Es ist spät am Sonntagabend, als die AfD das Gefühl bekommt, die Macht in Sachsen sei schon zum Greifen nahe. Der AfD-Mann Tino Chrupalla sitzt in einem Wirtshaus in der Görlitzer Altstadt, vor ihm sein Laptop, um ihn herum Parteifreunde. Per Beamer wirft er die Europawahl-Ergebnisse an die Wand. Erst Görlitz: Jubel brandet auf, die AfD liegt vorn! Dann Vogtland: wieder Jubel! "Mach mal Nordsachsen!", ruft jemand, Chrupalla klickt auf Nordsachsen, und da wird gebrüllt vor Glück: "Huiiii!", rufen die AfD-Mitglieder. "Nordsachsen gehörte immer der CDU!", sagt einer.

Tino Chrupalla wird an diesem Abend noch erklären, dass die AfD die "neue Volkspartei" sei, und zwar "in ganz Sachsen". Er wird auch sagen: "Wer es sich mit den Sachsen einmal verdorben hat, hat es sich verdorben." Er meint damit die CDU.

Chrupalla, ein 44 Jahre alter Malermeister aus der Gegend um Görlitz, würde im Herbst gern Sachsens Ministerpräsident werden. An diesem Sonntag in Görlitz scheint es zum ersten Mal nicht mehr völlig undenkbar, dass ihm das doch irgendwann gelingen könnte. Bei der Europawahl ist die AfD in Sachsen stärkste Kraft geworden, in Brandenburg ebenfalls, in allen anderen ostdeutschen Bundesländern steht sie auf Platz zwei. Das ist, wenige Monate vor den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen, eine Ansage.

Seit dem vergangenen Sonntag ist die AfD im Osten nun mit Wucht verankert. Nicht nur bei der Europawahl lag sie weit vorn, auch bei den Kommunalwahlen hat sie in allen Ost-Ländern massenhaft Mandate errungen. In Görlitz ließ der AfD-Kandidat für das Oberbürgermeisteramt im ersten Wahlgang einen CDU-Bewerber und eine Grüne hinter sich; die Stichwahl findet in drei Wochen statt. In Cottbus ist die AfD als größte Fraktion ins Stadtparlament eingezogen. Im Brandenburger Spree-Neiße-Kreis hat sie die Kreistagswahl gewonnen, im thüringischen Gera die Stadtratswahl. Man könnte die Liste so fortsetzen.

Könnte es sein, dass es spätestens jetzt Zeit für ein paar Wahrheiten über den Stand des deutsch-deutschen Binnenverhältnisses ist?

Die eine lautet: Der Riss im Land ist politisch und kulturell immer noch da; allem Bemühen und Reden und Vermitteln zum Trotz. Die zweite Wahrheit: Die AfD wird im Osten nicht mehr verschwinden, jedenfalls nicht mittelfristig. Im Gegenteil: Was im Westen für viele Wähler die Grünen geworden sind, ist im Osten die AfD – eine Partei, die zu den Herausforderungen der Zeit zu passen scheint.

Man könnte auch sagen: Die Wut benötigt im Osten keine äußeren Anlässe mehr. Wenn Wut jedoch Normalität ist, kommt man dann überhaupt noch dagegen an?

Montagmorgen dieser Woche, sieben Uhr, Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer, 44, fährt in seinem Wagen von Dresden nach Berlin. Man hört durchs Telefon, wie angegriffen er sein muss, wie erschöpft. Fast trotzig sagt Kretschmer: "Ich bleibe bei meinem Kurs und meinem Politikstil." Aber die Sorge, dass ihm alles entgleitet – sie war kaum je größer.

Kretschmer ist selbst erst im Dezember 2017 ins Amt gekommen. Damals hatte es seinen Vorgänger davongespült, weil die AfD nach der Bundestagswahl stärkste Kraft in Sachsen geworden war. Kretschmer tut seither viel, um das Ruder herumzureißen. Er stellt sich jede Woche in irgendeinen Gasthof und beantwortet Bürgerfragen, er hört sich die Wut an. Gefühlt ist er in allen sächsischen Dörfern schon einmal gewesen.

Dass die AfD in Sachsen nun bei der Europawahl trotzdem 25,3 Prozent der Stimmen einsammelte, die CDU nur 23,0 – das ist ein schlechteres Zwischenresultat als in Kretschmers schlimmsten Träumen. Denn warum sollte es bei der Landtagswahl im Herbst anders werden? Kretschmer sagt, die Leute hätten hier über Europa abgestimmt. Und er hofft offenbar: Es ging nicht um mich! Es ging nicht um Sachsen! Nur: Wer sagt, dass es bei der Landtagswahl um ihn gehen wird?

Kretschmer steckt in einem strategischen Dilemma. Er will einerseits der AfD Wähler wegschnappen, andererseits aber auch Stimmen der Mitte erobern. Nicht wenige haben den Eindruck, dass er sich deswegen zu selten festlege, zu viel laviere. In der Klimadebatte will er Ökologie-Verfechter und Wutbürger versöhnen. Die Frage ist, ob beide Seiten überhaupt einen Versöhner wollen.