Die Geißel der Menschheit im 21. Jahrhundert heißt lebenslanges Lernen. Diesen Schluss legen zumindest die vielen Interviewanfragen nahe, die uns zu diesem Thema am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) täglich erreichen. Die Fragen der Journalisten ähneln sich: Ist lebenslanges Lernen für die meisten Menschen nicht eine Last, gar eine Zumutung? Wer will sich denn neben dem alltäglichen Stress noch weiterbilden? Sind viele Beschäftigte nicht ohnehin schon überlastet oder überfordert? Haben sie nicht zu viel Angst vor Veränderung und sind skeptisch gegenüber dem Fortschritt?

Tatsächlich findet sich in der Vermächtnis-Studie eine bemerkenswerte Gelassenheit der Befragten bei dem großen Veränderungsthema unserer Zeit – der Digitalisierung. In der Öffentlichkeit wird zwar lautstark über künstliche Intelligenz diskutiert, Experten warnen vor sozialen Unruhen, doch die Menschen in Deutschland bleiben unbeeindruckt: Gerade einmal drei Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass ihre Arbeit auch von Computern und Maschinen erledigt werden könnte. Die große Mehrheit kann sich überhaupt nicht vorstellen, den eigenen Job an einen Roboter zu verlieren. Ist der Wandel unserer Erwerbsarbeit, ist die Digitalisierung also nicht im Bewusstsein der Menschen verankert? Lässt sich daraus eine allgemeine Unbeweglichkeit der Deutschen ableiten?

In der Vermächtnis-Studie wurde gefragt, wie sehr die Menschen die neuesten technischen Entwicklungen über die reine Anwendung hinaus verstehen wollen. Die Hälfte sagt, dass ihnen dieses technische Verständnis wichtig sei. 40 Prozent sind unentschieden. Mit zehn Prozent sind jene, die die neueste Technik nicht verstehen möchten, in der Minderheit. Als Technik-Muffel kann man die Deutschen nicht bezeichnen. Den nachfolgenden Generationen empfehlen gar drei Viertel der Befragten, sich mit neuer Technik zu befassen. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Frage, wie offen sie für Neues sind. Der Hälfte der Befragten ist es aus ihrer Lebenserfahrung heraus sehr wichtig, etwas ganz Neues zu beginnen. Das Klischee der unflexiblen, veränderungsresistenten Deutschen: nicht bestätigt.

Die größte Aufgeschlossenheit aber zeigen die Befragten bei ihrer Einstellung zum lebenslangen Lernen. Über 70 Prozent sagen, dass sie offen sind, ein Leben lang etwas Neues zu lernen. Und fast 90 Prozent empfehlen diese Offenheit nachfolgenden Generationen. Lebenslanges Lernen ist ein Wert, auf den sich fast alle Befragten einigen können. Eine Norm, auf die man sich verständigt hat.

Wie passt dieser Befund mit dem Bild der störrischen, veränderungsresistenten Deutschen zusammen?

Einen Hinweis geben auch hier die Daten: Sie zeigen, dass die Diskussion über die Fortschrittswilligkeit der Deutschen von Unsicherheit geprägt ist. Sich selbst traut man die Bereitschaft zur Veränderung zu. Aber den anderen? Da sieht es düster aus. Ein Beispiel: Nur 40 Prozent der Menschen sind davon überzeugt, dass der Gesellschaft lebenslanges Lernen in Zukunft wichtig sein wird. Dazu trägt maßgeblich ein institutionelles Arrangement bei, das von großer Trägheit geprägt ist. Im Gegensatz zu anderen Ländern gilt in Deutschland noch immer die eine Bildung und die eine Ausbildung als ausreichend für ein ganzes Leben. Nichts könnte das besser belegen als das durchschnittliche Alter deutscher Auszubildender und Studierender. Selten finden sich in Lehre, Vorlesung und Seminar Menschen, die älter sind als 30 Jahre – in Nordamerika hingegen ist das eine Selbstverständlichkeit. Weiterbildung meint in Deutschland meist nicht mehr als die Auffrischung von Fremdsprachenkenntnissen, von Softwarekenntnissen, manchmal auch eine Schulung in Führung und Management. Für größere Veränderungen, für eine zweite oder dritte Ausbildung, für den Wechsel in einen ganz anderen Job, fehlt es nicht nur an Strukturen, es fehlt dafür sogar ein Wort. Am ehesten passt noch "Umschulung", traditionell steht dieser Ausdruck allerdings eher für Maßnahmen, die Langzeitarbeitslose zurück in die Berufswelt bringen sollen, also für eine gebrochene Erwerbsbiografie. Und so werkeln die Menschen in Deutschland vor sich hin und hoffen, den drohenden Jobverlust noch etwas hinauszuzögern, statt durch eine Weiterbildung bereit für die Veränderungen am Arbeitsmarkt zu sein. Damit werden viele Chancen vertan.

Es braucht eine neue Selbstverständlichkeit, dass Arbeitsbiografien nicht kontinuierlich verlaufen, und Institutionen, die über die nötigen Mittel verfügen, um Übergänge von einem in einen anderen Job zu organisieren und, wenn nötig, finanziell abzufedern. Das Umlernen muss präventiv stattfinden, wenn absehbar ist, dass die Tätigkeit in den nächsten Jahren automatisiert wird oder sich ändert. Die Betroffenen dürfen nicht alleingelassen werden. Stattdessen sollte es eine aufsuchende Beratung geben, eine Art Vorsorge, wie sie auch im Gesundheitssektor üblich ist. Dann ließe sich feststellen, wessen Beruf mittelfristig bedroht ist und wer eine berufliche Veränderung braucht. Die Betroffenen müssen ermutigt werden, neue Wege einzuschlagen – ohne den Zwang, jeden Job anzunehmen. Die Bereitschaft dafür ist da. Die Deutschen sind offen für Neues.