An den Hochschulen bedroht die politische Korrektheit linker Studenten die Redefreiheit. So heißt es. Doch die größte Gefahr kommt nicht aus dem Seminarraum.

War die Kopftuch-Konferenz eine Feierstunde zur Rede- und Meinungsfreiheit, bei der ein Angriff auf die Wissenschafts- und Meinungsfreiheit "komplett abgewehrt" wurde? So sah es die Ethnologin Susanne Schröter von der Frankfurter Goethe-Universität. Einige Tage zuvor hatte sie zur Konferenz unter dem Titel "Symbol der Würde oder der Unterdrückung?" Gäste geladen, die mit ihrer Position zu dem umstrittenen Kleidungsstück Beifall auch vom rechten Rand bekommen. Im Internet hatte sich Ärger entladen: Anonym forderte eine Gruppe, die Professorin abzusetzen und die Konferenz abzusagen. Stattdessen bekam Schröter Unterstützung von allen Seiten: Die Medien griffen das Thema auf, zur Konferenz erschien ein riesiges Publikum, die hessische Staatssekretärin für Soziales und Integration fand einleitend lobende Worte, und selbst der linke Asta stellte sich hinter Schröter.

Die Konferenz mit allem Drumherum war in der Tat eine mächtige Demonstration, wie geschlossen die Öffentlichkeit und die Frankfurter Universität hinter der Wissenschaftsfreiheit stehen. Es war aber auch eine Demonstration, für wie mächtig man deren Bedrohung hält. Und hier wird die Sache kompliziert. Furchtbar kompliziert, weil sich bei genauem Hinsehen zeigt, dass wir über die Rede- und Wissenschaftsfreiheit sinnvoll nicht mehr reden können, wenn wir die Rolle des Internets nicht durchdringen. Das Internet hat die Institution Hochschule grundlegend verändert. Einst ein geschlossener Raum des Wissens und der Forschung, ist sie zur entgrenzten Universität geworden, mit allen Turbulenzen, die damit einhergehen.

In Frankfurt begann der "Riesenärger" (Bild-Zeitung), als Susanne Schröter die Kopftuch-Konferenz in den sozialen Medien ankündigte. Dort bildete sich unter dem Hashtag "#SchroeterRaus!" das, was man gemeinhin einen "Shitstorm" nennt: ein paar Hundert Kommentare und Einträge auf Instagram, die Schröter harsch kritisierten und ihr "antimuslimischen Rassismus" vorwarfen. Die Professorin wandte sich daraufhin an die klassischen Medien, die die Story des "Rufmords" an einer Professorin groß herausbrachten. Schröter spekulierte, der Angriff komme aus dem linken, feministischen Milieu oder aber von islamistischen Kräften, vielleicht auch von beiden, in einer gemeinsamen Querfront. Sie sagte aber auch, dass sie letztlich nicht wisse, wer hinter der Aktion stehe, da sie im Schutze der Anonymität des Internets verlaufen sei.

An diesem Punkt hätte man vielleicht innehalten sollen, so bitter unberechtigte Anschuldigungen auch sind. Wenn nicht Schröter, dann die Medien. Denn hinter einem anonymen Shitstorm kann sich alles Mögliche verbergen. Waren es Studierende aus Frankfurt, wie es überall hieß? Vielleicht, man weiß es nicht. Waren es in der Mehrzahl überhaupt Menschen? Vielleicht, man weiß es nicht. Ein Shitstorm kann sich auch mithilfe von Bots, also computergesteuerten Programmen, zusammenbrauen. Und dank der Fortschritte auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz lässt sich selbst bei langen Texten von außen kaum unterscheiden, ob ein Mensch oder eine Maschine sie verfasst hat. Wer sollte aber auf dermaßen unlautere Weise einen Shitstorm fabrizieren? Man weiß es auch nicht. Wer zu spekulieren beginnt, dürfte so bald nicht haltmachen. In den USA hat der Mueller-Report ergeben, dass aus Russland gesteuerte nationalistische, aber auch islamische und linksidentitäre, postkolonialistische Facebook-Gruppen während des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes äußerst aktiv Debatten aufgeheizt haben. Man weiß auch, dass das Heer der russischen Hacker und Diskurssaboteure sich vor ausländischen Wahlen immer stark in den sozialen Medien engagiert, um gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen, warum nicht auch vor der EU-Wahl? (ZEIT Nr. 21/19) Oder haben deutsche Rechtsnationalisten, demselben Kalkül folgend, am Shitstorm mitgewirkt? Das alles müsste man erörtern – oder über den Vorgang schweigen, bis mehr Informationen zur Verfügung stehen.

