Es ist ein Jammer, dass Donald Trump nicht gern liest. Sonst gäbe es eine ideale Lektüre zur Vorbereitung seines Staatsbesuchs in Großbritannien Anfang Juni. Der amerikanische Präsident müsste sich nur einen Roman mit dem Titel Zweiundsiebzig Jungfrauen besorgen. Das Buch erzählt vom Staatsbesuch eines amerikanischen Präsidenten in Großbritannien und von dem perfiden Anschlag, den Islamisten aus diesem Anlass planen; am Ende geht aber alles gut aus. Es ist eine spannende und unterhaltsame Geschichte, eine politische Thriller-Farce mit eingestreuten klugen Betrachtungen über die multikulturelle Gesellschaft, die Radikalisierung junger muslimischer Männer und die neoimperiale Dominanz der Vereinigten Staaten. Das Werk besitzt den zusätzlichen Reiz, dass Donald Trump mit seinem Verfasser in den kommenden Jahren noch öfter zu tun bekommen könnte. Geschrieben hat die Zweiundsiebzig Jungfrauen nämlich Boris Johnson, der als chancenreichster Bewerber für die Nachfolge der glücklosen, demnächst aus dem Amt scheidenden britischen Premierministerin Theresa May gilt.

Auch ohne Kenntnis des transatlantischen Staatsbesuchsromans allerdings dürfte sich Trump über die Aussicht auf eine Regierung Johnson in London freuen. Der US-Präsident hat im vergangenen Jahr erklärt, Johnson würde einen "großartigen Premierminister" abgeben, und ihn auch jetzt, nach Mays Rücktrittsankündigung, einen "Freund" genannt (was dem "Freund" im trumpophoben Großbritannien eher schaden wird). Was Trump an Johnson liebt, ist genau das, was Politiker auf dem europäischen Kontinent an ihm verabscheuen: Er ist ein scharfer EU-Kritiker und Brexit-Hardliner. Johnson findet, dass sein Land ruhig ohne Vereinbarung aus der Union austreten solle (No Deal), wenn es keine besseren Bedingungen als im bisherigen Vertragsangebot bekommt.

Viele in der EU halten Johnson für einen inkompetenten Clown: In seiner kurzen Zeit als Theresa Mays Außenminister von 2016 bis 2018 hat er eine diplomatische Peinlichkeit an die andere gereiht. Er fiel auf einen Scherzanrufer herein, der sich als armenischer Ministerpräsident ausgab, und diskutierte mit ihm ausführlich die Probleme der Russlandpolitik. Er verglich den damaligen französischen Staatspräsidenten Hollande mit einem sadistischen Wachmann in einem Kriegsgefangenenlager im Zweiten Weltkrieg, und er zitierte in der früheren britischen Kolonie Myanmar mit unschuldigem Behagen ein sentimentales Gedicht von Rudyard Kipling, dem Barden des britischen Imperialismus. Ist diese Kombination von Arroganz und Tölpelei der ganze Boris Johnson? Was würde sein Aufstieg an die Regierungsspitze des Vereinigten Königreichs bedeuten? Wäre er ein weiteres Mitglied des Clubs von Nationalpopulisten und Rechtspolitikern, die gegenwärtig die Welt verunsichern?

Ein Unterschied zu Trump, Viktor Orbán und den übrigen normalerweise grimmigen Vorkämpfern des Antiliberalismus fällt sofort auf: Boris Johnson verfügt über Humor, gute Laune und Selbstironie. Mit seiner zerbeulten, verwuschelten Erscheinung (inzwischen allerdings von einer neuen Freundin etwas diszipliniert) ist er eine genuin populäre Figur in Großbritannien geworden, in puncto Starqualität und Wiedererkennbarkeit der Marke ohne Konkurrenz in der Politik; jeder redet von ihm bloß als "Boris". Dass er sich ausgiebig über sich selbst lustig macht, versöhnt viele Leute mit seinen Schwächen.

In den Zweiundsiebzig Jungfrauen hat der skandalgeplagte Unterhausabgeordnete Johnson (sein unaufgeräumtes Liebesleben war lange eine große Freude der Boulevardpresse) als Helden einen skandalgeplagten Unterhausabgeordneten geschaffen, Roger Barlow, der unter dem strengen Blick seiner jungen amerikanischen Assistentin charakterlich zu Staub zerfällt: Wie kann man, fragt die US-Idealistin nach eingehender Beobachtung ihres Chefs entgeistert, sich einen Konservativen nennen, aber an allen ethisch aufgeladenen Fragen von der Unsittlichkeit des Fernsehprogramms bis zur Schwulenehe komplett desinteressiert sein und sich mit Witzen oder Mogelei vor jeder Festlegung drücken? "Manchmal, so kam es ihr vor, wenn sie Roger über Pornografie oder Abtreibung schwafeln hörte, hatten die Mullahs einen Punkt. Kein Wunder, dass die christlichen Kirchen in permanentem Durcheinander und Niedergang zu sein schienen und dass der Islam die am schnellsten wachsende Religion in diesem Land war." Es dürfte nicht viele Spitzenpolitiker in der westlichen Welt geben, die in einem parodistischen literarischen Selbstporträt den eigenen Opportunismus unvorteilhaft mit der Gesinnungsfestigkeit doktrinärer muslimischer Kleriker verglichen haben.

Johnsons lebensfreundliches Image ist für die Frage nach seiner Führungstauglichkeit keineswegs unwichtig. Man muss sich klarmachen, in welcher Lage sich das Vereinigte Königreich im Augenblick befindet. Der Brexit ist womöglich gar nicht mehr das größte Problem des Landes, inzwischen entwickelt sich eine veritable Krise der politischen Ordnung. Auf dem Kontinent, wo man den Abschied von der EU zumeist für eine Schnapsidee hält, denkt man beim Stichwort Unzufriedenheit vorzugsweise an die frustrierten britischen Proeuropäer. Aber die Verbitterung auf der anderen Seite des Spektrums ist mindestens so tief und bedrohlich.