Wer die zahlreichen Interviews und Beiträge der Soziologin Cornelia Koppetsch zum Aufstieg der Rechten in den vergangenen Monaten verfolgte, konnte leicht misstrauisch werden. Sie schien ein Erklärungsmodell bereitzustellen, das allzu polemisch auf die Lebensweisen großstädtischer Schichten zielte. Die moralisch verfeinerten Kosmopoliten in den bunten Stadtvierteln würden die sozialen Konflikte, die sie selbst mitverantworteten, verdrängen, argumentierte sie oft. Der Vorwurf neubürgerlicher Heuchelei ist immer schnell zur Hand: Man steckt das eigene Kind in die ethnisch homogene Privatschule und erhebt sich bebend gegen Rechtspopulisten. Man umgibt sich mit Expats und ausländischen Wissenschaftlern, das eigene Milieu ist herrlich weltoffen und vor Populismus gefeit, aber die weltweite Ausbeutung – Grundlage der eigenen Existenz und Motor des Rechtsdralls der Gesellschaft – wird sorgsam ausgeblendet. Kurzum: Als Leser von Koppetschs öffentlichen Meinungsäußerungen war man drauf und dran, die Soziologin in jenem zuwanderungskritischen Flügel der Linkspartei zu verorten, der die Attraktivität der Rechten ausschließlich mit einer sozialen Schieflage und mit der Verlogenheit gesellschaftsliberaler Gentrifizierer erklärt.

Nun erscheint Cornelia Koppetschs Buch Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter (transcript Verlag), in dem sie ihre bislang arg zugespitzt formulierten Thesen differenziert. Es entpuppt sich überraschenderweise als das derzeit wohl anregendste Buch zum politischen und gesellschaftlichen Umbruch, der sich gerade – noch ziemlich ergebnisoffen – vollzieht. Umbruch meint ja nicht nur das Erstarken der Populisten, sondern den Niedergang der einstigen Volksparteien, der bis vor Kurzem noch so gut eingespielten Opposition zwischen Konservativen und Sozialdemokraten. In vielen Ländern (besonders prägnant in Frankreich und Polen) konkurrieren heute liberale und bürgerliche Parteien mit Rechtspopulisten um die Macht.

Das Buch der Darmstädter Soziologin wendet sich entschieden gegen die gängigen Erzählungen, wie es dazu kommen konnte. Sie macht plausibel, dass letztlich weder die Flüchtlingskrise allein ausschlaggebend war noch Persönlichkeitsdefizite eines dumm gewordenen Wahlvolkes, das ungünstige Sozialisationsbedingungen oder Armut mental irgendwie nicht verkraftet hat und deshalb rechts wählt. Derartiger, auch in Talkshows beliebter Paternalismus ist ihr auf wohltuende Weise fremd. Zwar wählen vorzugsweise "Verlierer" die neuen Populisten, aber es handelt sich dabei nicht zwingend um ökonomisch Abgehängte. Ganz im Sinne des Soziologen Andreas Reckwitz begreift Koppetsch die eigentliche Konfliktlinie der Gesellschaft als einen sehr grundlegenden Effekt der forcierten Globalisierung nach 1989: Jene, die sich transnational, kosmopolitisch ausrichten (darunter sind viele Grünen-Wähler, YouTuber, überhaupt viele junge Wähler), stehen jenen gegenüber, die mit dem rasanten Abbau der alten, national ausgerichteten Industriemoderne hadern (Teile der alten bildungsbürgerlich-konservativen Elite und symbolisch, nicht zwingend ökonomisch abgestiegene Kleinbürger zum Beispiel). Wenn sie von einem neuen Klassenkampf spricht, dann argumentiert sie nicht orthodox-marxistisch, sondern hat ein Ringen um Meinungsmonopole im Blick, die ins Unversöhnliche driften.

Allerdings spielt bei Koppetsch auch das Materielle eine Rolle: Die zunehmende Verfeinerung und Sensibilität des neuen akademischen Bürgertums sei zwar sympathisch, erzeuge aber im Gegenzug Hass und Enthemmungen. Da die soziale Mobilität stark eingeschränkt sei, werde die Zivilisierung bei den Verlierern des Globalisierungsprozesses geblockt. Das Zornpotenzial entlade sich politisch im Wunsch nach Restauration. Der Brexit dürfte übrigens ein besonders markantes Beispiel für diese These sein.

So betrachtet, erklären weder Fremdenfeindlichkeit noch Statuskonflikte allein den weltweiten Aufstieg der Populisten. Koppetsch ist der Meinung, es mit einer komplexen "sozialen Gegenbewegung gegen die globale Moderne" zu tun zu haben. Es gibt neuerdings die berechtigte Hoffnung, dass diese Bewegung an unserer neuen, grünen und ziemlich freundlichen Welt zerschellt.