Im Jahr 1963 übernimmt Ludwig Erhard mit der Parole "Maßhalten!" den Posten des Bundeskanzlers. Während sein Vorgänger im Palais Schaumburg residiert hat, lässt sich Erhard von dem befreundeten Architekten Sep Ruf einen Kanzlerbungalow errichten und zieht mit dem von bodentiefen Fensterscheiben gerahmten Flachbau einen Schlussstrich unter die jüngere deutsche Geschichte. Die konservativen Milieus echauffieren sich über dieses Bekenntnis zur klassischen Moderne und hetzen gegen das "Palais Schaumbad". Adenauer, so wird kolportiert, hält den "Maßhalte-Bunker" für ein architektonisches Verbrechen und hätte die Tat gern mit zehn Jahren Zuchthaus bestraft. Erhards Nachfolger Kiesinger versucht die kühle Stimmung mit Polstermöbeln aufzuplüschen. Willy Brandt zieht erst gar nicht ein. Helmut Schmidt setzt ein Zeichen für kühle Sachlichkeit, muss allerdings im "Deutschen Herbst" auf der Terrasse hinter einer kugelsicheren Scheibe die Sonne genießen.

Das Einfamilienhaus der Familie Ahrens führt daher in die mentalitätsgeschichtlichen Abgründe der Bundesrepublik: Ulrich Woelk platziert die Protagonisten seines neuen Romans in einem Gebäude, das zur selben Zeit und im selben Geist wie der Kanzlerbungalow gebaut wurde. Noch sehen sich die Deutschen nicht auf der sicheren Seite der Wohlfahrtsstaat-Moderne, blicken aber aus der "Panorama-Fensterfront" schon zuversichtlich in die Zukunft. Sie probieren neue Lebensformen aus und gehen damit ein hohes Risiko ein, denn sie sind nicht durch Traditionen versichert. Wenn sie scheitern, dann möglicherweise ganz, daher zählt jedes Detail. Und so wird in der Nachkriegsmoderne mit unerbittlicher Wut um scheinbare Belanglosigkeiten gekämpft, die heute keine Augenbraue mehr zucken lassen, um neue Tänze, Haar- oder Kleidermoden.

Familie Ahrens versteht sich als "Vorreiter" dieser historischen Umbruchphase. Vater Hans arbeitet als Ingenieur und stattet sein Eigenheim mit neuestem technischem Komfort aus. Die Mutter verrichtet ihr Tagwerk in der von Neonröhren beleuchteten Küche, die störende Gerüche mit einer UV-Dunstreinigung beseitigt. Der elfjährige Sohn Tobias fiebert den Abenteuern von Apollo 10 und 11 entgegen. Diese schöne neue Welt besteht aus "Doppelgaragenbau", "Konvektorenschacht", "Waschbetonterrasse" und "Schleiflacktüren". Wie Woelk auf den ersten Seiten seines Romans die unpoetischsten Vokabeln der Welt verwendet, zeigt seine ganze Kunstfertigkeit und ein feines Gespür für Rhythmus, Takt und Atmosphäre. Hier stimmt jedes Wort. Über allem aber schwebt der furchtbar lapidare erste Satz des Romans: "Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben."

Das Ende ist also klar, und auch der Handlungsverlauf erscheint auf den ersten Blick wenig überraschend: Natürlich stören die neuen Nachbarn die Routine; natürlich erweist sich die Familienidylle als Fassade; natürlich bringt die wahlverwandtschaftliche Anziehungskraft zwischen den so unterschiedlichen Ehepaaren alles durcheinander. Und natürlich entwickelt sich zwischen den Kindern der Familien eine zarte Liebesbeziehung mit allerdings sehr handfesten sexuellen Episoden – wie zuvor vom Waschbeton ist dann von "Brüsten" und "Penis" die Rede. Das mag reichlich frühreif wirken, passt allerdings wiederum ins historische Klima: 1954 konstatierte eine mit Mitteln des Marshallplans finanzierte "Längsschnittuntersuchung über die körperliche und seelische Entwicklung im Schulkindalter" eine immer früher einsetzende Pubertät und zugleich abnehmende Schulleistungen. Die Studie stützte damit den kulturkritischen Schluss von sexueller Liberalisierung auf Dekadenz.

Auch die Handlung des Romans, der tief in die bundesrepublikanische Frühgeschichte zurückführt, ist so durchsichtig und klar gebaut wie ein Gebäude von Sep Ruf: Ziemlich genau in der Mitte werden die Konstellationen bei einem Kricket-Match im Garten stellvertretend durchgespielt. Die eine Frau trägt eine Betonfrisur, die andere lässt ihren Haaren freien Lauf. Der eine Mann raucht Stuyvesant – die Marke wurde als "Duft der großen, weiten Welt" vermarktet, kam jedoch gerade außer Mode, weil der Werbeslogan mit einer Marschmelodie unterlegt war, die nicht mehr so recht zum Rhythmus des Zeitgeistes passte. Der Antagonist greift als Philosophiedozent zur Gitanes, um seine Individualität durch massentauglichen Nonkonformismus zu demonstrieren. Die Konsumwelten sind oberflächlich, in der Wirklichkeit wie im Roman. Daher stehen die Produkte den Akteuren auch genauso frei zur Verfügung wie der Markt der Ideologien und Ideen: Man kann sich für eine Jeans entscheiden oder beim gewohnten Wollrock bleiben. Hat man die Jeans gewählt, muss man die feinen Unterschiede zwischen einer Levi’s und einer Wrangler beachten. Man kann mit Adorno gegen die Kulturindustrie streiten oder doch eher mit Benjamin über die befreienden Effekte der neuen Unterhaltungsmedien nachdenken. Und man kann die nahende Revolution erwarten oder sich mit den Vorzügen des Komfort-Kapitalismus arrangieren. Als Konsumenten fallen die Personen weder intellektuell noch ökonomisch den Umständen zum Opfer. Sie kennen sich gut und geben gern über sich Auskunft.

Und sie täuschen sich. Während der Roman sonst nicht mit Erläuterungen geizt, spart sich Woelk viele Worte, als die letzten Gewissheiten infrage gestellt werden. Über die Generationengrenzen und politischen Programme hinweg bildet sich nun eine Front. Die Streitigkeiten, die das Konfliktklima der 1968er-Jahre bestimmen, verdecken nur sehr viel tiefer liegende Gemeinsamkeiten zwischen den männlichen Kontrahenten, die über alle ideologischen Gräben hinweg einer Meinung sind: Die Mutter macht "alles kaputt", weil sie in ihrem kurzen Lebenssommer etwas tut, mit dem keiner gerechnet hat. Das Schädlingsbekämpfungsmittel E605 kommt zum Einsatz, mit dem Walter Ahrens zu Beginn des Romans seinen Garten sauber und rein hält. Es führt aber kein Weg mehr in das alte Leben zurück. Dem Erzähler bleibt nur das wunde Gefühl, in einem Augenblick, in dem alles anders wurde, falsch gehandelt zu haben. Ulrich Woelk bricht die große 1968er-Euphorie und -Verdammung, indem er literarisch eine ebenso zarte wie schmerzhafte historische Empfindung vermittelt.

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter
C. H. Beck, München 2019; 189 S., 19,95 €, als E-Book 15,99 €