Für den Konferenztag in Frankfurt wurden, wieder anonym, Proteste angekündigt. Es kamen: viele Polizisten, viele Journalisten – sowie ein halbes Dutzend Frauen mit Kopftuch und ein Student aus Marburg. Was die Frage erlaubt: Ging von diesen Leuten wirklich eine Gefahr für die Rede- und Wissenschaftsfreiheit aus? Und ist so eine kleine Truppe überhaupt ein relevanter Gegenstand medialer Berichterstattung?

Die Gruppe erklärte später, links und emanzipatorisch eingestellt zu sein; die in der Presse geknüpfte Verbindung zu Islamisten wiesen sie empört zurück. Sie folgen der postkolonialistischen Theorie in ihrer Einschätzung, Opfer eines westlichen Imperialismus zu sein, der sich heute vor allem kulturell, etwa mit Kopftuchverboten, statt geografisch-expansionistisch artikuliere. Noch vor wenigen Jahren gab es diese Leute an den deutschen Universitäten nicht. Kommilitonen waren, was ihre Herkunft betraf, eine homogene Truppe. Heute geht es pluralistischer, diverser zu.

Die Redefreiheit ist davon erst mal genauso wenig bedroht, wie sie es durch den pluralistischen Schub war, als Ende des 19. Jahrhunderts Frauen in die Seminare strömten und allein durch ihre Anwesenheit die Freiheit des Herrenwitzes in diesen Räumen schmälerten. Es setzt also an den Unis ein Aushandlungsprozess des Sprechens ein, der auf grundsätzlich berechtigte Sensibilität Rücksicht nehmen muss. Die ganz sicher auch mal in Überempfindlichkeit kippt, gerade dort, wo reale Leiderfahrungen mit Rassismus dahinterstehen.

Allerdings kann sich diese Überempfindlichkeit zu einem politischen Fanatismus verhärten, wie dies in den USA hier und da geschieht. Das Phänomen ist ein Produkt komplexer Wechselwirkungen. Auf der rechten Seite lässt sich seit den Achtzigerjahren mit dem Ende der Fairness-Doktrin, der Entstehung des erzkonservativen Talk-Radios, dem Aufstieg von Fox News und der abgekoppelten rechten Internetsphäre eine radikale Enthemmung politischer Kommunikation beobachten. Im linken Hochschulmilieu lässt sich eine ebenso radikale Unduldsamkeit allem gegenüber feststellen, was einer rechten Enthemmung auch nur im Entferntesten ähnlich sieht.

In den USA fürchten manche Professoren zu Recht, ihre Karriere zu beschädigen, sollten sie sich nicht politisch korrekt äußern. Diese Furcht sorgt nun auch in Deutschland für Unruhe. Doch ist Furcht ein guter Ratgeber? Wenn der Deutsche Hochschulverband in einer Resolution warnt, die Debattenkultur sei in Gefahr, weil "einige Akteure das strikte Einhalten von 'Political Correctness'" einfordern, macht er diese "Akteure" vielleicht größer, als sie sind. Womöglich wäre es aber der bessere Weg, sie mit der berühmten Formel von Karl Kraus "nicht einmal zu ignorieren". Böse gesagt: Vier, fünf Spinner finden sich immer. Da hilft es nur, cool zu bleiben, auch wenn diese Leute im Internet herumhampeln – wie es in Berlin der Fall gewesen ist, als 2015 ein Internet-Blog ein halbes Jahr lang krude und harsch die Vorlesungen des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler kommentierte. Jede Form von Aufmerksamkeit und Skandalisierung droht hingegen jene Dynamik der amerikanischen Gruppenpolarisierung in Gang zu setzen, die man doch vermeiden will.

Zumindest auf liberaler Seite. Denn die nationalistischen und autoritären Bewegungen haben an den Spaltungs- und Polarisierungsprozessen ein immenses Interesse. Wenig kommt etwa der AfD, Ukip oder dem Front National gelegener als der Anschein, dass die liberalen Demokratien überfordert sind und ihre freiheitlichen Grundprinzipien zerbröseln, etwa durch "politische Korrektheit", die am rechten Rand als eine neue Form von Totalitarismus beschrieben wird. In der Debatte um die Online-Proteste gegen Schröter fragte ein Autor des Magazins Cicero entsprechend suggestiv, "wie faschistisch die Antifa" sei. Rechtsnationalisten nutzen derweil jede Gelegenheit, sich als Vorkämpfer der Redefreiheit darzustellen. Die Resolution des Hochschulverbands kam ihnen höchst gelegen.

Vor diesem Hintergrund muss man den Fall in Siegen betrachten. Dort hatte der Philosophie-Professor Dieter Schönecker eine Reihe von Vortragenden in ein Seminar über Meinungsfreiheit geladen, die sich entweder dem rechten Rand zuordnen lassen oder dort hoch geschätzt werden. Einige linksliberale Professoren, die Schönecker ebenfalls zum Seminar bitten wollte, winkten ab; Studierende erregten sich; die Uni-Leitung distanzierte sich.