen wollen? Wie viele andere Hollywood-Berühmtheiten sieht man auf Plakaten für die Europawahl in Deutschland? Keine. Ha! Es reicht nicht, einfach nur Geld für wohltätige Zwecke zu spenden. Ich gehe auf die Straße, und zwar wortwörtlich. Haben Sie mich nicht gesehen?