Das "Wir" wird vereinnahmt. Alle sprechen davon, reklamieren es für sich, kommentieren seinen Untergang und beschwören seine Wiederauferstehung. Das "Wir" steht hinter parteiübergreifenden Appellen zum sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft. Was aber ist das "Wir"? Unsere Daten zeigen: Das "Wir" steht für die Familie und die Freunde, es ist ein eng umrissenes "Wir". Es äußert sich nicht in einem größeren Engagement für die Gesellschaft oder in mehr Interesse für Politik, es steht nicht für ein aktiv gelebtes, bürgerschaftliches "Wir".

Für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft reicht dieses "Wir" nicht aus. Zu klein ist die Familie, zu klein der Freundeskreis. Es sind Bande unter Menschen, die sich von Geburt an oder durch engen, alltäglichen Kontakt sehr ähnlich sind. Ähnlich in ihrer regionalen, kulturellen und politischen Herkunft, ähnlich in Bildung, Einkommen und Vermögen, ähnlich auch in ihrem Zugang zur Welt.

Für fast 80 Prozent der Menschen in Deutschland ist es persönlich sehr wichtig, ein "Wir"-Gefühl zu haben, aber nur knapp 25 Prozent glauben, dass dies auch für ihre Mitmenschen wichtig ist. Sie selbst haben das "Wir", die anderen Menschen in Deutschland dagegen nicht, so denken sie. Der Unterschied zwischen der Bewertung eigener Einstellungen und der Einstellung anderer ist riesig. Und so groß wie bei kaum einem anderen gesellschaftlichen Thema. Man sieht eine Distanz zwischen Menschen, die sich nicht kennen. Es fehlt der Kitt, der sie zusammenhält.

Der Kitt hat einen Namen. Er heißt Vertrauen. Und reicht weiter als nur bis zu Freunden oder Bekannten. Nach dem britischen Soziologen Anthony Giddens heißt Vertrauen, den Akteuren, die man nicht kennt und über die man gar nicht oder nur wenig informiert ist, "Redlichkeit" oder "Zuneigung" zu unterstellen.

In der Vermächtnis-Studie sind wir diesem Vertrauen nachgegangen. Nur ein Viertel der Befragten zeigt ein hohes Vertrauen in die Mitmenschen, fast 40 Prozent ein geringes. Befragte mit hoher Bildung und gutem Einkommen vertrauen den anderen Menschen besonders häufig. Bildung und ein gutes Einkommen sichern also nicht nur die gesellschaftliche Teilhabe, sondern auch das allgemeine Vertrauen in die Mitmenschen. Menschen mit einem großen Vertrauen sehen sich eher als andere in Übereinstimmung mit den anderen.

Wie hängt das Vertrauen mit dem "Wir"-Gefühl zusammen? Wer großes Vertrauen in seine Mitmenschen hat, glaubt eher als andere, dass das "Wir" den anderen auch wichtig ist. Vertrauen schafft die Basis für ein "Wir", das nicht mit Abschottung von den anderen verbunden ist.

Großes oder geringeres Vertrauen macht sich in moralischen Urteilen über die Mitmenschen bemerkbar, etwa bei der Wichtigkeit von Gesundheit, von eigenen Kindern. Und nicht zuletzt bei der Frage nach der Wichtigkeit von Erwerbsarbeit, die wie kein anderer Bereich des Lebens für die Teilhabe in der Gesellschaft steht. So glauben Menschen, die großes Vertrauen haben, häufiger als andere, dass allen anderen die Erwerbstätigkeit auch so wichtig ist wie ihnen selbst. Das ist aufschlussreich zum Beispiel für die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen. Sie ist eben durch das Misstrauen gegenüber den anderen geprägt, so die Meinung der Skeptiker. Man selbst würde sicher auch mit Grundeinkommen arbeiten gehen. Aber die anderen? Wahrscheinlich nicht – jedenfalls sollte man es nicht darauf ankommen lassen, Geld ohne nachprüfbare Gegenleistung zu verteilen.